Polen: Nawrocki drÀngt sich ins Verfassungsgericht
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 04:27 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRichterwahl und Gerichtsleitung im Streit
- Das polnische Parlament nominierte fĂŒnf neue Verfassungsrichter aus den Reihen der Regierungsmehrheit.
- PrÀsident Karol Nawrocki brach seine Senegal-Reise ab und fuhr in der Nacht zum Gericht in Warschau.
- Anna Korwin-Piotrowska sollte das Gericht vorĂŒbergehend leiten, nachdem zwei PiS-nahe Amtsinhaber suspendiert worden waren.
Polens PrÀsident Nawrocki drÀngt sich ins Verfassungsgericht
In Polen ist der Streit zwischen der Mitte-Links-Regierung und dem rechtskonservativen Lager um das Verfassungsgericht eskaliert. PrÀsident Karol Nawrocki brach seine Reise in den Senegal ab und begab sich in der Nacht zu GesprÀchen in den Gerichtshof in Warschau.
Proteste vor dem Gericht
Vor dem GebÀude versammelten sich am Abend hunderte Demonstranten, die MinisterprÀsident Donald Tusk und seiner Regierung einen Angriff auf die Verfassung und die Justiz vorwarfen. Die Polizei riegelte das Verfassungsgericht ab.
Ein vom neu nominierten Verfassungsrichter Maciej Berek veröffentlichtes Video zeigt, wie sich Nawrocki mit robustem Körpereinsatz in das GebÀude drÀngt. Berek zufolge soll der PrÀsident dabei auch eine Richterin körperlich angegriffen haben.
PrÀsident erkennt Richter nicht an
In einem weiteren Video ist zu hören, wie Nawrocki der Richterin Anna Korwin-Piotrowska und mehreren Kollegen sagt: «Sie sind keine Verfassungsrichter!» Korwin-Piotrowska gehört zu den fĂŒnf neuen Richtern, die der PrĂ€sident nicht vereidigen wollte.
Das Parlament hatte die fĂŒnf Juristen mit den Stimmen der Regierungsmehrheit nominiert. Nawrocki gehört wie die frĂŒher regierende PiS zum rechtskonservativen Lager.
Leitung des Gerichts umstritten
Auslöser der aktuellen Krise war eine Bekanntmachung auf der Internetseite des Verfassungsgerichts. Demnach wurden der bisherige GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter fĂŒr einen Monat von ihren Funktionen entbunden.
Stattdessen sollte Korwin-Piotrowska das Gericht geschĂ€ftsfĂŒhrend leiten. Swieczkowski und sein Stellvertreter verdanken ihre Posten der PiS, die Polen von 2015 bis 2023 regierte und das Verfassungsgericht mit politisch nahestehenden Richtern besetzte.
EuropÀische Kritik an der Justiz
Der EuropĂ€ische Gerichtshof hatte seinerzeit festgestellt, dass das polnische Verfassungsgericht wegen gravierender MĂ€ngel bei der Ernennung von Richtern und seiner damaligen PrĂ€sidentin nicht als unabhĂ€ngig und unparteiisch angesehen werden könne. Der Konflikt ĂŒber die institutionelle Kontrolle des Gerichts besteht damit seit Jahren fort.
Der Streit um das polnische Verfassungsgericht ist Teil einer seit Jahren ungelösten Auseinandersetzung ĂŒber die Besetzung und UnabhĂ€ngigkeit zentraler Justizinstitutionen. WĂ€hrend der PiS-Regierung von 2015 bis 2023 wurden zahlreiche Richter ernannt, deren Auswahl spĂ€ter von europĂ€ischen Gerichten beanstandet wurde. Die Mitte-Links-Regierung von Donald Tusk versucht seit ihrem Amtsantritt, die Folgen dieser Justizpolitik zurĂŒckzudrĂ€ngen.
Institutioneller Konflikt
Im Zentrum steht die Frage, welche Rolle Parlament und PrĂ€sident bei der Ernennung von Verfassungsrichtern haben. Die Regierungsmehrheit beruft sich auf ihre ZustĂ€ndigkeit fĂŒr die Wahl der Richter, wĂ€hrend Nawrocki die Vereidigung von fĂŒnf Nominierten verweigert. Damit bleibt nicht nur die Zusammensetzung des Gerichts umstritten, sondern auch seine FĂ€higkeit, verbindlich ĂŒber die VerfassungsmĂ€Ăigkeit von Gesetzen zu entscheiden.
Die Eskalation betrifft deshalb mehr als einen persönlichen Streit. Wenn konkurrierende Lager jeweils die LegitimitĂ€t von Richtern, Gerichtsleitung oder Veröffentlichungen bestreiten, geraten staatliche Entscheidungen und die Rechtssicherheit unter Druck. FĂŒr BĂŒrger, Unternehmen und Behörden kann dadurch schwerer vorhersehbar werden, welche Urteile und institutionellen Anordnungen Bestand haben.
Folgen fĂŒr Polens Rechtsstaat
Der Konflikt belastet zugleich Polens VerhĂ€ltnis zu europĂ€ischen Institutionen. Die frĂŒhere Kritik des EuropĂ€ischen Gerichtshofs an der UnabhĂ€ngigkeit des Verfassungsgerichts bildet den rechtlichen Hintergrund der aktuellen Auseinandersetzung. Kurzfristig dĂŒrfte der Streit die politische Polarisierung weiter verstĂ€rken; eine dauerhafte Lösung setzt jedoch klare, von allen Seiten akzeptierte Regeln fĂŒr die Richterwahl und die Leitung des Gerichts voraus.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Stern: âUmstrittener Justizumbau: Turbulenzen in Polen: PrĂ€sident besucht Verfassungsgerichtâ (31.10.2026)
Der Artikel bestĂ€tige den Besuch Nawrockis im Verfassungsgericht und ordne ihn in den Streit zwischen der Regierung und dem PiS-nahen Lager ein. Im Mittelpunkt stĂŒnden der abgebrochene Auslandsaufenthalt, die Proteste und die umstrittene geschĂ€ftsfĂŒhrende Leitung durch Anna Korwin-Piotrowska.
Euronews: âPolen: Polizei sichert Verfassungsgericht, Kaczy?ski warnt vor Putschâ (30.10.2026)
Der Bericht habe den Polizeischutz, die umstrittene Mitteilung auf der Gerichtswebsite und die VorwĂŒrfe des PiS-Vorsitzenden Jaros?aw Kaczy?ski in den Vordergrund gerĂŒckt. Anders als der Stern-Beitrag habe er zudem die Vorgeschichte mit frĂŒheren Richterwahlen und einem Verfahren vor dem EuropĂ€ischen Gerichtshof fĂŒr Menschenrechte ausfĂŒhrlicher dargestellt.
Beide BeitrĂ€ge stimmten darin ĂŒberein, dass der langjĂ€hrige Streit um die Gerichtsbesetzung eskaliert sei. Unterschiede gebe es vor allem beim Schwerpunkt: WĂ€hrend der Stern den Besuch des PrĂ€sidenten betone, rĂŒcke Euronews die SicherheitsmaĂnahmen und die institutionellen ZustĂ€ndigkeitsfragen in den Mittelpunkt.
