Polen: Tusk kritisiert Nawrockis Auftritt im Verfassungsgericht
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 04:30 Uhr | dpa, AD HOC NEWSPolens Verfassungsgericht zwischen Regierung und PrÀsident
- Donald Tusk kritisierte Nawrockis Auftritt im Gericht und sprach sich gegen politische EinschĂŒchterung von Richtern aus.
- Der Streit begann mit der vorlÀufigen Ablösung von Bogdan Swieczkowski und seinem Stellvertreter.
- Vertreter von BĂŒrgerkoalition und Linken blieben dem Treffen im PrĂ€sidentenpalast fern.
Machtkampf um Polens Verfassungsgericht verschÀrft sich
Polens MinisterprÀsident Donald Tusk hat PrÀsident Karol Nawrocki nach dessen umstrittenem Auftritt im Verfassungsgericht scharf kritisiert. Nawrockis GesprÀche mit Vertretern der im Parlament vertretenen Parteien blieben am Samstag ohne konkretes Ergebnis.
Tusk kritisiert Vorgehen des PrÀsidenten
In einer Fernsehansprache sagte Tusk, im Rechtsstaat entschieden nicht âMuskeln und UnverschĂ€mtheitâ darĂŒber, wer recht habe. Er bezog sich damit auf Nawrockis Besuch im von Demonstranten umringten GerichtsgebĂ€ude in der Nacht zum Samstag.
Ein von einem Verfassungsrichter veröffentlichtes Video zeigt, wie sich der ehemalige Amateurboxer mit robustem Körpereinsatz Zugang verschafft. Dabei drĂŒckte er auch eine Richterin nach unten.
Streit um die Gerichtsleitung
Der Machtkampf war am Freitag eskaliert. Auf der Website des Verfassungsgerichts war mitgeteilt worden, dass PrĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter vorlĂ€ufig von ihren Funktionen entbunden seien. Die Richterin Anna Korwin-Piotrowska sollte das Gericht geschĂ€ftsfĂŒhrend leiten.
Daraufhin protestierten AnhÀnger der rechtskonservativen PiS und anderer rechter Gruppierungen gegen die Ablösung. Tusk bezeichnete den Vorgang als weiteren Schritt bei der Zerstörung der Rechtsstaatlichkeit durch die PiS und die von ihr gestellten PrÀsidenten Andrzej Duda und Karol Nawrocki.
Regierungslager bleibt Treffen fern
Nawrocki empfing am Samstag Vertreter mehrerer Parlamentsfraktionen im PrÀsidentenpalast. Aus dem Regierungslager nahmen Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz von der PSL und Szymon Holownia von Polen 2050 teil.
Die Fraktionen von Tusks BĂŒrgerkoalition und der mitregierenden Linken erschienen nicht. Sie verwiesen darauf, dass der Zweck des Treffens nicht nĂ€her erlĂ€utert worden sei. Die EU-Kommission verfolgt die Entwicklung aufmerksam und verweist auf die Pflicht, das Gericht im Einklang mit der polnischen Verfassung und der Rechtsprechung des EuropĂ€ischen Gerichtshofs arbeiten zu lassen.
Der Konflikt um das polnische Verfassungsgericht ist Teil eines seit Jahren andauernden institutionellen Machtkampfs. Die nationalkonservative PiS-Regierung besetzte das Gericht wĂ€hrend ihrer Regierungszeit mit politisch nahestehenden Juristen. Nach dem Regierungswechsel 2023 versucht das proeuropĂ€ische Lager unter Donald Tusk, diese VerĂ€nderungen rĂŒckgĂ€ngig zu machen.
Die Auseinandersetzung betrifft damit nicht nur die Zusammensetzung eines Gerichts, sondern die Frage, wer in Polen verbindlich ĂŒber die Auslegung der Verfassung entscheidet. EuropĂ€ische Gerichte hatten zuvor Zweifel an der UnabhĂ€ngigkeit des Verfassungsgerichts geĂ€uĂert. Zugleich erschweren die unterschiedlichen politischen Mehrheiten in Regierung und PrĂ€sidentenamt jede institutionelle Lösung.
Konflikt mit Folgen fĂŒr Staat und EU
Die aktuelle Eskalation erhöht den Druck auf Polizei, Justiz und Verwaltung, zwischen konkurrierenden Anweisungen zu handeln. FĂŒr BĂŒrgerinnen und BĂŒrger kann sich der Streit auf die Rechtssicherheit auswirken, wenn Urteile, Ernennungen und Entscheidungen des Gerichts von den politischen Lagern unterschiedlich bewertet werden.
Auch europĂ€ische Interessen sind berĂŒhrt. Die EU-Kommission verlangt, dass das Gericht im Einklang mit der polnischen Verfassung und der Rechtsprechung des EuropĂ€ischen Gerichtshofs arbeitet. Der fĂŒr den 3. November angekĂŒndigte Termin aller Verfassungsrichter könnte deshalb ein nĂ€chster wichtiger Schritt im Machtkampf werden.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Frankfurter Rundschau: âChaos in Polen: PrĂ€sident Nawrocki rĂŒpelt sich ins Verfassungsgerichtâ (31.10.2026)
Der Artikel ordnet den körperlich umstrittenen Auftritt Nawrockis in die VorgÀnge um die Gerichtsleitung und die Proteste ein. Einen Schwerpunkt legt er auf die Vorgeschichte der PiS-Justizreformen und die gegensÀtzlichen Deutungen der institutionellen ZustÀndigkeit.
tagesschau: âPolen: Tumult und Protest vor dem Verfassungsgerichtâ (31.10.2026)
Die tagesschau hebt neben dem Auftritt des PrĂ€sidenten die Polizeisperre, Festnahmen bei Protesten und die widersprĂŒchlichen Mitteilungen zur GerichtsfĂŒhrung hervor. Beide BeitrĂ€ge beschreiben eine Eskalation des Machtkampfs; offen bleibt, wie die angekĂŒndigte Sitzung der Verfassungsrichter am 3. November ausgeht.
