Polens Verfassungsgericht: Nawrocki bricht Senegal-Reise ab
Veröffentlicht am: 31.10.2026 um 04:46 Uhr | dpa, AD HOC NEWSDer Termin am 3. November
- Richterin Anna Korwin-Piotrowska berief fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter ein.
- PrÀsident Karol Nawrocki brach seine Reise in den Senegal ab und fuhr noch in der Nacht zum Gericht.
- Vor dem GerichtsgebÀude in Warschau versammelten sich am Abend hunderte Demonstranten.
Machtkampf um Polens Verfassungsgericht eskaliert
In Polen ist der Konflikt zwischen der Mitte-Links-Regierung und dem rechtskonservativen Lager um PrÀsident Karol Nawrocki wegen der Besetzung des Verfassungsgerichts zugespitzt. In Warschau versammelten sich hunderte Demonstranten vor dem Gericht, wÀhrend die Polizei das GebÀude abriegelte und Nawrocki seine Senegal-Reise abbrach.
Gericht veröffentlicht umstrittene Personalentscheidung
Auslöser war eine Bekanntmachung auf der Internetseite des Verfassungsgerichts. Demnach wurden GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter von ihren Funktionen entbunden; die neu nominierte Richterin Anna Korwin-Piotrowska sollte die Leitung kommissarisch ĂŒbernehmen.
Swieczkowski wies die Entscheidung zurĂŒck und sprach von einem Staatsstreich. Korwin-Piotrowska erklĂ€rte dagegen, Swieczkowski habe das Gericht handlungsunfĂ€hig gemacht, weil er neu nominierten Richtern den Zugang verweigert habe.
Regierung und PiS stehen sich gegenĂŒber
Im politischen Kern stehen sich Tusks proeuropĂ€ische BĂŒrgerkoalition und ihre BĂŒndnispartner sowie die oppositionelle PiS und Nawrocki gegenĂŒber. Die PiS hatte das Gericht wĂ€hrend ihrer Regierungszeit von 2015 bis 2023 mit politisch nahestehenden Richtern besetzt.
Nach dem Regierungswechsel 2023 wollte Tusk die umstrittenen Ănderungen im Justizwesen rĂŒckgĂ€ngig machen. Nawrocki verweigerte jedoch die Vereidigung von fĂŒnf vom Parlament nominierten Verfassungsrichtern. Als diese ihren Amtseid vor dem Parlament ablegten, lieĂ Swieczkowski sie nicht in das GerichtsgebĂ€ude.
Proteste vor dem Gericht in Warschau
Vor dem Gericht demonstrierten AnhĂ€nger der PiS und rechtsradikaler Parteien. Sie bezeichneten die Ablösung Swieczkowskis als unrechtmĂ€Ăig und warfen der Regierung vor, die Justiz unter ihre Kontrolle bringen zu wollen.
Einige Demonstranten versuchten, Zugang zum GelĂ€nde zu erlangen. Die Polizei sicherte das GebĂ€ude, nachdem eine Richterin wegen möglicher Gefahren fĂŒr Richter und BeschĂ€ftigte alarmiert hatte.
NĂ€chster Termin am 3. November
Korwin-Piotrowska gehört zu den fĂŒnf Richtern, deren Vereidigung Nawrocki verweigert hatte. Sie berief als dienstĂ€lteste Richterin fĂŒr den 3. November eine Sitzung aller Verfassungsrichter ein.
MinisterprĂ€sident Donald Tusk erklĂ€rte, seine Regierung mĂŒsse die Rechtsstaatlichkeit in Polen wiederherstellen. Der Streit belastet damit nicht nur die innenpolitische Lage, sondern auch Polens geschlossenes Auftreten in EU und Nato.
Der Konflikt um das polnische Verfassungsgericht ist Teil eines seit Jahren andauernden Streits ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit der Justiz. Die PiS-Regierung hatte zwischen 2015 und 2023 zahlreiche Richter eingesetzt und das Justizsystem umfassend umgebaut. EuropĂ€ische Gerichte beanstandeten dabei insbesondere die Besetzung des Verfassungsgerichts und zweifelten an seiner UnabhĂ€ngigkeit.
Nach dem Regierungswechsel 2023 versucht die Mitte-Links-Koalition unter Donald Tusk, diese VerĂ€nderungen rĂŒckgĂ€ngig zu machen. PrĂ€sident Karol Nawrocki und die PiS stellen sich gegen diesen Kurs. Die Auseinandersetzung betrifft deshalb nicht nur einzelne Personalentscheidungen, sondern die Frage, welche staatliche Institution die Zusammensetzung und ArbeitsfĂ€higkeit des Gerichts bestimmen darf.
Polens institutionelle Blockade
Die Eskalation zeigt, wie stark sich politische ZustĂ€ndigkeiten und rechtliche Bewertungen ĂŒberlagern. Wenn Regierung, PrĂ€sident und Verfassungsgericht jeweils die LegitimitĂ€t der anderen Seite bestreiten, werden Entscheidungen ĂŒber Richterposten selbst zum Machtinstrument. FĂŒr BĂŒrgerinnen und BĂŒrger kann das die VerlĂ€sslichkeit von Urteilen und den Schutz von Grundrechten beeintrĂ€chtigen.
Innenpolitisch verschĂ€rft der Streit die Polarisierung zwischen dem proeuropĂ€ischen Regierungslager und der nationalkonservativen Opposition. AuĂenpolitisch schwĂ€cht er Polens geschlossenes Auftreten in EU und Nato. Der fĂŒr den 3. November angekĂŒndigte Termin der Verfassungsrichter könnte den Konflikt weiter zuspitzen, falls die beteiligten Lager ihre gegensĂ€tzlichen Rechtsauffassungen beibehalten.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
n-tv: âDer Tag: Polizisten sichern GebĂ€ude: Streit um Verfassungsgericht in Polen eskaliertâ (30.10.2026)
Der Beitrag hebt die Absicherung des Gerichts durch die Polizei und den Abbruch von Nawrockis Senegal-Reise hervor. Im Mittelpunkt steht zudem Tusks Forderung, die Rechtsstaatlichkeit wiederherzustellen.
BR24: âStreit ĂŒber polnisches Verfassungsgericht eskaliertâ (31.10.2026)
BR24 beschreibt die Tumulte vor dem Gericht und den Streit ĂŒber die Besetzung der Richterposten. Anders als der n-tv-Beitrag stellt der Bericht die Vorgeschichte der PiS-Justizreformen und die europĂ€ische Kritik am Gericht stĂ€rker heraus.
Beide BeitrĂ€ge schildern eine Eskalation vor dem Verfassungsgericht und Nawrockis RĂŒckkehr nach Warschau. Unterschiede bestehen vor allem beim Schwerpunkt: Sicherheit und politische Reaktionen stehen der institutionellen Vorgeschichte gegenĂŒber.
