Polens Verfassungsgericht: Tusk und Nawrocki ohne Kompromiss
Veröffentlicht am: 01.11.2026 um 14:16 Uhr | dpa, AD HOC NEWSRichterstreit erreicht nÀchste Verfahrensstufe
- Donald Tusk und Karol Nawrocki beharren auf ihren Positionen im Machtkampf um Polens Verfassungsgericht.
- Vier ehemalige GerichtsprÀsidenten kritisieren Nawrockis Vorgehen als Verletzung der Gerichtsautonomie.
- Am Dienstag soll eine Generalversammlung ĂŒber die richterliche ImmunitĂ€t von Bogdan Swieczkowski beraten.
Polens Verfassungsgericht steht vor neuer Eskalationsstufe
Im Machtkampf um Polens Verfassungsgericht zeichnet sich keine AnnĂ€herung zwischen Regierungschef Donald Tusk und PrĂ€sident Karol Nawrocki ab. Eine fĂŒr Dienstag geplante Generalversammlung der Richter könnte den Konflikt um die FĂŒhrung des Gerichts weiter verschĂ€rfen.
Regierung und PrÀsident beharren auf ihren Positionen
Tusk erklĂ€rte am Samstagabend, in bestimmten Fragen könne es keinen Kompromiss geben. Vier ehemalige PrĂ€sidenten des Verfassungsgerichts unterstĂŒtzten die Regierung und bezeichneten Nawrockis Vorgehen als beispiellose Verletzung der Autonomie des Gerichts.
Auch die EU-Kommission schaltete sich ein. Sie betonte, die polnische FĂŒhrung mĂŒsse sicherstellen, dass das Verfassungsgericht im Einklang mit der polnischen Verfassung und der Rechtsprechung des EuropĂ€ischen Gerichtshofs arbeite.
Streit um die Leitung des Gerichts
Auslöser der jĂŒngsten Zuspitzung war eine Bekanntmachung auf der Internetseite des Gerichts. Demnach wurden GerichtsprĂ€sident Bogdan Swieczkowski und sein Stellvertreter von ihren Funktionen entbunden; die Richterin Anna Korwin-Piotrowska ĂŒbernahm kommissarisch die Leitung.
Swieczkowski akzeptierte die Entscheidung nicht und sprach von einem Staatsstreich. Gegen seine Absetzung demonstrierten AnhÀnger der PiS und des rechten Spektrums, am Sonntag waren es jedoch deutlich weniger als zuvor.
Ursprung reicht bis zur PiS-Regierung zurĂŒck
Die PiS hatte das Verfassungsgericht wÀhrend ihrer Regierungszeit von 2015 bis 2023 mit politisch nahestehenden Richtern besetzt. Der EuropÀische Gerichtshof stellte damals fest, dass das Gericht wegen gravierender MÀngel bei der Ernennung von Richtern und der damaligen PrÀsidentin nicht als unabhÀngig und unparteiisch angesehen werden könne.
Nach dem Regierungswechsel 2023 wollte Tusk die umstrittenen Justizreformen rĂŒckgĂ€ngig machen. Nawrocki verweigert seit Monaten die Vereidigung von fĂŒnf vom Parlament nominierten Verfassungsrichtern. Als diese ihren Amtseid vor dem ParlamentsprĂ€sidenten ablegten, verwehrte ihnen Swieczkowski den Zugang zum GerichtsgebĂ€ude.
Nawrocki drÀngt in das GerichtsgebÀude
Nawrocki besuchte das von Demonstranten umlagerte Gericht in der Nacht zum Samstag. Ein in sozialen Medien veröffentlichtes Video zeigte, wie sich der frĂŒhere Amateurboxer mit robustem Körpereinsatz in das GebĂ€ude drĂ€ngte und dabei die Richterin Korwin-Piotrowska nach unten drĂŒckte.
Tusk verschĂ€rfte daraufhin seine Kritik. Er sagte, in einem Rechtsstaat entschieden nicht Muskeln und UnverschĂ€mtheit darĂŒber, wer recht habe.
GesprÀche ohne konkretes Ergebnis
Nawrocki traf sich am Samstag mit Vertretern mehrerer Parlamentsfraktionen. Aus dem Regierungslager nahmen Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz und Szymon Holownia teil.
Tusks BĂŒrgerkoalition und die mitregierende Linke blieben dem Treffen fern. Ein konkretes Ergebnis wurde nicht bekannt.
Generalversammlung soll ĂŒber ImmunitĂ€t beraten
Korwin-Piotrowska hat fĂŒr Dienstag eine Generalversammlung aller Verfassungsrichter einberufen. Das Gremium kann unter anderem ĂŒber die strafrechtliche Verfolgung von Verfassungsrichtern und ĂŒber deren dauerhafte Versetzung in den Ruhestand entscheiden.
Justizminister und Generalstaatsanwalt Waldemar Zurek beantragte bereits, dass die Generalversammlung ĂŒber die Aufhebung der richterlichen ImmunitĂ€t von Swieczkowski und dessen Stellvertreter beraten soll.
Der Streit um Polens Verfassungsgericht ist Teil eines seit Jahren andauernden Konflikts ĂŒber die UnabhĂ€ngigkeit der Justiz und die politische Kontrolle zentraler Institutionen. Die PiS-Regierung hatte das Gericht zwischen 2015 und 2023 mit politisch nahestehenden Richtern geprĂ€gt. Der EuropĂ€ische Gerichtshof bewertete die damalige Besetzung wegen gravierender MĂ€ngel bei Ernennungen als unvereinbar mit den Anforderungen an ein unabhĂ€ngiges und unparteiisches Gericht.
Nach dem Regierungswechsel 2023 wollte Donald Tusk diese VerĂ€nderungen rĂŒckgĂ€ngig machen. PrĂ€sident Karol Nawrocki, der dem rechtskonservativen Lager nahesteht, blockiert jedoch die Vereidigung von fĂŒnf neu nominierten Richtern. Dadurch stehen sich zwei konkurrierende Vorstellungen von der rechtmĂ€Ăigen Zusammensetzung des Gerichts gegenĂŒber.
Institutioneller Konflikt mit Folgen
Die Auseinandersetzung betrifft nicht nur Personalfragen. Das Verfassungsgericht entscheidet ĂŒber die Vereinbarkeit von Gesetzen mit der Verfassung und besitzt damit eine zentrale Funktion bei der Kontrolle staatlicher Macht. Wenn Regierung, PrĂ€sident und Richter die LegitimitĂ€t der jeweils anderen Seite bestreiten, drohen widersprĂŒchliche Entscheidungen und eine SchwĂ€chung der Rechtssicherheit.
FĂŒr Polen ist der Konflikt auch europapolitisch relevant. Die EU-Kommission erwartet, dass das Gericht mit der polnischen Verfassung und der Rechtsprechung des EuGH vereinbar arbeitet. Die fĂŒr Dienstag angekĂŒndigte Generalversammlung könnte den Streit durch eine Entscheidung ĂŒber die FĂŒhrung des Gerichts und mögliche ImmunitĂ€tsfragen weiter verschĂ€rfen.
Neue VorschlÀge zur EntschÀrfung
Bei GesprĂ€chen im PrĂ€sidentenpalast wurden zugleich VorschlĂ€ge fĂŒr einen grundlegenden Neustart des Gerichts und fĂŒr vorgezogene Neuwahlen diskutiert. Eine politische VerstĂ€ndigung könnte die institutionelle Blockade lösen, mĂŒsste aber die konkurrierenden Rechtsauffassungen der Lager zusammenfĂŒhren.
Pressespiegel: Einigkeit, Unterschiede und offene Fragen
Euronews: âKrise um Verfassungsgericht in Polen: Neuwahlen, Neustart oder GesprĂ€che?â (01.11.2026)
Der Beitrag berichtet ĂŒber Nawrockis GesprĂ€che mit den Fraktionsvorsitzenden und stellt unterschiedliche Auswege aus der Krise gegenĂŒber. Neben dem Vorschlag vorgezogener Neuwahlen wird ein politisch vereinbarter Neustart des Gerichts genannt. Offen bleibt, ob die politischen Lager einen gemeinsamen rechtlichen Rahmen finden.
ZDFheute: âKonflikt in Polen: Tusk kritisiert PrĂ€sident Nawrockiâ (01.11.2026)
Der Bericht legt den Schwerpunkt auf Tusks scharfe Kritik an Nawrockis Auftritt im GerichtsgebĂ€ude und auf die GesprĂ€che des PrĂ€sidenten mit mehreren Fraktionen. Er bestĂ€tigt die verhĂ€rteten Fronten, betont aber stĂ€rker die politische Auseinandersetzung und die gegenseitigen VorwĂŒrfe. Beide BeitrĂ€ge zeigen, dass konkrete Ergebnisse der GesprĂ€che bislang fehlen und eine weitere Eskalation möglich bleibt.
