Tausende in Berlin wohl noch tagelang ohne Strom und WĂ€rme
05.01.2026 - 20:22:06 | dpa.de(neu: weitere Details)
BERLIN (dpa-AFX) - Nach dem groĂen Stromausfall im SĂŒdwesten Berlins infolge eines Brandanschlags kommen die Arbeiten zur Wiederherstellung der Versorgung nach EinschĂ€tzung der Beteiligten langsam voran. Aber viele Tausend Menschen mĂŒssen wohl noch mehrere Tage bis Donnerstag ohne Strom in dunklen und kalten Wohnungen oder in Ausweichquartieren ausharren.
2.000 weitere Haushalte konnten laut Betreiber wieder an das Stromnetz angschlossen werden. Nach mehreren groĂen KrankenhĂ€usern haben nach Angaben des Berliner Senats nunmehr auch die allermeisten Pflegeheime wieder Strom. Dank Notstromaggregaten öffneten etliche SupermĂ€rkte, weitere sollen am Dienstag folgen. Handys haben vielfach wieder Netz, weil zahlreiche Mobilfunkmasten wieder in Betrieb sind.
Schulen geschlossen
Allerdings blieben rund 20 Schulen geschlossen, die wichtigen S-Bahn-Linien 1 und 7 sind weiter gestört. Viele Unternehmen versuchen irgendwie zu improvisieren. In zahlreichen NotunterkĂŒnften und Anlaufpunkten finden sich immer wieder Menschen ein, um ihr Handy aufzuladen, etwas Warmes zu trinken oder zu essen. Manche ĂŒbernachten dort auf Pritschen.
Bundeswehr hilft
Bei der BewĂ€ltigung der Folgen des Stromausfalls erhĂ€lt die Hauptstadt jetzt Hilfe von der Bundeswehr. Noch am Abend sollte ihr Einsatz zur Betankung von Notstromaggregaten vornehmlich zur Versorgung von Pflegeeinrichtungen beginnen. Die Polizei informiert betroffene Menschen nach eigenen Angaben mit 30 Lautsprecherwagen ĂŒber die Lage und zeigt auch ansonsten erhöhte PrĂ€senz, um KriminalitĂ€t zu verhindern.
100.000 betroffene Menschen
Nach dem Brandanschlag an einer KabelbrĂŒcke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, zu dem sich eine linksextremistische Gruppierung bekannte, waren am Samstagmorgen im SĂŒdwesten Berlins zunĂ€chst 45.000 Haushalte und 2.200 Unternehmen ohne Strom. Nach und nach wurde ein Teil der Kunden wieder angeschlossen. Aktuell sind laut dem Betreiber Stromnetz Berlin noch 27.800 Haushalte und rund 1.450 Gewerbekunden ohne Strom. Nach Angaben des Regierenden BĂŒrgermeisters Kai Wegner (CDU) waren oder sind 100.000 Menschen von dem Blackout betroffen. Berlin hatte am Sonntag eine sogenannte GroĂschadenslage ausgerufen.
Umfangreiche Ermittlungen
Bei den Ermittlungen zu den TĂ€tern gibt es noch keine Ergebnisse. Die Polizei spricht von sehr umfangreicher Tatortarbeit. Erste Zeugen wĂŒrden vernommen, Videomaterial etwa der Verkehrsbetriebe BVG ausgewertet. Die sogenannten "Vulkangruppen", die sich zu dem Anschlag in einem Schreiben bekannten, sind den Ermittlern bereits lĂ€nger bekannt. Sie griffen mutmaĂlich schon mehrfach etwa Bahnanlagen oder das Stromnetz an.
Nach EinschÀtzung der Bundesregierung ist indes noch nicht sicher, wer hinter dem aktuellen Anschlag steckt. Eine linksextremistische Motivation sei "naheliegend", aber die Ermittlungen liefen noch, sagte eine Sprecherin. Berlins Innenverwaltung hatte das Bekennerschreiben am Sonntag als authentisch eingestuft.
Politik spricht von Terrorismus
Innensenatorin Iris Spranger (SPD) sprach - wie am Sonntag bereits der Regierende BĂŒrgermeister Wegner - von "Linksterrorismus". TĂ€ter hĂ€tten bewusst und wissentlich in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kĂ€men. "Jetzt ist es wichtig, dass auch der Generalbundesanwalt hier die Ăbernahme des Verfahrens prĂŒft." Wegner betonte erneut: "Hier kann man von Terrorismus sprechen, ja hier muss man von Terrorismus sprechen." Vieles spreche dafĂŒr, dieses Verfahren wie von Spranger gefordert abzugeben.
"Nach unserer EinschĂ€tzung handelt es sich um einen mit profunden Kenntnissen und dezidiert geplanten Anschlag", sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) der "Bild". "Der Linksterrorismus ist mit steigender IntensitĂ€t in Deutschland zurĂŒck."
Ist kritische Infrastruktur ausreichend geschĂŒtzt?
Der Anschlag und seine weitreichenden Folgen lösten eine Debatte ĂŒber die Verletzlichkeit sogenannter kritischer Infrastruktur aus. "Unsere kritische Infrastruktur ist angreifbar", sagte Wegner. "Sie ist tagtĂ€glich in ganz Deutschland Angriffen ausgesetzt."
Und gerade in Berlin als Hauptstadt mĂŒsse geschaut werden, wie sie noch besser geschĂŒtzt werden könne. Im ZDF nannte er als Beispiel Sicherheitsdienste oder Videokameras an neuralgischen Punkten. Das Berliner Stromnetz gehört zu den gröĂten Europas und umfasst 35.000 Kilometer Kabel. Ein Prozent - also etwa 350 Kilometer - verlaufen oberirdisch.
Debatte ĂŒber Transparenz
Der Regierungschef und seine Innensenatorin kritisierten gleichzeitig, dass viele sensible Informationen auch zum Stromnetz aufgrund von Bundesgesetzen im Internet fĂŒr jedermann frei verfĂŒgbar seien. "In diesem Fall ist Transparenz nicht hinnehmbar", sagte Spranger. Sie mache es Gruppen wie "Vulkan" leicht, Angriffsziele auszuwĂ€hlen. Der Bund mĂŒsse hier handeln und Gesetze Ă€ndern, forderte auch Wegner.
"Erste PrioritĂ€t ist jetzt aber erst mal, die Menschen wieder mit Strom und WĂ€rme zu versorgen", unterstrich Wegner. Mit Hochdruck werde an Lösungen gearbeitet, die aufwendigen Reparaturen seien im Zeitplan. Dieser besagt nach Angaben der Gesellschaft Stromnetz Berlin, bis Donnerstagnachmittag wieder alle Kunden anzuschlieĂen.
Kritik am Krisenmanagement
Allerdings gibt es am Krisenmanagement auch Kritik. Die Berliner GrĂŒnen etwa fordern dringend Verbesserungen beim Katastrophenschutz, der schlecht aufgestellt sei. Und: "Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Wie kann es sein, dass ein Brandanschlag an einer einzigen Stelle mit so gravierenden Folgen verbunden ist?", sagte der GrĂŒnen-Innenpolitiker Vasili Franco der Deutschen Presse-Agentur. "Wie kann es sein, dass Zehntausende Berlinerinnen und Berliner fĂŒr Tage von der Versorgung abgeschnitten werden? So etwas darf nicht passieren." Auch die Linke forderte mehr Krisenvorsorge.
