Bundesrat stoppt erstmals ein Gesetz der Regierung Merz
21.11.2025 - 16:26:10Die LĂ€nderkammer beschloss, fĂŒr das Sparpaket zur Stabilisierung der KrankenkassenbeitrĂ€ge den Vermittlungsausschuss anzurufen. Das gemeinsame Gremium von Bundestag und Bundesrat muss schnell einen Kompromiss suchen, um eine Anhebung der KassenbeitrĂ€ge fĂŒr gesetzlich Versicherte Anfang kommenden Jahres doch noch zu verhindern.
Die fĂŒr die Krankenhausversorgung zustĂ€ndigen LĂ€nder hatten im Vorfeld die geplanten Einsparungen bei den Kliniken von 1,8 Milliarden Euro im kommenden Jahr kritisiert. Schon jetzt geht es vielen KrankenhĂ€usern vor allem im lĂ€ndlichen Raum schlecht. Die LĂ€nder waren bereit, diese AusfĂ€lle einmalig mitzutragen, wollten aber verhindern, dass daraus eine dauerhafte Belastung in den folgenden Jahren wird.
LÀnder bestanden auf eindeutiger ErklÀrung des Bundes
Dies sollte der Bund in einer ProtokollerklĂ€rung eindeutig zusagen. An dieser ErklĂ€rung wurde wĂ€hrend der Bundesratssitzung gearbeitet, die Abstimmung daher zurĂŒckgestellt. Am Ende stimmte die LĂ€nderkammer doch mehrheitlich fĂŒr eine Anrufung des Vermittlungsausschusses.
Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) kam nicht in den Bundesrat, um fĂŒr das Vorhaben zu werben. Dies ĂŒberlieĂ sie ihrem Parlamentarischen StaatssekretĂ€r Georg Kippels (CDU). Nach der Abstimmung erklĂ€rte Warken schriftlich, die Anrufung des Vermittlungsausschusses sei ein schlechtes Signal fĂŒr den Wirtschaftsstandort Deutschland.
Umfangreiche Tagesordnung mit fast 90 Punkten
Andere Vorhaben der Bundesregierung passierten den Bundesrat problemlos. Ein Ăberblick:
Finanzielle Absicherung des Deutschlandtickets steht
Das Deutschlandticket im Nah- und Regionalverkehr ist finanziell bis 2030 abgesichert. Nach dem Bundestag stimmte auch der Bundesrat einer GesetzesĂ€nderung zu. Demnach stellt der Bund bis 2030 pro Jahr 1,5 Milliarden Euro zum Ausgleich von EinnahmeausfĂ€llen bei Verkehrsanbietern zur VerfĂŒgung.
Die 16 LĂ€nder geben ebenfalls insgesamt 1,5 Milliarden Euro. Saarlands MinisterprĂ€sidentin Anke Rehlinger (SPD) sagte, mit dieser Regelung werde verhindert, dass sich ein "Flickenteppich" entwickelt. Zudem bestehe Planungssicherheit bis 2030. Ein weiterer Vorteil sei, dass die Landeshaushalte nicht ĂŒbermĂ€Ăig belastet wĂŒrden.
Die Verkehrsminister von Bund und LÀndern hatten sich Mitte September auf eine lÀngere Absicherung des seit 2023 angebotenen Deutschlandtickets verstÀndigt, nachdem es zuvor immer wieder Gezerre darum gegeben hatte. Bund und LÀnder vereinbarten auch eine erneute Preiserhöhung: Ab Anfang 2026 kostet das als Abo angebotene Ticket 63 statt 58 Euro im Monat.
Entlastung bei Energiepreisen kann kommen
Der Bundesrat lieĂ die Entlastungen von Unternehmen und privaten Haushalten bei Energiepreisen passieren. Zum einen geht es um eine Senkung der Strom-Netzentgelte. Den Betreibern der Ăbertragungsnetze wird im kommenden Jahr ein staatlicher Zuschuss in Höhe von 6,5 Milliarden Euro gewĂ€hrt. Das soll dafĂŒr sorgen, dass die Netzentgelte fĂŒr private Haushalte und Unternehmen sinken. Die Netzentgelte sind ein Bestandteil des Strompreises. Sie sind deutlich gestiegen.
Zum anderen werden Gaskunden von der sogenannten Gasspeicherumlage befreit. Mit ihr war die staatlich angeordnete BefĂŒllung der Speicher nach der Energiekrise 2022 finanziert worden. Die bis Ende 2025 aufgelaufenen Kosten von bis zu 3,4 Milliarden Euro ĂŒbernimmt der Bund einmalig.
LĂ€nder wollen weniger Spritpreis-Schwankungen am Tag
Die LĂ€nder wollen unĂŒbersichtlichen, teils im Stundentakt stattfindenden Preiserhöhungen und -senkungen an Tankstellen einen Riegel vorschieben. Sie beschlossen eine Aufforderung an die Bundesregierung, "geeignete MaĂnahmen zu prĂŒfen, um die Kraftstoffpreise fĂŒr Verbraucherinnen und Verbraucher wieder transparenter zu machen."
In der von Baden-WĂŒrttemberg eingebrachten Initiative wird eine Preisbremse nach dem Vorbild Ăsterreichs genannt. Im Nachbarland ist es Tankstellen einmal tĂ€glich um 12.00 Uhr erlaubt, die Preise zu erhöhen. Preissenkungen dĂŒrfen jederzeit vorgenommen werden. GeprĂŒft werden soll zudem ob "zeitliche MindestabstĂ€nde" - zum Beispiel drei Stunden - zwischen Erhöhungen oder Senkungen festgelegt werden können.
Unterirdische CO2-Speicherung kĂŒnftig möglich
Die unterirdische CO2-Speicherung wird in Deutschland kĂŒnftig in gröĂerem, industriellen MaĂstab erlaubt sein. Diese Möglichkeit soll Branchen wie der Zement-, Kalk- und Aluminiumindustrie helfen, wo CO2-Emissionen derzeit als unvermeidlich gelten. Das vom Bundesrat angenommene Gesetz sieht die CO2-Speicherung vor allem unter dem Meeresboden vor - allerdings nicht in Schutzgebieten und in KĂŒstennĂ€he. Es gibt aber auch eine Klausel, die einzelnen BundeslĂ€ndern eine Speicherung an Land ermöglicht. AuĂerdem wird der Aufbau eines Pipelinenetzes ermöglicht, mit dem das Treibhausgas abtransportiert werden kann.
Regelungen zur sozialen Absicherung von Paketboten entfristet
Der Staat kann weiter gezielt gegen Schwarzarbeit und illegale BeschÀftigung in der Paketzustellungsbranche vorgehen. Der Bundesrat stimmte der Entfristung des Paketboten-Schutz-Gesetzes zu. Paketdienstleister haften nach dem Gesetz, wenn von ihnen beauftragte Subunternehmer BeschÀftigte schwarz arbeiten lassen und SozialversicherungsbeitrÀge nicht bezahlen.
Diese Haftungsandrohung soll dazu fĂŒhren, dass Paketdienstleister ihre Subunternehmer sorgfĂ€ltiger auswĂ€hlen und schwarze Schafe in der Branche ausgesiebt werden. Ohne die Entfristung wĂ€ren die Regeln zum 31. Dezember ausgelaufen. Nun gelten sie dauerhaft.
Neuer BundesratsprÀsident fordert Abbau sozialer Ungleichheit
Der neue BundesratsprĂ€sident Andreas Bovenschulte rief dazu auf, die groĂe soziale Ungleichheit in Deutschland zu verringern. Die Wirtschaftsweisen hĂ€tten festgestellt, dass Deutschland von allen LĂ€ndern des Euroraums die zweithöchste Vermögensungleichheit aufweise, sagte der Bremer Regierungschef in seiner Antrittsrede. Auf die oberen 10 Prozent der Bevölkerung entfielen demnach rund 60 Prozent aller Vermögenswerte, auf die unteren 50 Prozent der Bevölkerung 2 Prozent.
"Solche massiven Unterschiede sind nicht nur sozial ungerecht und wirtschaftlich kontraproduktiv, sie gefĂ€hrden auch die demokratische StabilitĂ€t unseres Gemeinwesens", warnte der SPD-Politiker. "Hier bedarf es dringend einer breiten, sachlich gefĂŒhrten Diskussion ĂŒber mögliche Gegenstrategien."

