Kritik an SparvorschlÀgen - Warken: 'Alle ins Boot'
31.03.2026 - 15:02:49 | dpa.de(aktualisierte Fassung)
BERLIN (dpa-AFX) - Die VorschlĂ€ge einer Expertenkommission fĂŒr milliardenschwere Einsparungen im Gesundheitswesen stoĂen auf viel Kritik - bei Ărztevertretern, Pharmabranche und Patientenvertretern. Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) sagte mit Blick auf das nun geplante Gesetzespaket im ZDF, EinwĂ€nde aus allen Richtungen habe sie erwartet. "Aber jedem muss klar sein, dass wir alle Bereiche mit ins Boot nehmen werden." Teil der Empfehlungen sind auch deutlich spĂŒrbare PreisaufschlĂ€ge fĂŒr Zigaretten und Spirituosen.
Warken sagte, in den nĂ€chsten Wochen werde sicherlich kontrovers diskutiert. Es werde aber nicht gehen, "dass jeder jetzt nur ausschlieĂt, was nicht gehen soll". SPD-Gesundheitsexperte Christos Pantazis sagte dem "Spiegel", Ziel sei es, zĂŒgig zu tragfĂ€higen und konsensfĂ€higen Lösungen zu kommen - im "Idealfall" mit einem Bundestagsbeschluss in der letzten Sitzungswoche im Juli. Warken hatte zum Zeitplan gesagt, sie wolle einen Entwurf bis Juli ins Kabinett bringen.
Kommission macht 66 VorschlÀge
Die von ihr eingesetzte Kommission schlĂ€gt 66 MaĂnahmen vor, die die gesetzlichen Krankenkassen 2027 um bis zu 42 Milliarden Euro entlasten können. Hintergrund ist ein erwartetes Defizit von rund 15 Milliarden Euro. Die schwarz-rote Koalition plant ein Reformpaket, um diese LĂŒcke zu schlieĂen und neue Beitragsanhebungen zu vermeiden. Zentraler Punkt ist, dass Ausgaben fĂŒr medizinische Leistungen nicht stĂ€rker steigen sollen als die Kassen-Einnahmen.
Die KassenĂ€rztliche Bundesvereinigung warnte vor einem Wegfall von Millionen Terminen, wenn Bremsen bei VergĂŒtungen kommen. Den Praxen bliebe nichts anderes ĂŒbrig, als Leistungen und Terminvergaben reduzierten Finanzmitteln anzupassen. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen sieht in den VorschlĂ€gen dagegen das Potenzial, dass die BeitrĂ€ge 2027 insgesamt stabil bleiben oder sogar sinken könnten. In einem "angemessenen Rahmen" seien steigende Ausgaben zu finanzieren, sagte Verbandschef Oliver Blatt. Uferlose Ausgabensteigerungen wie in den letzten Jahren mĂŒssten aber ein Ende haben.
VerbraucherschĂŒtzer gegen höhere Zuzahlungen
Die Verbraucherzentralen kritisierten VorschlĂ€ge, Patienten stĂ€rker zur Kasse zu bitten. "Das ist der falsche Weg", sagte die Chefin des Bundesverbands, Ramona Pop. Höhere Zuzahlungen etwa fĂŒr Zahnersatz oder Arzneimittel schafften Zugangsbarrieren, und schon heute trĂŒgen viele hohe Eigenanteile. PharmaverbĂ€nde warnten vor Gefahren fĂŒr die Versorgung und den Standort.
Die Kommission empfiehlt auch, die beitragsfreie Mitversicherung fĂŒr Ehegatten ohne Kinder unter sechs Jahren zu streichen - und treffen wĂŒrde dies "tendenziell Haushalte mit höherem Einkommen", erlĂ€utert sie in ihrem Bericht. Die beitragspflichtigen Einnahmen dieser Kassenmitglieder lĂ€gen nach Daten von 2018 im Mittel bei 2.876 Euro im Monat und damit deutlich ĂŒber dem Median der Kassenmitglieder ohne mitversicherte Gatten von 1.824 Euro. Der Anteil dieser Kassenmitglieder nehme mit steigender Einkommensklasse zu.
Nicht mehr mitversicherte Partner mĂŒssten dann selbst BeitrĂ€ge zahlen - zur sozialen Abfederung empfiehlt die Kommission dafĂŒr den Mindestbeitrag fĂŒr freiwillig versicherte SelbststĂ€ndige von etwa 240 Euro im Monat. Bleiben solle eine beitragsfreie Mitversicherung auch fĂŒr Ehegatten im Rentenalter, da fĂŒr sie die Aufnahme eines sozialversicherungspflichtigen BeschĂ€ftigungsverhĂ€ltnisses schwierig wĂ€re. Insgesamt könnten die Ănderungen bei der Mitversicherung bei den Kassenfinanzen eine Entlastung von 3,5 Milliarden Euro pro Jahr bewirken.
JĂ€hrliche Steuererhöhungen fĂŒr Zigaretten?
Die Kommission erlĂ€utert in ihrem 483-Seiten-Bericht auch VorschlĂ€ge zur Besteuerung gesundheitsschĂ€dlichen Konsums. So könnte eine Erhöhung der Tabaksteuer schon im nĂ€chsten Jahr 1,2 Milliarden Euro einbringen. Konkret sollte die durchschnittliche Steuerlast fĂŒr Fabrikzigaretten von 2027 bis 2031 jedes Jahr angehoben werden - und zwar um 3 Cent, 2,3 Cent, 2,5 Cent, 2,7 Cent und 2,9 Cent pro StĂŒck. Bei voller Preisweitergabe an die Kunden wĂ€ren damit im Schnitt jĂ€hrliche Erhöhungen von etwa 8 Prozent zu erwarten. FĂŒr Feinschnitt empfiehlt das Gremium eine parallele Anhebung um 18,5 Prozent.
Tabakkonsum gelte als bedeutendster vermeidbarer Risikofaktor fĂŒr nicht ĂŒbertragbare Krankheiten und gehe mit hohen Kosten im Gesundheitssystem einher. Mit der vorgeschlagenen MaĂnahme sei davon auszugehen, dass der Zigarettenkonsum um etwa ein FĂŒnftel sinke, schĂ€tzt die Kommission. Zu rechnen sei dann auch mit weniger neuen KrebsfĂ€llen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischen Lungenerkrankungen.
Wodka, Rum und Co. deutlich teurer?
Das Gremium empfiehlt zudem eine Steuererhöhung bei Spirituosen wie Rum, Wodka und Korn - und zwar jĂ€hrlich von 2027 bis 2029. Bei voller Weitergabe an die Kunden wĂŒrde dies im Schnitt zu Preissteigerungen von 17 Prozent, 10 Prozent und nochmals 10 Prozent fĂŒhren. Damit sei ein sinkender Konsum zu erwarten, was jĂ€hrlich etwa 1.000 KrebsfĂ€lle vermeiden könnte. Da Spirituosen beim Rauschtrinken unter oft preissensiblen jĂŒngeren Leuten eine Rolle spielten, sei auch mit einem RĂŒckgang weiterer Kosten zu rechnen, etwa fĂŒr UnfĂ€lle.
Die Kommission schlĂ€gt wegen erheblicher Folgekosten fĂŒr die gesetzlichen Kassen durch zu hohen Zuckerkonsum auĂerdem eine neue Steuer auf stark gezuckerte GetrĂ€nke wie Colas und Limonaden vor.
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