Arbeitsmarkt

Buhrufe und GelÀchter bei Merz-Rede auf DGB-Kongress

12.05.2026 - 10:22:32 | dts-nachrichtenagentur.de

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat bei seiner Rede auf dem DGB-Bundeskongress am Dienstag von den Gewerkschaftern viele Buhrufe und GelÀchter geerntet.

Friedrich Merz (Archiv) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
Friedrich Merz (Archiv) - Foto: via dts Nachrichtenagentur
In seiner rund 30-minĂŒtigen Rede warb Merz um UnterstĂŒtzung fĂŒr tiefgreifende Einschnitte im Sozialstaat, kĂŒndigte eine Modernisierung der betrieblichen Mitbestimmung an und rief zu einem gesellschaftlichen Schulterschluss auf - warnte aber gleichzeitig eindringlich vor den Folgen jahrelanger Reformstau.

Merz begann seine Rede mit einem klaren Bekenntnis zur betrieblichen Mitbestimmung: "Mitbestimmung ist gelebte Demokratie im betrieblichen Alltag", sagte er. BetriebsrĂ€te, GeschĂ€ftsfĂŒhrungen, Anteilseigner und Arbeitnehmervertreter wĂŒssten "in der Regel besser als die Politik, was in Betrieben funktioniert". Die Bundesregierung wolle daher die betriebliche Mitbestimmung in dieser Wahlperiode weiter stĂ€rken. Der Kanzler betonte, dass kĂŒnftig Online-Betriebsversammlungen und digitale Betriebsratswahlen ermöglicht werden sollen - als Alternative zu reinen PrĂ€senzformaten. Da war die Laune unter den Zuhörern noch relativ gut, aber dann kippte langsam die Stimme.

Der Kanzler lenkte den Blick auf die wirtschaftliche Gesamtlage. Diese sei "herausfordernd, und sie ist anspruchsvoll - in doppelter Hinsicht", sagte er. Geoökonomische UmwĂ€lzungen trĂ€fen auf aufgestaute strukturelle Probleme. Daraus ergebe sich ein Handlungsdruck, "der seit Jahrzehnten fĂŒr Politik, Gesellschaft und Unternehmen nicht mehr so groß war wie gegenwĂ€rtig". Die Welt sortiere sich neu - "eruptiv, zum Teil höchst unfreundlich und unfriedlich, vor allem rasend schnell". Deutschland könne sich dem nicht entziehen: Steigende Energiepreise, steigende Produktionskosten, steigende Lebenshaltungskosten und wachsende BĂŒrokratiekosten seien die tĂ€gliche RealitĂ€t fĂŒr viele Familien und Betriebe.

Besonders deutlich wurde Merz bei der Analyse der deutschen WettbewerbsschwĂ€che: "Unsere wirtschaftliche Entwicklung stagniert seit Jahren, seit mindestens sieben Jahren", sagte er. "WĂ€hrend andere LĂ€nder um uns herum wachsen, zum Teil sehr deutlich." FĂŒr die kommenden Jahre werde Deutschlands sogenanntes Potenzialwachstum auf weniger als ein halbes Prozent prognostiziert. "Meine Damen und Herren, das ist fĂŒr unser Land, fĂŒr unseren Wohlstand, fĂŒr unsere Volkswirtschaft einfach zu wenig." Wirtschaftswachstum sei kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung fĂŒr ArbeitsplĂ€tze, Steuereinnahmen, Infrastrukturinvestitionen, innere und Ă€ußere Sicherheit sowie einen leistungsfĂ€higen Sozialstaat. "Ohne Wachstum gibt es keine auskömmliche Rente", so Merz.

Die Ursachen fĂŒr die Misere sieht Merz weniger in den Ă€ußeren Krisen allein, sondern vor allem in selbstgemachten Problemen: "Wir haben es schlicht versĂ€umt, unser Land zu modernisieren", sagte er. "Es rĂ€cht sich nun im Schatten der großen TransformationskrĂ€fte - ich nenne nur die Demografie und die Digitalisierung." Deutschland mĂŒsse sich endlich "aufraffen" und die strukturellen Probleme angehen, die seit vielen Jahren vor sich hergeschoben wĂŒrden. "JĂ€hrlich ĂŒber 100.000 IndustriearbeitsplĂ€tze fallen in Deutschland weg - nicht, weil wir unsere Standortbedingungen grĂŒndlich neu aufgestellt haben, sondern weil wir genau das zu lange nicht getan haben", kritisierte Merz.

Gleichzeitig bemĂŒhte sich der Kanzler um Optimismus: "Die gute Nachricht ist: Wir können das Ă€ndern", sagte er. DafĂŒr mĂŒsse man "wieder anerkennen, dass unternehmerische Leistung und Initiative die Voraussetzung dafĂŒr sind, dass die marktwirtschaftliche Ordnung in unserem Land gedeiht". Man dĂŒrfe unternehmerischer Initiative nicht "mit grundsĂ€tzlichem Misstrauen begegnen". Zugleich mĂŒssten die arbeitenden Menschen entlastet und die Altersstruktur der Gesellschaft in den Blick genommen werden. "Wir können nicht einfach so weitermachen wie in den letzten 20 Jahren", warnte Merz. "Wir mĂŒssen bereit sein zu VerĂ€nderungen - zu VerĂ€nderungen, um zu erhalten, was uns gemeinsam wichtig ist."

Merz stellte im Detail eine Reihe von Gesetzesvorhaben vor, die seine Regierung bereits auf den Weg gebracht habe oder noch in dieser Wahlperiode umsetzen wolle. Der im Kabinett verabschiedeter Gesetzentwurf solle dafĂŒr sorgen, "dass die BeitragssĂ€tze in der gesetzlichen Krankenversicherung fĂŒr lange Zeit stabil bleiben können", so Merz. Die Ausgaben wĂŒrden begrenzt, die Einnahmenseite werde maßvoll angepasst - etwa durch Zuzahlungen, die an die Preisentwicklung gekoppelt wĂŒrden. Belastungsgrenzen blieben bestehen, die beitragsfinanzierte Mitversicherung von Familienangehörigen bleibe im Grundsatz erhalten, werde aber modifiziert. "Das alles wird fĂŒr viele spĂŒrbar sein, aber es ist notwendig", sagte der Kanzler unter Buhrufen und GelĂ€chter.

"Das hĂ€rteste Brett" werde aber die Reform der gesetzlichen Rentenversicherung sein, rĂ€umte Merz ein. Eine Expertenkommission werde in wenigen Wochen VorschlĂ€ge vorlegen, im Sommer wolle die Regierung dann die politischen Entscheidungen treffen. "Das ist nicht Bösartigkeit von mir oder der Bundesregierung - das ist Demografie und Mathematik", sagte Merz - auch hier gab es heftige Redaktionen aus dem Publikum. "Es ĂŒbersteigt die KrĂ€fte von zwei Beitragszahlern, wenn Sie in Zukunft eine Person in der Rente finanzieren sollen." Daher mĂŒssten die beiden kapitalgedeckten SĂ€ulen der Alterssicherung gestĂ€rkt werden. "Niemand in diesem Land schlĂ€gt KĂŒrzungen der gesetzlichen Rente vor", sagte er. Diese wĂ€ren auch gar nicht zulĂ€ssig.

Merz sprach sich fĂŒr eine "bessere Beteiligung" der Arbeitnehmer "am Produktivvermögen" aus. Dies sei "eine bis heute nicht eingelöste Reformidee der katholischen Soziallehre". Die Beteiligung sei nur ĂŒber die KapitalmĂ€rkte möglich: "Drei starke SĂ€ulen - gesetzlich, betrieblich, privat - werden in ein neues VerhĂ€ltnis zueinander treten und ein verlĂ€ssliches Gesamtversorgungsniveau ergeben, das insgesamt höher sein wird, als es allein die gesetzliche Rente erreichen kann", sagte Merz. Das gelte vor allem fĂŒr Arbeitnehmer im Osten, die bisher "praktisch gar keine oder nur eine sehr geringe zusĂ€tzliche Altersversorgung" hĂ€tten.

Die Empfehlungen der Sozialstaatskommission, die ihre VorschlĂ€ge Anfang des Jahres vorgelegt habe, wolle man umsetzen. Es gehe um eine "grundlegende Neuordnung von Sozialleistungen bis hin zu einem einfachen, einheitlichen, weitgehend digitalen, effizienten System". Ein Konzept dafĂŒr solle noch in diesem Jahr vorgelegt werden - "eine der tiefgreifendsten Reformen unseres Sozialstaates".

Merz nahm dabei auch seinen VorgÀnger Olaf Scholz (SPD) indirekt ins Visier. Dieser habe am 9. Mai 2022, kurz nach Beginn des Ukraine-Krieges, vor dem DGB die Zusage gegeben, dass die "Zeitenwende" keine Auswirkungen auf die Sozialpolitik und die Situation der Arbeitnehmer haben werde. "Ich muss Ihnen heute sagen, dass diese Zusage zumindest zu optimistisch war", sagte Merz. "Die RealitÀt ist, dass sich heute niemand mehr den VerÀnderungen entziehen kann."

Gleichzeitig erteilte er Forderungen nach einem grundsĂ€tzlichen Sozialstaatsabbau eine klare Absage: "Nun höre ich in diesen Tagen, dieser Sozialstaat solle als Ballast abgeworfen werden - vor wem auch immer. Ich will das fĂŒr mich und fĂŒr die ganze Bundesregierung sagen: Mit mir wird das nicht geschehen", stellte Merz klar. Man werde den notwendigen Reformprozess aber weitergehen, "um unseren Sozialstaat zukunftsfĂ€hig zu machen und um ihn im Kern zu erhalten".

Neben der Sozialpolitik nannte Merz weitere Reformfelder. In der Energiepolitik habe man "umgesteuert" - mit einer "realistischen und pragmatischen Energiepolitik" könne man die Preise in den Griff bekommen. Man fĂŒhre Regulierung zurĂŒck, beseitige HĂŒrden fĂŒr unternehmerische Initiative und modernisiere Staat und Verwaltung - auf Bundesebene sowie gemeinsam mit LĂ€ndern und Gemeinden im Rahmen einer "ehrgeizigen föderalen Modernisierungsagenda".

In beispiellosem Umfang investiere die Regierung in Infrastruktur, KlimaneutralitÀt und die digitale Infrastruktur. Als Beispiel nannte Merz die gerade beschlossene Rechenzentrumsstrategie: Bis 2030 solle die RechenkapazitÀt in Deutschland im Vergleich zu 2025 verdoppelt werden. "Das schafft neue ArbeitsplÀtze und bedeutet, dass unser Land die Chancen der digitalen Transformation ergreifen kann." Die Hightech-Agenda Deutschlands mit ihrer Konzentration auf WettbewerbsfÀhigkeit, Wertschöpfung und SouverÀnitÀt werde Deutschland "im weltweiten Vergleich wieder dorthin bringen, wo wir hingehören - nÀmlich sehr weit vorn".

Merz schloss seine Rede mit einem eindringlichen Appell an die Zuhörer. "Dieser Prozess gelingt nur, wenn wir bei aller Diskussion auf das gemeinsame Wohl orientiert bleiben", sagte er. Er bitte alle Teilnehmer der Debatte "um Fairness und um den Blick aufs Ganze". Man werde um Entscheidungen nicht herumkommen, "und wir werden uns von diesen Entscheidungen nicht drĂŒcken". Gleichzeitig rief er die Gewerkschaftsvertreter auf, konstruktiv mitzugehen: "Beteiligen Sie sich daran, wo Sie es können. Ihre Stimme gehört dazu in dieser vielfĂ€ltigen Diskussion, die unsere Demokratie ausmacht."

Merz schloss mit einem generationsĂŒbergreifenden Versprechen: "Darum geht es, dass nachfolgende Generationen in Deutschland die gleichen Chancen haben in Freiheit, im Frieden, im Wohlstand und mit einem sehr hohen Maß an sozialer Gerechtigkeit ihr Leben zu gestalten. DafĂŒr steht diese Bundesregierung, und dafĂŒr stehe ich auch ganz persönlich." DafĂŒr gab es am Ende sogar ein kleines bisschen Applaus.

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