Die Deutschen und Amerika - enttÀuschte Liebe?
03.07.2026 - 05:00:12 | dpa.deAmerika. FĂŒr die lĂ€ngste Zeit der vergangenen 250 Jahre war dieses Wort fĂŒr Deutsche gleichbedeutend mit einem Freiheitsversprechen. Joseph Hilsenrath aus Bad Kreuznach zum Beispiel erinnerte sich noch hochbetagt daran, wie er 1941 als Kind nach jahrelanger Flucht vor den Nazis plötzlich die Freiheitsstatue aus dem Nebel des Atlantiks auftauchen sah. «Es war einfach unfassbar», erzĂ€hlte er unter TrĂ€nen in einem TV-Interview. «Dieses GefĂŒhl hat mich nie verlassen.»
Doch in den vergangenen eineinhalb Jahren ist dieses Versprechen in schnellem Tempo ausgehöhlt worden. Bilder von maskierten HĂ€schern der Einwanderungsbehörde ICE bei ihren mitunter tödlichen Razzien provozierten bei Kritikern sogar Vergleiche mit der Gestapo und «Nazi-Methoden». Statt als FĂŒhrungsnation der freien Welt erscheinen die USA nun als ein Land, das Richtung Autokratie abdriftet.
Fast obsessiv checken die Deutschen jeden Morgen, was sich der orangene Mann im WeiĂen Haus wieder geleistet hat. Gleichzeitig ist die Soft Power der Supermacht so stark wie eh und je: Die deutsche Ăffentlichkeit fiebert der Hochzeit von Popstar Taylor Swift entgegen. Serien wie «Stranger Things» und «Euphoria» brechen auch hierzulande Streaming-Rekorde. American Football und Basketball haben in Deutschland immer mehr Fans. Wie erklĂ€rt sich diese Ambivalenz?
Die zwei Amerikas - Idealbild und Wirklichkeit
«Eigentlich gibt es zwei Amerikas», analysiert der Amerikanist Michael Butter von der UniversitĂ€t TĂŒbingen. «Zum einen ist da das reale, imperfekte Amerika, in dem Diskriminierung und Rassismus und der Gegensatz zwischen Arm und Reich nie ĂŒberwunden worden sind, teilweise sogar exorbitant zugenommen haben. Und gleichzeitig ist da diese Idee von Amerika als einem Land, das nicht auf Abstammung grĂŒndet, sondern auf gemeinsamen Werten. Die Ă€lteste Demokratie der Welt. Wir nehmen also immer entweder das eine oder das andere Amerika in den Fokus.»
Der Historiker Volker Depkat, bekannt durch seinen Podcast «Amerika verstehen» im Deutschlandfunk, sieht es Ă€hnlich. «Die Amerika-Bilder der Deutschen bewegen sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Traum und Albtraum», sagt er. Lange seien die USA das Sinnbild fĂŒr ModernitĂ€t gewesen â politisch als liberale Demokratie, wirtschaftlich als kapitalistischer Industriestaat. «FĂŒr progressiv denkende Deutsche war Amerika in Vielem das groĂe Vorbild, wĂ€hrend konservative KrĂ€fte die von Amerika reprĂ€sentierte ModernitĂ€t fĂŒr sich ablehnten.»
Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Westdeutsche direkt mit Amerikanern in Kontakt. Rosinenbomber, Care-Pakete und Marshall-Hilfe lieĂen den ehemaligen Feind in erstaunlich kurzer Zeit zur bewunderten Schutzmacht werden. Der «American Way of Life» stand fĂŒr Freiheit, ModernitĂ€t und Zukunft. Namen wie «New York», «Kalifornien» und «Hollywood» hatten einen magischen Klang.
Die Deutschen haben die US-Kultur zu ihrer eigenen gemacht
Gleichzeitig kĂ€mpften westdeutsche BildungsbĂŒrger noch lange gegen angeblich jugendgefĂ€hrdende Tanzstile und gewaltverherrlichende Comics. «Amerika, das Land ohne Kultur â das war damals immer noch ein viel gehörter Vorwurf» erlĂ€utert Depkat. «RockânâRoll und Mickey Mouse statt Goethe und Schiller. Es war dann Teil der Liberalisierung der Bundesrepublik, dass sich eine wachsende Zahl von Deutschen im Westen verankerte und die amerikanische Popkultur zu ihrer eigenen machte.»Â
Vieles, was aus den USA komme, werde deshalb heute gar nicht mehr so sehr als amerikanisch, sondern allgemein als westlich und der eigenen Kultur zugehörig wahrgenommen. «So erklĂ€rt sich zum Teil, warum ich Trump radikal ablehnen, aber mich gleichzeitig fĂŒr Filme aus Hollywood begeistern kann.»
In der DDR war Amerika unterdessen der imperialistische Klassenfeind â auch wenn viele davon trĂ€umten, nach ihrer Verrentung mit eigenen Augen die Rocky Mountains und den Wolkenkratzerwald von Manhattan zu sehen. Unter ihnen war die junge Angela Merkel.
Mit John F. Kennedy und seinem «Ich bin ein Berliner» erreichte die Amerika-Begeisterung ihren Höhepunkt. Die schwarze Limousine mit dem zusammengesackten Körper des PrĂ€sidenten, Jackie Kennedy im Blut bespritzten rosa KostĂŒm und der kleine John Junior beim Salutieren auf dem Nationalfriedhof Arlington â das sind Bilder, die auch heute noch Millionen Ă€ltere Deutsche fĂŒr immer abgespeichert haben. Kurz darauf fiel dann der Schatten von Vietnam auf das strahlende Bild, in den 70er Jahren gefolgt vom Watergate-Skandal.
Deutsche VerklÀrung kann schnell in Ablehnung umschlagen
Seitdem schwankte die deutsche Sicht auf Amerika stets zwischen Bewunderung und Ablehnung und das oft sehr stark. Unter dem konservativen republikanischen PrĂ€sidenten George W. Bush etwa kam es zu einer deutlichen AbkĂŒhlung. Aber dann zog der demokratische PrĂ€sidentschaftsbewerber Barack Obama binnen kĂŒrzester Zeit so groĂe Sympathien auf sich, dass ihn im Sommer 2008, noch vor seiner Wahl, mehr als 200.000 Menschen an der Berliner SiegessĂ€ule feierten.Â
In Obama habe sich das deutsche Idealbild von Amerika scheinbar erneuert, meint Depkat. «Die Deutschen haben immer eigene Hoffnungen von Freiheit und Demokratie auf die USA projiziert, die nur selten etwas mit den RealitĂ€ten dort zu tun hatten. Amerika-Kritik ist in diesem Zusammenhang oft enttĂ€uschte Liebe: Warum ist Amerika nicht so, wie wir es gerne hĂ€tten?» Es sei zum Teil auch die EnttĂ€uschung des demokratischen MusterschĂŒlers, der plötzlich erkenne, dass sein bewunderter Lehrer auch SchwĂ€chen habe. «Dann schlĂ€gt VerklĂ€rung schnell in Ablehnung um. Beides hat etwas MaĂloses.»
Ein Ă€hnlicher Effekt wie bei Obama war auch nach der Wahl von Joe Biden zu beobachten. Kurzzeitig schien Donald Trump nur noch ein Fall fĂŒr die Gerichte zu sein, das vermeintlich eigentliche Amerika wieder hergestellt. Trumps zweite Amtszeit könnte nun auf einen tieferen Bruch hinauslaufen. «Da sind jetzt Verbindungen gekappt worden», sagt Butter. «Und auch vielen proamerikanisch eingestellten Deutschen ist klar geworden, dass sich die USA langfristig von Europa weg orientieren. Das VerhĂ€ltnis Ă€ndert sich definitiv.»
Das VerhĂ€ltnis wird nie mehr so wie es gewesen istÂ
Wie wird es nun weitergehen mit den Deutschen und Amerika? «Ich glaube, die Situation ist aktuell so volatil, dass man dazu keine seriöse Prognose abgeben kann», sagt Butter. «Sollten da Dinge systematisch ins Wanken geraten und vielleicht auch fallen, wird das irgendwann auch Einfluss auf die popkulturelle Dimension haben. Dann wĂ€re Amerika so weit von seinem ursprĂŒnglichen Idealbild entfernt, dass es seine Strahlkraft auch auf anderen Gebieten einbĂŒĂen wĂŒrde.»
FĂŒr Depkat steht fest, dass die Idee einer transatlantischen Wertegemeinschaft Vergangenheit ist. «Das wird nicht wiederkommen. Die Entfremdung zwischen Deutschland und den USA hat sicher nicht erst mit Trump begonnen, aber er fungiert jetzt als Abrissbirne, die gar nichts mehr stehen lĂ€sst. Dieser Schaden ist irreparabel. Was vielleicht bleibt, ist die Idee von Freiheit und Selbstbestimmung.» Die Idee, mit der vor 250 Jahren alles begonnen hat.
