Von Genen bis GefĂŒhl: Was macht einen Vater aus?
26.09.2023 - 07:04:51Der eine wohnt mit dem Kind zusammen, der andere hat es gezeugt. Welcher Mann ist nun der Vater? WĂ€hrend es rechtlich nur einen geben kann, können neue Familienkonstellationen gleich mehrere VĂ€ter auf den Plan rufen. Manche mĂŒssen um ihre Position kĂ€mpfen.
Um die Frage, wer der rechtliche Vater sein darf, geht es heute beim Bundesverfassungsgericht. Es verhandelt ĂŒber die Verfassungsbeschwerde eines 44-JĂ€hrigen aus Sachsen-Anhalt, der als leiblicher Vater eines Sohnes die rechtliche Vaterschaft eines anderen Mannes anfechten will - aber nach der Gesetzeslage nicht darf, weil der andere - als neuer Partner der Mutter - eine sogenannte sozial-familiĂ€re Beziehung zu dem Kind hat.
Davon geht man zum Beispiel dann aus, wenn der Mann mit dem Kind lĂ€ngere Zeit zusammengelebt hat. Die rechtliche Regelung will solche Gemeinschaften vor Störungen schĂŒtzen. Der biologische Vater dagegen sieht sich in seinen Grundrechten verletzt.
Rechtliche, biologische und soziale VĂ€ter
«Aus sozialwissenschaftlicher Sicht gibt es im Prinzip nicht das eine VaterverstÀndnis», sagt Kim BrÀuer, VÀterforscherin und Professorin an der Dualen Hochschule Schleswig-Holstein. Die Wissenschaft unterscheide zwischen einem rechtlichen, biologischen und sozialen Vater.
«Den sozialen Vater macht aus, dass er eine enge emotionale Bindung zu dem Kind hat», erklĂ€rt BrĂ€uer. Er mĂŒsse nicht zwingend rechtlich oder biologisch mit dem Kind verbunden sein.
Dabei kann es BrĂ€uer zufolge durchaus mehrere soziale VĂ€ter fĂŒr ein Kind geben. «In der sozialen RealitĂ€t gibt es ganz viele Konstellationen, in denen es mehrere MĂ€nner gibt, die sich um ein Kind kĂŒmmern und vĂ€terliche Aufgaben ĂŒbernehmen», sagt die Forscherin. FamilienverhĂ€ltnisse wĂŒrden zunehmend vielfĂ€ltiger. Auch im Fall vor dem Karlsruher Gericht nennt das Kind nach Angabe des BeschwerdefĂŒhrers beide MĂ€nner «Papa».
Mehrere VĂ€ter fĂŒr Kinder unproblematisch
Mehrere VĂ€ter sind laut der Entwicklungspsychologin Lieselotte Ahnert kein Problem fĂŒr Kinder und wirken sich auch nicht negativ auf den Aufbau von Bindungen aus. «Kinder können vielfache Bindungen aufbauen, nebeneinander», erklĂ€rt die Gastprofessorin an der Freien UniversitĂ€t Berlin.
Die Beziehungen seien relativ unabhĂ€ngig voneinander. Kinder mit einem leiblichen und einem sozialen Vater wĂŒrden nicht dauernd Vergleiche zwischen den beiden anstellen.
Ob ein biologischer Vater auch als rechtlicher Vater anerkannt wird, ist Ahnert zufolge aus der Sicht des Kindes nicht so wichtig. «Die Grundlage von Bindungen sind Interaktionen», sagt die Psychologin. «Da ist die Frage sozialer oder biologischer Vater wirklich zweitrangig.»
Die Sicht der VĂ€ter
FĂŒr einen Vater kann die rechtliche Zuordnung dagegen relevant sein - vor allem, weil an ihr auch die Möglichkeit fĂŒr das Sorgerecht hĂ€ngt. Der Verein VĂ€teraufbruch fĂŒr Kinder ist der Ansicht, dass einem leiblichen Vater das Sorgerecht vorrangig vor einem rein sozialen Vater zustehen sollte.
«Zumindest wenn dieser sich, seit Kenntnis seiner leiblichen Vaterschaft, nachhaltig um den Kontakt zum Kind bemĂŒht und keine Gefahr fĂŒr das Kind von ihm ausgeht», teilt Elmar Riedel vom Bundesvorstand mit. «Den leiblichen, nicht-rechtlichen Vater auf das Umgangsrecht zu verweisen, wird der Vater-Kind-Beziehung nicht gerecht.»
Um Kontakt bemĂŒhen - das tut auch der Vater, mit dem sich das Bundesverfassungsgericht befasst. Sein Recht auf Umgang mit seinem Sohn musste er schon mehrmals gerichtlich durchsetzen.
VĂ€ter verbringen immer mehr Zeit mit ihren Kindern
FĂŒr die Vater-Kind-Beziehung sei der Umgang ein zentraler Punkt, merkt Forscherin Ahnert an. «Jede Bindung ist an Zuwendung gebunden. Und dafĂŒr braucht es Zeit», schreibt sie in ihrem Buch «Auf die VĂ€ter kommt es an».
So sei auch die Vater-Kind-Bindung davon abhĂ€ngig, wie viel Zeit sich ein Vater fĂŒr sein Kind nehmen könne - und davon, wie er diese Zeit konkret verwende. Studien wĂŒrden zeigen, dass die Zeit, die VĂ€ter fĂŒr die Kinderbetreuung aufwenden, kontinuierlich gestiegen ist, legt Ahnert weiter dar.
In den 50er und 60er Jahren konnte ein guter Vater dagegen auch ein «abwesender Vater» sein, solange er fĂŒr finanzielle Sicherheit sorgte, sagt Sozialwissenschaftlerin Kim BrĂ€uer. In ihrer im Februar erschienenen VĂ€terstudie an der TU Braunschweig zeigte sich ein neues Bild:
59,5 Prozent der VÀter gaben an, dass die wichtigste Eigenschaft eines guten Vaters sei, dass er dem Kind Zuneigung schenke. Nur 1,4 Prozent sahen einen guten Vater hauptsÀchlich darin, dass dieser dem Kind finanzielle Sicherheit biete.
Eine Hierarchie zwischen rechtlichem, sozialem oder biologischem Vater sieht BrĂ€uer nicht: «Wer der wichtigste Vater fĂŒr ein Kind ist, kann letzten Endes ein Kind emotional nur selbst entscheiden.»


