Obszön?! MÀnner und ihr Griff in den Schritt
25.05.2026 - 06:06:04 | dpa.deZack, passiert. Irgendwie vulgĂ€r und obszön. Hat dieser etwa 20-JĂ€hrige das gerade wirklich getan in der Schlange an der Supermarktkasse? Sich in aller Ăffentlichkeit den Sack gerichtet durch die Hose?
Seit die lockere Jogginghose insbesondere bei Jungs und jungen MĂ€nnern zu normaler Alltagskleidung geworden ist, scheint diese beilĂ€ufige Handlung fĂŒr körperlichen Komfort Sitte zu sein. Eierschaukeln beim Einkaufen? Kein Ding!
Der «Crotch Grab» (Griff in den Schritt) ist durch Hip-Hop-Stars und zuletzt etwa Bad Bunny, der jetzt in Europa auf Tour ist, zu einem kulturellen PhÀnomen geworden.
Von Michael Jackson zu Jogi Löw
LegendĂ€r geworden ist der Griff natĂŒrlich auch einst durch Michael Jackson. Vor kurzem startete recht massenwirksam das Biopic «Michael» im Kino. Vor zehn Jahren sorgte Jogi Löw fĂŒr Aufsehen, als er sich am Rande des damaligen EM-Auftaktspiels gegen die Ukraine in die Hose griff und dann an den Fingern roch.
Zeit, sich mit dem Trend zum Griff in den mĂ€nnlichen Schritt zu befassen. Der «Crotch Grab» war in den letzten Jahrzehnten immer wieder Thema und wurde auch frĂŒh von Frauen kritisiert. Die kanadische Singer-Songwriterin Carole Pope reklamiert etwa fĂŒr sich, ihn als Provokation auf BĂŒhnen eingefĂŒhrt zu haben.Â
Was Madonna dazu zu sagen hat
Madonna hielt schon öfter Reden gegen die Doppelstandards, was MĂ€nnern und was Frauen in Bezug auf den eigenen Körper zugestanden werde. 1990 sagte sie etwa bei einem Konzert in New Jersey: «Die Leute machen immer so ein Drama daraus, dass ich mir in den Schritt greife.»Â
Bei MĂ€nnern werde sich da weniger aufgeregt. «Du kannst dich aufregen, wenn ich versuche, dir in den Schritt zu greifen. Aber wenn ich mir selbst in den Schritt greife, dann heiĂt das einfach nur: Das ist mein Bereich. Lass mich in Ruhe, okay?»
Was bitte sehr ist Dwerken?
Bei MĂ€nnern hat sich in den vergangenen Jahren auĂerdem - in Social-Media-Zeiten geradezu ironisch - ein weiterer Trend bezĂŒglich des GemĂ€chts entwickelt. Auch Superstar Bad Bunny frönt ihm: Es geht um das sogenannte Dwerken.Â
Das Wort ist eine Schöpfung aus «dick» (englisch fĂŒr: Schwanz) und Twerken. Twerking ist der Tanzstil, der in gebeugter Haltung durch isolierte HĂŒftbewegungen den Po zum Vibrieren bringt. Dwerking ist entsprechend das Vor- und ZurĂŒckbewegen, um den Penis zum Schwingen zu bringen.Â
Jay-Z hat eine ErklÀrung parat
Doch zurĂŒck zum einfachen Griff in den Schritt, dem «Crotch Grab»: «Ich habe dafĂŒr eine super ErklĂ€rung», sagte der Rapper und Musikproduzent Jay-Z bereits vor mehr als 15 Jahren in der NPR-Radiotalkshow «Fresh Air», als er gefragt wurde, warum sich Musik-Stars an die Genitalien griffen. Das Musikbusiness spĂŒle oft unerfahrene MĂ€nner nach oben, sagte Jay-Z. «Und dann schickt man diese Person, die noch nie vor vielen Leuten stand, auf die BĂŒhne.»Â
So jemand habe also keinerlei Erfahrung, vor Publikum aufzutreten, sagte Jay-Z im GesprĂ€ch mit der Moderatorin Terry Gross. «Wenn man dann da oben steht, fĂŒhlt man sich nackt, richtig? Und was macht man als Erstes, wenn man sich nackt fĂŒhlt? Man bedeckt sich. Diese Angeberei ist also ein Akt der NervositĂ€t.»
Nicht das genaue Gegenteil, fragte Gross unglÀubig? «Genau das wollen sie, genau das wollen wir euch glauben lassen», antwortete Jay-Z lachend.
Michael Jackson: «Habe ich das wirklich getan?»
Der King of Pop, Michael Jackson, gab einst eine eher schĂŒchterne Antwort auf die Crotch-Grab-Frage. Im legendĂ€ren ABC-Interview von Oprah Winfrey 1993 giggelte Jackson peinlich berĂŒhrt: «Warum greife ich mir in den Schritt? Ich glaube, das passiert unbewusst.» Wenn man tanze, interpretiere man die Musik. Dann werde man selbst zu dem GefĂŒhl, das der Sound vermittle.
Und weiter sagte Jackson, damals 34 Jahre alt: «Wenn ich also eine Bewegung mache und plötzlich â bam! â mich selbst anfasse, dann ist es die Musik, die mich dazu bringt. Es ist nicht so, dass ich unbedingt da unten hingreifen muss, und es ist auch nicht gerade die beste Stelle. Man denkt nicht darĂŒber nach, es passiert einfach. Manchmal sehe ich mir die Aufnahmen spĂ€ter an und denke: "Habe ich das wirklich getan?" Ich bin also ein Sklave des Rhythmus.»
Der (kleine) Unterschied zwischen Performance und Alltagsgeste
Der Kulturwissenschaftler Moritz Ege von der UniversitĂ€t ZĂŒrich sieht die Geste nicht ganz so unschuldig. «Also bei Bad Bunny ist es schon sexualisiert, finde ich. Es hat aber gleichzeitig, wie so vieles bei ihm, etwas BeilĂ€ufiges. Er hat ja eine Persona geschaffen, die meist ungerĂŒhrt auftritt.»
Der Griff in den Schritt vermittle etwas Mackeriges, sagt Ege. Es gebe aber einen Unterschied zwischen BĂŒhnenperformance und Alltagsgeste, sagt der Professor fĂŒr PopulĂ€re Kulturen und Empirische Kulturwissenschaft. Wobei der vielleicht gar nicht so groĂ sei.Â
«Eine Mackergeste mit absichtlicher Sprengkraft»
«Bei Bad Bunny hat das Ganze auch immer eine politische Dimension. In der Superbowl-Halbzeitpause war das eine Art Selbstbehauptung von Latino-MaskulinitÀt oder einfach auch nur prolliger MÀnnlichkeit in der konservativen Umgebung der Trump-USA», sagt der Kulturwissenschaftler. «Es geht da vielleicht auch um ein Spiel mit dem gesellschaftlichen Unwohlsein angesichts offensiv sexuell konnotierten Verhaltens. Eine Mackergeste mit absichtlicher Sprengkraft.»
Andererseits, das gibt auch Ege zu, ist das Zurechtruckeln nicht immer etwas Provokantes und Dominantes, das den Genitalbereich betonen und einen Machtanspruch zeigen soll.Â
HeiĂt also: Manche berĂŒhren sich da auch nur selbst, weil es juckt, ziept oder das Skrotum in eine unangenehme Position geraten ist. Der Schrittgriff gehört dann zum sogenannten Fidgeting, Ă€hnlich wie das Spielen mit den Haaren oder Wippen mit dem Bein: In einer komplexen, anstrengenden Welt kann der «Crotch Grab» ganz simpel ein nervöses Herumspielen zum Stressabbau und zur Selbstberuhigung sein.
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