Berlin, Deutschland

Nach Patientenmorden Höchststrafe fĂŒr Palliativmediziner

Veröffentlicht: 08.07.2026 um 13:42 Uhr, dpa.de

Bei Hausbesuchen hat ein Arzt getötet. ZunÀchst ging es um vier FÀlle, angeklagt wurden 15 Morde. Ein erstes Urteil liegt vor. Doch ein weiterer Prozess zeichnet sich ab.

  • In Berlin stand ein Palliativarzt vor Gericht. (Archivbild) - Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa
    In Berlin stand ein Palliativarzt vor Gericht. (Archivbild) - Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa
  • Im Mordprozess gegen einen Palliativmediziner hat das Gericht die Höchststrafe verhĂ€ngt.  - Bild: Soeren Stache/dpa
    Im Mordprozess gegen einen Palliativmediziner hat das Gericht die Höchststrafe verhÀngt. - Bild: Soeren Stache/dpa
  • Die NebenklĂ€ger mit ihren AnwĂ€lten im Mordprozess gegen einen Palliativarzt.  - Bild: Soeren Stache/dpa
    Die NebenklÀger mit ihren AnwÀlten im Mordprozess gegen einen Palliativarzt. - Bild: Soeren Stache/dpa
In Berlin stand ein Palliativarzt vor Gericht. (Archivbild) - Bild: Bernd von Jutrczenka/dpa Im Mordprozess gegen einen Palliativmediziner hat das Gericht die Höchststrafe verhÀngt.  - Bild: Soeren Stache/dpa Die NebenklÀger mit ihren AnwÀlten im Mordprozess gegen einen Palliativarzt.  - Bild: Soeren Stache/dpa

Ein Palliativarzt ist wegen 15-fachen Mordes an Patienten zur Höchststrafe verurteilt worden. Das Landgericht Berlin verhÀngte gegen den 41-jÀhrigen Deutschen eine lebenslange Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Zudem wurde eine Sicherungsverwahrung nach der Haftstrafe angeordnet und ein lebenslanges Berufsverbot verhÀngt.

Nach Überzeugung des Landgerichts Berlin hat der Mediziner von 2021 bis 2024 zwölf Frauen und drei MĂ€nnern jeweils ein tödliches Gemisch verschiedener Medikamente verabreicht. «Die Patienten begaben sich in seine HĂ€nde - und er war derjenige, der sich ĂŒber Leben und Tod erhob», sagte die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch bei der UrteilsbegrĂŒndung.

Richterin: «Die Patienten wollten leben»

JĂŒngstes Opfer ist laut Urteil eine 25-JĂ€hrige, Ă€ltestes eine 94 Jahre alte Frau. Alle waren schwerstkrank, ihr Tod stand aber nicht unmittelbar bevor. «Die Patienten wollten leben», betonte die Vorsitzende Richterin Sylvia Busch. «Die Taten haben nichts mit Palliativmedizin oder Sterbehilfe zu tun.» Der Angeklagte habe die TĂ€tigkeit in dem Bereich gewĂ€hlt, um töten zu können.

Es sei ein außergewöhnliches Verfahren wegen der ungeheuerlichen VorwĂŒrfe, so die Richterin. «Unfassbar war nicht nur die Anzahl - 15, er ist ein Serienmörder. Wahrscheinlich ist es nur die Spitze des Eisberges», sagte Busch weiter. Es bestehe der Verdacht, «dass darĂŒber hinaus noch viel mehr Menschen durch die Hand des Angeklagten gestorben sind». Er habe in einem TelefongesprĂ€ch zu seiner Frau gesagt, er habe schon lange getötet.

Unfassbar ist aus Sicht des Gerichts, dass es sich bei dem 41-JĂ€hrigen um einen nach außen freundlich auftretenden Arzt und Familienvater handelt. Unfassbar sei auch die Motivlage. «Nicht aus Mitleid, nicht aus falsch verstandener Sterbehilfe oder Überforderung getötet», so die Richterin. Der Angeklagte habe getötet, «weil er unbehelligt dazu in der Lage war» und um als «selbstunsicherer Mensch daraus ein GefĂŒhl grĂ¶ĂŸtmöglicher Macht» zu erlangen. 

Überraschendes GestĂ€ndnis

Mit seinem Urteil folgte das Gericht dem Antrag der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte sich gegen eine Feststellung der besonderen Schwere der Schuld und gegen eine Sicherungsverwahrung im Anschluss an die Haftstrafe ausgesprochen.

Der Arzt hatte nach monatelangem Schweigen ĂŒberraschend am 25. Juni gestanden, zwölf schwer kranke Patientinnen und Patienten bei Hausbesuchen getötet zu haben. Er habe sich eingeredet, das Richtige zu tun und Patienten «Leid und Siechtum» zu ersparen, hieß es in seiner ErklĂ€rung. Zum Abschluss des Prozesses entschuldigte er sich erneut bei den Hinterbliebenen.

Seit fast zwei Jahren in Haft

Der Arzt, der verheiratet ist und einen Sohn im Grundschulalter hat, sitzt seit Anfang August 2024 in Untersuchungshaft. Auslöser der Ermittlungen waren BrĂ€nde, die er gelegt haben soll, um Tötungen von Patienten zu verdecken. ZunĂ€chst wurde wegen Brandstiftung mit Todesfolge ermittelt. Dabei geriet der Angeklagte zunehmend in den Fokus. Dazu beigetragen haben laut Staatsanwaltschaft Hinweise des Pflegedienstes, fĂŒr den der Beschuldigte gearbeitet hatte.

FĂŒr den Fall richtete das Berliner Landeskriminalamt eine Ermittlungsgruppe des Morddezernats ein. Sie wertete Hunderte Patientenunterlagen aus. Im April 2025 erhob die Staatsanwaltschaft schließlich Anklage in 15 FĂ€llen gegen den in Frankfurt am Main geborenen Mann, den Patienten, Angehörige und Kollegen als einfĂŒhlsam beschrieben.

Weiterer Prozess möglich 

Die Staatsanwaltschaft ermittelt nach eigenen Angaben in 76 weiteren FĂ€llen und geht von einer weiteren Anklage noch in diesem Jahr aus. Mit Blick darauf kĂŒndigte der Arzt in seinem sogenannten letzten Wort vor Gericht an: «Ich werde mich in dem kommenden Verfahren deutlich frĂŒher einlassen.»

Der Fall könnte einer der grĂ¶ĂŸten bundesweit sein. Bislang gilt eine Mordserie in Niedersachsen als die wohl grĂ¶ĂŸte der deutschen Nachkriegsgeschichte: Ex-Pfleger Niels Högel wurde 2019 wegen 85-fachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Motiv fĂŒr die Taten blieb unklar. Es sei ihm um die «Gier nach Spannung» gegangen, so das Gericht damals. Zuvor war Högel bereits wegen weiterer Morde verurteilt worden.

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