Der schwierige Weg zur Wahrheit - ein Jahr Block-Prozess
Veröffentlicht: 10.07.2026 um 06:30 Uhr, dpa.deWer hat den Auftrag zur EntfĂŒhrung der Kinder der Unternehmerin Christina Block gegeben? Die Mutter selbst, der Anwalt der Familie, eine ganz andere Person oder handelten die TĂ€ter gar auf eigene Faust? Seit einem Jahr versucht das Landgericht Hamburg die Ereignisse in der Silvesternacht 2023/24 in DĂ€nemark juristisch aufzuarbeiten.
63 Prozessetage sind vergangen. Dutzende Zeugen wurden befragt. Verteidiger und Nebenklage stellten unzĂ€hlige AntrĂ€ge. Sechs der sieben Angeklagten weisen die VorwĂŒrfe der Staatsanwaltschaft zurĂŒck. Der Vorwurf der LĂŒge wurde von unterschiedlichen Seiten schon mehrmals erhoben. Weiterhin ist unklar: Wer sagt die Wahrheit?
Was steht noch aus, bis ein Urteil fÀllt?
Nach mehr als zwei Wochen Pause soll der Prozess Ende Juli mit der Befragung der forensisch-jugendpsychiatrischen SachverstĂ€ndigen fortgesetzt werden. Das mit Spannung erwartete Gutachten will klĂ€ren, wie stark die Folgen der EntfĂŒhrung fĂŒr die seelische Entwicklung der Kinder ist.
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Im August sind dann noch einmal sechs Verhandlungstage fĂŒr die Befragung der Hauptermittlerin der Hamburger Polizei reserviert. Verteidigung und Staatsanwaltschaft könnten jederzeit neue AntrĂ€ge stellen. Insgesamt hat die Kammer rund 100 Prozesstage bis Jahresende angesetzt. Ob sie alle gebraucht werden, ist offen.
Wer sind die Angeklagten?
Christina Block (53), der langjĂ€hrige Anwalt der Familie, Andreas Costard (64), und ein 36-jĂ€hriger Israeli sind die Hauptangeklagten. Block und Costard sollen einer israelischen Sicherheitsfirma den Auftrag zur EntfĂŒhrung der Kinder vom dĂ€nischen Wohnort des Vaters erteilt haben. Vier weitere Angeklagte - Blocks LebensgefĂ€hrte, der Ex-Sportmoderator Gerhard Delling, sowie ein deutscher Sicherheitsunternehmer und ein Ehepaar - stehen wegen Beihilfe vor Gericht.
Alle Angeklagten bestreiten, etwas Unrechtes getan zu haben - bis auf den Israeli. Der 36-JĂ€hrige betont allerdings, er glaubte, als Held an einer Rettungsaktion teilzunehmen. FĂŒr alle Beschuldigten in dem spektakulĂ€ren Fall gilt die Unschuldsvermutung.
Welche Erkenntnisse brachte die Verhandlung ĂŒber die Tatnacht?
Mehrere MÀnner sollen dem Vater und den Kindern aufgelauert haben, wÀhrend sie an ihrem Wohnort GrÄsten (Gravenstein) das Feuerwerk beobachteten. Nach Angaben der Anklage wurde Blocks Ex-Mann Stephan Hensel zusammengeschlagen. Die TÀter zerrten den Jungen und das MÀdchen (damals 10 und 13), die sich wehrten, in ein Auto.
Laut Staatsanwaltschaft sollen die EntfĂŒhrer die Fahrzeuge in der NĂ€he der Grenze gewechselt haben. Dabei verschlossen sie den Kindern mit Klebeband den Mund. Die Tochter sei an den HĂ€nden gefesselt worden. Mit einem Wohnmobil fuhr die Gruppe demnach weiter nach Baden-WĂŒrttemberg. Dort blieben die Kinder bis zum Eintreffen der Mutter am 1. Januar 2024, dann ging es weiter nach Hamburg.
Wie konnte es so weit kommen?
Nach der Trennung des Ehepaares Block/Hensel lebten die vier Kinder erst bei der Mutter in Hamburg. Der Vater lernte eine neue Frau kennen. Die Kinder besuchten den Vater regelmĂ€Ăig in DĂ€nemark.
Im Sommer 2021 kam es zum Streit zwischen der Mutter und ihrer Ă€ltesten Tochter. Die Teenagerin wollte daraufhin lieber beim Vater wohnen und bekam dafĂŒr die Erlaubnis der Mutter. Nur wenige Wochen spĂ€ter fuhr der Ex-Mann die beiden jĂŒngsten Kinder nach einem Besuch nicht wie vereinbart zurĂŒck nach Hamburg. Der Kontakt der Mutter zu dem Jungen und dem MĂ€dchen brach ab. Die zweitĂ€lteste Tochter lebt weiter bei der Mutter in Hamburg.
Wie verlief der Sorgerechtsstreit?
Block kĂ€mpfte jahrelang juristisch, bekam in Deutschland das alleinige Aufenthaltsbestimmungsrecht zugesprochen. Doch im Februar 2023 entschied ein dĂ€nisches Gericht, dass der Junge und das MĂ€dchen zwar widerrechtlich nach DĂ€nemark gebracht worden seien, sie aber nicht zurĂŒckgefĂŒhrt werden könnten.
Wenige Tage nach Neujahr 2024 entschied das Hanseatische Oberlandesgericht aufgrund seines Eilantrags, dass dem Vater die nun wieder in Deutschland befindlichen Kinder zurĂŒckgegeben werden mĂŒssen. Das geschah noch am selben Tag.
Was sagt er, was sagt sie?
Der Fall Block hat eine lange Vorgeschichte geprĂ€gt von gegenseitigen VorwĂŒrfen. All das wird im Gerichtssaal ausgebreitet - vor der Ăffentlichkeit, begleitet von Livetickern und Podcasts.
Hensel wirft der Mutter vor, den Kindern Gewalt angetan zu haben. Deshalb hĂ€tten der Junge und das MĂ€dchen im August 2021 nicht zu ihr zurĂŒckgewollt. Er hindere die Kinder nicht am Kontakt zur Mutter, aber sie wollten nichts mehr mit ihr zu tun haben.
Block bestreitet, dass es Gewalt gab, als die Kinder bei ihr lebten. Die LĂŒge habe sich ihr Ex-Mann aus Rache ausgedacht, er manipuliere die Kinder. Unter TrĂ€nen schildert sie, wie sehr sie ihren Sohn und ihre Tochter vermisse. Die EntfĂŒhrung bezeichnet sie als eine «Katastrophe». So etwas hĂ€tte sie niemals gewollt und habe von den Planungen auch nichts gewusst.
Was hat der mutmaĂliche Chef der Kidnapper gesagt?
Mitten im Prozess meldete sich der Chef der israelischen Cyber-Sicherheitsfirma, David Barkay, und bekam fĂŒr seine Zeugenaussage sicheres Geleit. Die Version des 69-JĂ€hrigen: Er sei engagiert worden, um die Familie des Ex-Mannes auszuspionieren und Informationen zu sammeln, die im Sorgerechtsstreit helfen sollten. Als das nicht den gewĂŒnschten Erfolg gebracht habe, sei der Druck auf ihn immer gröĂer geworden.
Auch der Vater von Christina Block, der GrĂŒnder der Steakhaus-Kette «Block House», Eugen Block, sei informiert gewesen. Christina Block sei bei einem Treffen mit maskierten MĂ€nnern im Hotel Grand ElysĂ©e kurz vor der Tat dabei gewesen und habe ihnen gedankt. Die Angeklagte bestreitet, dass es so ein Treffen gab.
Wie ist die Stimmung im Gerichtssaal?
Sehr angespannt. Fester Bestandteil sind die Wortgefechte, die sich Verteidiger, Nebenklage und Vorsitzende Richterin liefern. So dĂŒrfte es auch an den nĂ€chsten Prozesstagen weitergehen.
