Europa Sommer 2022: Mehr als 60.000 hitzebezogene TodesfÀlle
10.07.2023 - 17:33:34Mehr als 60.000 hitzebezogene TodesfĂ€lle hat es einer neuen Berechnung zufolge im Sommer 2022 in Europa gegeben, dem bisher heiĂesten Sommer auf dem Kontinent seit Beginn der Aufzeichnungen.
Deutschland hatte mit 8173 Toten die drittmeisten Hitzeopfer zu beklagen, nach Italien (18.010 Tote) und Spanien (11 324 Tote), wie ein Forschungsteam im Fachmagazin «Nature Medicine» berichtet. Auf die Einwohnerzahl gerechnet waren es hierzulande 98 Hitzetote pro eine Million Einwohner, damit steht Deutschland unter 35 europÀischen Staaten auf Rang 13.
Hitzebezogene TodesfÀlle sind schwer zu erfassen
Die Gruppe um Joan Ballester vom Barcelona Institute for Global Health (ISGlobal) hatte die Werte ĂŒber Datenanalysen und Computermodelle ermittelt. Hitzebezogene TodesfĂ€lle sind nicht ganz einfach zu erfassen. Denn Hitze als direkte Todesursache, etwa bei einem Hitzschlag oder einem Sonnenstich, wird eher selten angegeben - hierzulande in durchschnittlich nur 19 FĂ€llen pro Jahr, wie das Statistische Bundesamt (Destatis) kĂŒrzlich mitteilte.
Deshalb sind Mediziner und Statistiker auf die Auswertung von TodesfĂ€llen und den Vergleich zwischen heiĂen und weniger heiĂen Sommern angewiesen. Sterben in Wochen mit hohen Temperaturen mehr Menschen als in vergleichbaren Wochen in anderen Jahren, dann wird diese Ăbersterblichkeit als hitzebezogen angenommen. Zwar sind die meisten Hitzetoten an einer Vorerkrankung gestorben, doch die Hitze hat den Körper zusĂ€tzlich belastet.
Ballester und Kollegen stĂŒtzen sich bei ihrer Analyse auf eine groĂe Datenbasis: auf mehr als 45 Millionen TodesfĂ€lle zwischen Januar 2015 und November 2022 aus 823 zusammenhĂ€ngenden Regionen, die ĂŒber 543 Millionen EuropĂ€er in 35 LĂ€ndern reprĂ€sentieren. Die Daten stammen vom Statistischen Amt der EuropĂ€ischen Union (Eurostat), ergĂ€nzt um Daten nationaler Statistikbehörden. Die Anzahl der TodesfĂ€lle setzten die Forscher in Beziehung zu Temperaturanomalien, die als Unterschied zwischen gemessenen Temperaturen und Basistemperaturen definiert wurden. Die Basistemperaturen sind dabei Mittelwerte aus dem Referenzzeitraum 1991 bis 2020.
Der Analyse zufolge lagen die Temperaturen in Europa im Juni 2022 zwischen 0,78 und 2,33 Grad, im Juli zwischen 0,18 und 3,56 Grad und im August zwischen 0,91 und 2,67 Grad höher als die Basistemperaturen. Die höchsten Temperaturabweichungen gab es in Spanien und SĂŒdfrankreich. Spanien gehört mit 237 Hitzetoten pro eine Million Einwohner zu den am stĂ€rksten betroffenen LĂ€ndern, neben Italien (295), Griechenland (280) und Portugal (211). Frankreich verzeichnete die höchste Zahl hitzebezogener TodesfĂ€lle bei Menschen im Alter bis zu 64 Jahren (1007). Insgesamt lag Frankreich mit 73 Hitzetoten pro eine Million Einwohner eher im europĂ€ischen Mittelfeld.
Hitze vor allem fĂŒr Ă€ltere Menschen gefĂ€hrlich
Wo diese Daten verfĂŒgbar waren, ordneten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die hitzebezogenen TodesfĂ€lle Altersklassen zu. Im Sommer 2022 starben demnach 4822 Menschen im Alter von bis zu 64 Jahren durch Hitze, 9226 im Alter von 65 bis 79 Jahren und 36. 848 im Alter von 80 oder mehr Jahren. Das bestĂ€tigt, dass Hitze fĂŒr Ă€ltere Menschen ein besonders groĂes Risiko darstellt.
Die Studienautoren fordern Politiker zum Handeln auf: «Angesichts des AusmaĂes der hitzebedingten Sterblichkeit auf dem Kontinent mahnen unsere Ergebnisse eine Neubewertung und StĂ€rkung von HitzeĂŒberwachungs-Plattformen, PrĂ€ventionsplĂ€nen und langfristigen Anpassungsstrategien an.» Sollten MaĂnahmen zur Anpassung an den Klimawandel ausbleiben, erwarten die Wissenschaftler eine mittlere hitzebezogene Sterblichkeitsbelastung von etwa 68.000 TodesfĂ€llen pro Sommer bis zum Jahr 2030, mehr als 94.000 TodesfĂ€llen bis 2040 und deutlich ĂŒber 120.000 TodesfĂ€llen bis 2050.
Unterschiedliche Definitionen von «Hitze»
Matthias an der Heiden vom Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin zufolge stehen die Berechnungen der Studie auf einer soliden Basis. Dennoch hat er mit Kollegen nur 4500 Opfer der Folgen von Hitzewellen in Deutschland fĂŒr das Jahr 2022 ermittelt. Den Unterschied zu den 8173 hitzebezogenen TodesfĂ€llen in der aktuellen Studie erklĂ€rt er unter anderem mit unterschiedlichen Definitionen von «Hitze»: WĂ€hrend das Team um Ballester eine WohlfĂŒhltemperatur (thermisches Optimum) bei einem Wochenmittelwert von 17 bis 19 Grad annimmt, liegt diese in der RKI-Studie bei 20 Grad. An der Heiden warnt davor, Hitze als Problem zu unterschĂ€tzen. «In heiĂeren LĂ€ndern gibt es oft schon mehr Anpassungen an hohe Temperaturen als hierzulande.»
Die Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann von der UniversitĂ€t Augsburg erklĂ€rte: «Die Studie konfrontiert uns fĂŒr den Hitzesommer 2022 mit alarmierenden Zahlen. Da Sommer wie diese die normalen Sommer sein werden, sind dringend weitere Anstrengungen erforderlich.» Die Erfassung hitzebedingter Erkrankungen stehe noch am Anfang, Baustruktur und Lebensweise seien noch nicht an die Hitze angepasst und viele Menschen unterschĂ€tzten die Gefahr. «Es wird Zeit, von der reinen Reaktion und Anpassung zu Resilienzstrategien zu kommen. Ein Hitzeschutzplan ist da nur ein Steinchen in einem groĂen Mosaik.»
Eckart von Hirschhausen, Moderator und GrĂŒnder der Stiftung Gesunde Erde Gesunde Menschen (GEGM), sagte: «Sommer â da hat man sich frĂŒher mal drauf gefreut. Heute wird mit jeder neuen Hitzewelle klarer, was wir fĂŒr einen hohen gesundheitlichen Preis zahlen.» Die aktuelle Studie verdeutliche, wie dringend HitzeschutzplĂ€ne nötig seien. «Diese Daten sind ein Weckruf fĂŒr die Politik, Klimaschutz als Gesundheitsschutz ernst zu nehmen, schnellstens Emissionen zu senken und dringende Anpassungen fĂŒr resilientere Gesundheitseinrichtungen zu finanzieren.»


