Mehr gewaltbetroffene MĂ€nner suchen sich Hilfe
03.11.2023 - 19:12:01Aus Scham hat Gary Clark bis heute fast niemandem aus seinem privaten Umfeld davon erzĂ€hlt, was ihm passiert ist - nicht von den monatelangen DemĂŒtigungen, nicht von dem Stalking und auch nicht vor der Sorge, dass ihm seine damalige Partnerin etwas antun könne.
«Ich habe mich so geschĂ€mt», sagt der 63-JĂ€hrige heute. Mit der UnterstĂŒtzung von Bekannten schaffte er es im FrĂŒhjahr dieses Jahres, aus der gemeinsamen Wohnung zu fliehen und fand Schutz in einer Gewaltschutzeinrichtung fĂŒr MĂ€nner.
So wie Clark suchen sich immer mehr MĂ€nner, die von hĂ€uslicher Gewalt betroffen sind, Hilfe. Das zeigt die Nutzungsstatistik fĂŒr MĂ€nnerschutzeinrichtungen, die die Bundesfach- und Koordinationsstelle MĂ€nnergewaltschutz (BFKM) in Berlin vorstellte. Demnach stieg 2022 die Zahl der Hilfeanfragen in MĂ€nnerschutzeinrichtungen um etwa zwei Drittel von 251 im Jahr 2021 auf 421. Von den Hilfesuchenden konnten 99 in einer der bundesweit zwölf Schutzwohnungen untergebracht werden. Von diesen Betroffenen brachten neun MĂ€nner zusammen 13 Kinder mit in die Einrichtungen.
«Gewaltbetroffenheit von MĂ€nnern in Partnerschaften ist nach wie vor etwas, was eher Irritationen auslöst, wenn man darĂŒber spricht», sagt Dag Schölper, GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Bundesforum MĂ€nner bei der Vorstellung der Ergebnisse. Beim Thema hĂ€usliche Gewalt spreche man oft ĂŒber mĂ€nnliche TĂ€ter, selten aber ĂŒber mĂ€nnliche Opfer.
Laut dem Lagebild zur hÀuslichen Gewalt des Bundeskriminalamts (BKA) waren im vergangenen Jahr 76,3 (150.633) Prozent der TatverdÀchtigen mÀnnlich. Bei den Opfern machten MÀnner einen Anteil von 28,9 Prozent (69.471) aus. Leicht höher lag die Zahl bei mÀnnlichen Opfern innerfamiliÀrer Gewalt lediglich bei Kleinkindern - in der Altersgruppe bis sechs Jahre - mit 3192 betroffenen Jungen und 2993 betroffene MÀdchen.
Zahl der mÀnnlichen Betroffenen deutlich geringer
Auch wenn die Zahl der mĂ€nnlichen Betroffenen bei den Erwachsenen deutlich geringer ist, sollte ihnen die gleiche UnterstĂŒtzung zustehen, fordern die BKFM-Vertreter. Laut der Nutzungsstatistik der Schutzwohnungen berichten mit 97 Prozent fast alle der MĂ€nner von psychischer Gewalt wie Beschimpfungen, Stalking, Streits oder GrenzĂŒberschreitungen. Fast drei Viertel waren zudem betroffen von körperlicher Gewalt. Berichtet wurde auch von ökonomischer, sozialer und sexualisierter Gewalt.
Partnerinnen oder Partner waren mit 45 Prozent in den meisten FĂ€llen fĂŒr die Gewalt verantwortlich. Als TĂ€terinnen und TĂ€ter sind aber auch Elternteile (20 Prozent), Geschwister (6,1) oder Menschen aus der Nachbarschaft (5,2) aufgefĂŒhrt.
Gary Clark konnte durch einen Platz in einer Schutzwohnung der monatelangen Gewalt endlich entfliehen. «Ich war 24 Stunden am Tag mit ihr zusammen», sagt er ĂŒber das Leben mit seiner ehemalige Partnerin. Er habe kein Auto und kein eigenes Einkommen gehabt. «Ich war unter ihrer Kontrolle.» Wenn er einen Spaziergang durchs Dorf machte, folgte die Frau ihm mit dem Auto. Schon bevor sie sich kennenlernten, habe sie ihn gestalkt, wie er spĂ€ter herausfand. Bei einer Nacht-und-Nebel-Aktion, wie er erzĂ€hlt, sei er aus der Wohnung geflohen. Dabei nahm er nur die Klamotten mit, die er trug, alles andere lieĂ er zurĂŒck. Seine persönlichen Sachen hat er bis heute nicht bekommen. Seine Ex-Partnerin will sie ihm nur gegen Geld zuschicken, immer noch schickt sie ihm regelmĂ€Ăig Drohungen per Chat-Nachrichten. «Meine Sachen sind wie Geiseln», sagt der 63-JĂ€hrige.
«Habe mir zu lange die Schuld gegeben»
Hilfe zu suchen, sei fĂŒr ihn eine groĂe Ăberwindung gewesen. In seinem Heimatland Kanada sei er in einem konservativem Umfeld auf dem Land ausgewachsen. Er sei mit der Einstellung groĂ geworden, dass MĂ€nner keine SchwĂ€che zeigen dĂŒrften. Noch heute schĂ€me er sich fĂŒr seine Situation, es fĂ€llt ihm sichtlich schwer darĂŒber zu sprechen. «Ich habe mir zu lange die Schuld gegeben.»
Viele MĂ€nner empfinden SchamgefĂŒhle oder haben ein mangelndes Bewusstsein dafĂŒr, dass ihnen Gewalt angetan wird, sagt Jana Peters von der BFKM. Nur wenige MĂ€nner unter 20 Jahren suchten laut der Auswertung vergangenes Jahr Schutz in einer der Wohnungen, obwohl der höchste Anteil mĂ€nnlicher Opfer laut BKA unter 21 Jahre alt ist. Peters nannte als mögliche ErklĂ€rung, dass aufgrund von Keilereien auf der StraĂe oder etwa SchlĂ€gereien im FuĂballstadion Gewalt fĂŒr einige einfach dazu gehöre. Das könne dazu fĂŒhren, dass hĂ€usliche Gewalt nicht als solche wahrgenommen werde. Bei der Sensibilisierung dafĂŒr hĂ€tten MĂ€nner Nachholbedarf.
Laut Frank Scheinert, geschĂ€ftsfĂŒhrender Bildungsreferent beim BFKM, ist es daher wichtig, deutlich zu machen: «Das ist kein Zeichen von SchwĂ€che, sondern eher von StĂ€rke, sich entweder Beratung zu holen oder vielleicht sogar eine Schutzunterkunft zu nutzen, um zur Ruhe zu kommen und eine neue Lebensperspektive aufzubauen.»
Um mehr MĂ€nnern diese Möglichkeit zu geben und den Bedarf zu decken, braucht es laut Scheinert 67 zusĂ€tzliche MĂ€nnerschutzwohnungen - mindestens drei bis fĂŒnf Einrichtungen pro Bundesland. Derzeit stĂŒnden deutschlandweit 41 PlĂ€tze fĂŒr MĂ€nner und ihre Kinder zur VerfĂŒgung. In elf BundeslĂ€nder gibt es demnach gar kein entsprechendes Angebot. Von Gewalt betroffene MĂ€nner können sich auf www.ohne-gewalt-leben.de ĂŒber Hilfsangebote informieren.


