Arbeitsmarkt-Reform, Attestpflicht

Arbeitsmarkt-Reform: Attestpflicht ab erstem Krankheitstag

04.07.2026 - 17:56:30 | boerse-global.de

Bundesregierung beschließt Reformpaket mit verschĂ€rfter Attestpflicht und lĂ€ngeren Befristungen. Experten warnen vor steigender BĂŒrokratie.

Arbeitsmarktreform: Neue Regeln fĂŒr Krankschreibung und Befristung
Arbeitsmarkt-Reform - Eine Hand fĂŒllt ein komplexes Formular aus, im Hintergrund unscharfe Stapel von Dokumenten und ein Taschenrechner, der BĂŒrokratie darstellt. 04.07.2026 - Bild: ĂŒber boerse-global.de

Es umfasst verschÀrfte Regeln bei Krankmeldungen, lÀngere Befristungsmöglichkeiten und steuerliche Anpassungen.

ArbeitgeberverbĂ€nde begrĂŒĂŸen die Flexibilisierung. Mediziner und Gewerkschaften warnen hingegen vor mehr BĂŒrokratie und einer Belastung des Gesundheitssystems.

Telefonische Krankschreibung wird abgeschafft

Ein zentraler Punkt: Die telefonische Krankschreibung fÀllt weg. Stattdessen gilt eine generelle Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag. Bisher konnten Arbeitgeber selbst entscheiden, ab wann ein Attest nötig war.

Regierungsvertreter betonen, dass die rĂŒckwirkende Ausstellung weiterhin möglich bleibt. So sollen Arztpraxen am ersten Tag entlastet werden.

Die PlĂ€ne stoßen im Gesundheitswesen auf massiven Widerstand. Der HausĂ€rzteverband und die AOK sprechen von reiner Symbolpolitik. Der Anteil telefonischer Krankschreibungen liegt demnach nur zwischen 0,8 und 1,2 Prozent – ein signifikanter Einfluss auf den Krankenstand sei nicht zu erwarten.

Stattdessen rechnet die Ärzteschaft mit jĂ€hrlich 30 Millionen zusĂ€tzlichen Praxisbesuchen. Die Folge: ĂŒberfĂŒllte Wartezimmer und ein „bĂŒrokratischer Super-GAU“ in der ambulanten Versorgung. Zudem sei der Anstieg der Krankentage in den letzten Jahren vor allem auf die bessere Erfassung durch die elektronische ArbeitsunfĂ€higkeitsbescheinigung zurĂŒckzufĂŒhren.

Befristungen: Bis zu vier Jahre möglich

Im Arbeitsrecht sieht das Paket eine deutliche Ausweitung der sachgrundlosen Befristung vor. KĂŒnftig soll sie fĂŒr bis zu vier Jahre möglich sein – mit bis zu sechs VerlĂ€ngerungen. Die Regelung gilt vorerst bis Ende 2030. Das bisherige Schriftformerfordernis entfĂ€llt.

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FĂŒr Arbeitnehmer mit hohem Einkommen lockert die Regierung zudem den KĂŒndigungsschutz. Bei Bruttojahreseinkommen ab rund 177.000 Euro – andere Quellen nennen 240.000 Euro – soll eine Auflösung gegen Abfindung erleichtert werden.

ArbeitgeberprĂ€sident Rainer Dulger lobt den „notwendigen Kurswechsel“ zur StĂ€rkung der WettbewerbsfĂ€higkeit. Die IG Metall spricht dagegen von einem „Angriff auf grundlegende BeschĂ€ftigtenrechte“.

Steuerliche Entlastungen und BĂŒrokratieabbau

Das Paket enthÀlt auch steuerliche Anreize:

  • Sonn- und Feiertagsarbeit: Ab Januar 2027 steigt die Obergrenze des steuerfreien Grundlohns fĂŒr ZuschlĂ€ge von 50 auf 75 Euro pro Stunde.
  • Familienentlastung: Ab 2028 ist eine Steuer entlastung vorgesehen. Eine Familie mit zwei Kindern und 60.000 Euro Haushaltseinkommen soll jĂ€hrlich rund 600 Euro sparen.
  • BĂŒrokratieabbau: Die Regierung plant die pauschale Abschaffung zahlreicher Berichtspflichten und Vereinfachungen im Datenschutz. Genehmigungsverfahren sollen beschleunigt werden, Zukunftsbranchen wie KĂŒnstliche Intelligenz erhalten gezielte Förderung.
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VerbĂ€nde und Opposition ĂŒben scharfe Kritik

Die Reaktionen fallen gespalten aus. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) vermisst trotz punktueller Verbesserungen einen kraftvollen Wachstumsimpuls. Der Bundesverband IT-Mittelstand (BITMi) bezeichnet die steuerlichen Erleichterungen als marginal und kritisiert das Fehlen einer Reform der Körperschaftssteuer.

Die Opposition spricht von einer „steuerlichen Mogelpackung“ (GrĂŒne) und einem „sozialen Kahlschlag“ (Linke). Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) begrĂŒĂŸt die Entlastungen for kleine Einkommen und höhere ZuschlĂ€ge, warnt aber vor zunehmender Unsicherheit durch lĂ€ngere Befristungen.

Unterdessen prognostizieren Experten der Wirtschaftsweisen: Ohne tiefgreifende Strukturreformen könnten die SozialbeitrÀge bis 2040 auf bis zu 50 Prozent steigen.

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