Attestpflicht, Tag

Attestpflicht ab Tag 1: Ärzte warnen vor 30 Millionen Zusatzbesuchen

Veröffentlicht: 09.07.2026 um 03:31 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Bundesregierung plant Attestpflicht ab erstem Krankheitstag. Ärzte warnen vor Millionen Extra-Besuchen, Politik und Wirtschaft sind gespalten.

Attestpflicht ab Tag eins: Regierungspläne entfachen heftigen Streit
Attestpflicht - Eine Nahaufnahme der Hand eines Arztes, der ein Rezept ausstellt, mit einem unscharfen Hintergrund eines belebten Wartezimmers. 09.07.2026 - Bild: ĂĽber boerse-global.de

Die Pläne lösen eine hitzige Debatte aus.

BefĂĽrworter versprechen sich davon einen RĂĽckgang des hohen Krankenstands. Kritiker warnen vor einem Kollaps in den Hausarztpraxen.

Ärzte warnen vor Millionen zusätzlichen Besuchen

Der Hausärzteverband und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) schlagen Alarm. Nicola Buhlinger-Göpfarth vom Hausärzteverband spricht von reiner Symbolpolitik. Sie rechnet mit bundesweit rund 30 Millionen zusätzlichen Arztbesuchen pro Jahr.

Die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg kalkuliert allein für ihr Bundesland mit etwa drei Millionen zusätzlichen Konsultationen jährlich. Mediziner warnen zudem vor einem erhöhten Infektionsrisiko in den Wartezimmern. Patienten mit leichten Infekten müssten dann für ein Attest zwingend die Praxis aufsuchen.

Streit um die telefonische Krankschreibung

Ein zentraler Punkt der Pläne ist die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. AOK-Vorstandsvorsitzende Carola Reimann betont, dass es keine Belege für einen Missbrauch gebe. Laut Daten der Krankenkassen macht die telefonische Krankschreibung lediglich 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen aus.

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Experten des DIW und des IGES-Instituts weisen auf einen anderen Grund für den Anstieg der Krankentage hin. Die Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) sorge für eine lückenlose Erfassung. Der statistische Anstieg von 18 Tagen im Jahr 2016 auf bis zu 24,9 Tage im Jahr 2022 sei daher primär auf bessere Erfassung und mehr Langzeiterkrankungen zurückzuführen.

Politische Fronten verhärten sich

Unionsfraktionsvize Jens Spahn verteidigte die Verschärfung Anfang Juli. Er spricht von einer Frage der Fairness gegenüber den arbeitenden Kollegen. Ganz anders sieht das die Grünen-Politikerin Ricarda Lang. Sie kritisierte die Pläne gestern als Fehlentscheidung, die zu noch mehr Krankheitstagen führen werde.

Der kommissarische SPD-Landeschef in Rheinland-Pfalz, Alexander Schweitzer, mahnte zur Pragmatismus. Er warnt davor, Arbeitnehmer unter Generalverdacht zu stellen.

Die Grünen reichten gestern einen Eilantrag beim Bundesverfassungsgericht ein. Ziel ist es, die für Freitag geplante Abstimmung über das umfassende Gesundheits-Sparpaket zu verhindern. Die Opposition – Linke und AfD eingeschlossen – kritisiert, dass kurzfristige Änderungen auf fast 300 Seiten keine ausreichende Prüfzeit gelassen hätten.

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Wirtschaft zeigt sich gespalten

Die Arbeitgeberverbände reagieren unterschiedlich. Die Unternehmer Baden-Württemberg begrüßen die Pläne als notwendiges Signal gegen potenziellen Missbrauch. In den Unternehmen selbst ist die Stimmung differenzierter.

Firmen wie Ziehl-Abegg verweisen darauf, dass kurze Erkrankungen ohne Arztbesuch oft schneller auskuriert seien. Arbeitnehmervertreter wie die CDA oder Gewerkschaften befürchten das Gegenteil: Werde ein Arztbesuch am ersten Tag erzwungen, fielen Mitarbeiter oft für die gesamte Woche statt nur für einen Tag aus. Große Industrieunternehmen wie Bosch, Zeiss und Stihl wollen die Auswirkungen zunächst genau prüfen.

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