Russland-Sanktionen: Deutschland droht FischstÀbchen-Krise
12.06.2026 - 16:06:30 | dpa.deDas nĂ€chste EU-Sanktionspaket gegen Russland könnte erhebliche Konsequenzen fĂŒr deutsche Produzenten und Konsumenten von FischstĂ€bchen, Schlemmerfilets und anderen TiefkĂŒhl-Fischgerichten haben. Nach Recherchen der Nachrichtenagentur dpa sehen die PlĂ€ne der EU-Kommission vor, dass die Einfuhr von Alaska-Seelachs aus Russland in die EU innerhalb von zwei Jahren um die HĂ€lfte reduziert werden muss. Angesichts des begrenzten Angebots könnte dies zu ProduktionseinschrĂ€nkungen und höheren Preisen zu fĂŒhren.
Konkret ist den PlĂ€nen zufolge vorgesehen, die Importmenge sofort nach Inkrafttreten des neuen Sanktionspakets auf den Durchschnittswert der Jahre 2023 bis 2025 zu begrenzen. Nach einem Jahr sollen dann nur noch 75 Prozent der Menge und nach zwei Jahren nur noch 50 Prozent importiert werden dĂŒrfen.
Sanktionen sollen Russland die KriegsfĂŒhrung erschweren
Die StrafmaĂnahme hat zum Ziel, die Einnahmen der Exportwirtschaft Russlands weiter zu reduzieren, um dem Land die KriegsfĂŒhrung gegen die Ukraine zu erschweren. Zeitweise war auch ein komplettes Einfuhrverbot diskutiert worden. Diese Idee wurde allerdings wegen der Möglichkeit von erheblichen negativen Folgen fĂŒr europĂ€ische Unternehmen und BĂŒrger vorerst wieder verworfen.
Nach Angaben des ThĂŒnen-Instituts, das zum GeschĂ€ftsbereich des Bundeslandwirtschaftsministeriums zĂ€hlt, ist Russland der viertgröĂte Produzent von Meeresfisch weltweit und Deutschland in der EU der gröĂte Abnehmer fĂŒr Alaska-Seelachs-Filet aus Russland. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge wurden allein im vergangenen Jahr 93.500 Tonnen gefrorene Filets im Wert von rund 228 Millionen Euro in die Bundesrepublik importiert.
Von 2020 bis 2024 sei der Anteil Russlands an Alaska-Seelachsfilet-Importen von 15 auf 45 Prozent gestiegen, schreibt das ThĂŒnen-Institut in einem Dossier. In Deutschland stĂŒnden die gröĂten FischstĂ€bchenfabriken der Welt.
VollstÀndiger Ausgleich nicht möglich
Das Institut warnt deswegen, dass die jetzt geplanten MaĂnahmen erhebliche Auswirkungen auf das Angebot und die Preise der Produkte sowie auf die ArbeitsplĂ€tze in der deutschen fischverarbeitenden Industrie nach sich ziehen könnten. In dem Dossier des Bundesforschungsinstituts heiĂt es, in der Industrie gebe es Ăberlegungen, die Fehlmenge durch andere Fischarten auszugleichen - etwa durch SĂŒĂwasserfische aus Aquakultur wie den Pangasius. Ein vollstĂ€ndiger Ausgleich werde jedoch nicht möglich sein, weder nach Menge noch nach Darbietungsform oder Preis.
Alaska-Seelachs wird nach Angaben des Instituts vor allem im Golf von Alaska, dem Ochotskischen Meer zwischen Russland und Japan und in der Beringsee gefangen und dann auf den Verarbeitungsschiffen meist als Filet, aber auch als ausgenommener Fisch tiefgefroren.
Russischer Fisch könnte nach China gehen
Neben Russland produzieren nach Angaben des ThĂŒnen-Instituts nur die US-amerikanischen Fischereien vergleichbare Mengen. Diese seien jedoch durch langfristige LiefervertrĂ€ge gebunden und könnten einen Ausfall russischer Lieferungen nicht substituieren, heiĂt es.
Das Institut erwartet zudem, dass der von der EU nicht mehr gekaufte Fisch aus russischen Quellen dann in andere Weltregionen geliefert wird, weil es jetzt schon mehr Nachfrage als Angebot fĂŒr gĂŒnstigen Alaska-Seelachs gibt. «In der Summe wĂŒrde die deutsche Fischindustrie und damit auch die Versorgung des europĂ€ischen Marktes mit gĂŒnstigen Fischprodukten unwiderruflich Schaden nehmen», heiĂt es in dem Dossier «Droht eine FischstĂ€bchenkrise?». Selbst nach einem Ende des Ukraine-Krieges wĂŒrden FischstĂ€bchen dann aus Fernost kommen und nicht aus heimischer Produktion.
Deutsche Hersteller schweigen bislang
In Deutschland ansĂ€ssige Produzenten wie Iglo oder Frosta Ă€uĂerten sich auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur zunĂ€chst nicht zu den geplanten EU-Sanktionen und den möglichen Folgen. Ein Sprecher des Bundeslandwirtschaftsministeriums sagte, die Bundesregierung unterstĂŒtze MaĂnahmen, die dazu beitragen, Russland die wirtschaftliche Basis zu entziehen, seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine fortzusetzen. Das Ministerium prĂŒft momentan gemeinsam mit den Wirtschaftsbeteiligten und der Wissenschaft die möglichen Auswirkungen des Vorschlags der EU-Kommission, die Einfuhr von russischem Fisch zu sanktionieren.
Das 21. Paket mit Russland-Sanktionen der EU soll nach Angaben von Diplomaten spĂ€testens im Juli beschlossen werden und neben den EinfuhrbeschrĂ€nkungen fĂŒr Alaska-Seelachs unter anderem auch ein komplettes Importverbot fĂŒr russischen Kabeljau ab 2028 umfassen.
Bereits in der Vergangenheit hat die EU etwa die Einfuhr von Ăl und Gas aus Russland weitgehend eingeschrĂ€nkt und Importverbote fĂŒr GĂŒter wie Zement, Holz, Diamanten und Gold erlassen.
