Finanz-Fachkräfte: 840.000 offene Stellen treiben KI-Einsatz
12.06.2026 - 16:40:22 | boerse-global.de
Zeitgleich dämpft die Bundesbank ihre Konjunkturerwartungen. Immer mehr Unternehmen setzen deshalb auf Künstliche Intelligenz.
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Personalmangel erreicht Rekordniveau
Mehr als jedes dritte Unternehmen kann offene Stellen nicht besetzen. Das zeigt der Fachkräftereport 2025/2026 des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Allein im Bereich Finanz- und Rechnungswesen waren 2025 rund 840.000 Stellen ausgeschrieben.
Der demografische Wandel verschärft die Lage. Dazu kommen sinkende Ausbildungszahlen und steigende Anforderungen durch Digitalisierung und neue ESG-Berichtspflichten.
Konjunktur: Nur noch Mini-Wachstum
Die Deutsche Bundesbank korrigierte heute ihre Prognose nach unten. Das kalenderbereinigte Bruttoinlandsprodukt soll 2026 nur um 0,5 Prozent wachsen. Im Dezember lag die Erwartung noch bei 0,6 Prozent.
Grund für die Eintrübung: gestiegene Energiepreise infolge des Iran-Krieges. Die Kaufkraft leidet. Die Inflation wird für 2026 auf 2,9 Prozent prognostiziert.
KI als Ausweg aus der Personalkrise
Können Maschinen die Lücke füllen? Eine Ifo-Umfrage vom Mai 2026 unter knapp 3.000 Firmen gibt Hinweise. Rund 19,2 Prozent der KI-nutzenden Unternehmen halten es für leicht, Fachkräfte durch KI-gestützte, geringer qualifizierte Mitarbeiter zu ersetzen.
Im Handel ist der Trend besonders stark: 28,6 Prozent der Unternehmen sehen dort Substitutionspotenzial. Bereits 54,5 Prozent aller befragten Firmen setzen KI ein.
Doch die Hürden bleiben hoch. Über die Hälfte der Unternehmen schätzt es als schwer oder unmöglich ein, erfahrene Fachkräfte komplett durch Technologie zu ersetzen. Berufserfahrung lässt sich schwerer substituieren als formale Abschlüsse.
Qualifizierungsoffensive in der Buchhaltung
Bildungsträger reagieren auf den Bedarf. Die DWW Akademie verabschiedete im April 2026 insgesamt 95 Absolventen eines spezialisierten Kurses für Lohn-, Finanz- und Bilanzbuchhaltung. Der Kurs schulte explizit den Umgang mit DATEV und KI-Anwendungen.
Seit Jahresbeginn qualifizierte die Akademie 142 Fachkräfte. Ein Teil fand bereits während der Ausbildung Anstellungen. Die Dringlichkeit zeigt ein Blick auf aktuelle Marktdaten: Laut gehalt.de waren im April 2026 allein in der Buchhaltung über 6.000 Stellen unbesetzt.
Softwarebranche setzt auf KI-Agenten
Auch Softwarehersteller stellen sich neu auf. Diamant Software kündigte im Juni 2026 an, verstärkt auf „Agentic Finance und Controlling“ zu setzen. KI-Agenten übernehmen selbstständig Routineaufgaben im Rechnungswesen.
Das Ziel: vom reinen Dokumentationssystem („System of Record“) hin zu einem agierenden System („System of Action“). Die menschliche Kontrolle soll erhalten bleiben. Das Personal wird von repetitiven Tätigkeiten entlastet.
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Bürokratie bremst die Modernisierung
Trotz technologischer Fortschritte hakt es an anderer Stelle. Eine Analyse zur Digitalisierung des Steuerwesens zeigt: Vollautomatisierte Lösungen scheitern oft an der Komplexität des deutschen Steuerrechts.
Estland erreicht durch radikale Vereinfachung eine Automatisierungsquote von 95 Prozent. In Deutschland erfordern Buchungsvorgänge aufgrund vielfältiger steuerlicher Bedeutungen weiterhin häufig menschliche Prüfung.
Auch die Umsetzungskompetenz in Großunternehmen hakt. Laut einer Studie von Zoi verfügen zwar 74 Prozent der großen Unternehmen über eine KI-Strategie. Aber nur 34 Prozent können ihre Prozesse damit effektiv steuern. Fehlendes Fachwissen und komplexe IT-Infrastrukturen sind die Haupthindernisse.
Die Politik reagiert: Am 10. Juni verständigten sich Vertreter auf Maßnahmen zum Bürokratieabbau und eine Beschleunigung der Verwaltungsdigitalisierung. Ob das reicht, um den Wirtschaftsstandort zu entlasten, bleibt abzuwarten.
