Krankengeld, Milliarden

Krankengeld: 21,6 Milliarden Euro Rekordsumme belastet Kassen

Veröffentlicht: 08.07.2026 um 02:04 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Rekordausgaben für Krankengeld und steigende Fehlzeiten zwingen Firmen zu neuen Strategien in der Personalführung.

Hohe Krankenstände: Psychische Erkrankungen belasten Unternehmen massiv
Krankengeld - Eine Gruppe von Büroangestellten, einige gestresst, andere in einem unterstützenden Gespräch mit einer Führungskraft. 08.07.2026 - Bild: über boerse-global.de

Psychische Erkrankungen und Stress führen zu langwierigen Ausfällen, die Unternehmen jährlich Milliarden kosten. Experten fordern einen proaktiven Ansatz in der Personalführung, um Krankheitsursachen frühzeitig zu adressieren.

Die Kosten explodieren

Die Ausgaben für Krankengeld erreichten 2025 eine Rekordsumme von 21,6 Milliarden Euro. Das ist die größte Einzelposition innerhalb der gesetzlichen Krankenversicherung. Der allgemeine Krankenstand lag bei 6,1 Prozent.

Besonders auffällig: Jeder vierte Fehltag entfiel auf Bezieher von Krankengeld. In den letzten zehn Jahren stieg die Zahl der Krankengeldtage um 24,4 Prozent. Die Langzeiterkrankungen sind der Haupttreiber dieser Entwicklung.

Regionale Daten der Barmer für Sachsen untermauern den Trend. Der Krankenstand lag dort 2025 bei 6,3 Prozent. Bis März 2026 verzeichneten die ersten Erhebungen durchschnittlich sechs Fehltage pro Versichertem – im Vorjahreszeitraum waren es 6,5 Tage.

Ältere seltener krank, aber länger

Ein struktureller Wandel zeigt sich bei der Dauer der Ausfälle. Ältere Beschäftigte sind seltener krank, fallen aber deutlich länger aus. Gleichzeitig stieg der Anteil von Kurzkrankmeldungen bis zu drei Tagen von 35 Prozent (2021) auf 40,5 Prozent (2025).

Psychische Erkrankungen sind laut aktuellen Berichten die zweithäufigste Ursache für Krankschreibungen. Sie führen zu den längsten Ausfallzeiten. Ihr Anteil an allen Meldungen liegt bei 5,4 Prozent – doch die durchschnittliche Dauer beträgt mehr als fünf Wochen. Besonders Burnout-Fälle ziehen sich signifikant länger hin.

Führungskultur als Schlüsselfaktor

Die Qualität der Führung gilt als zentraler Faktor für die Mitarbeitergesundheit. Der Gallup Engagement Index 2025 zeigt: Nur noch 9 Prozent der Beschäftigten in Deutschland verspüren eine starke emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber – ein historischer Tiefstand.

Die Auswirkungen auf die Fehlzeiten sind deutlich. Beschäftigte mit starker Bindung kommen im Schnitt auf 5,5 Fehltage pro Jahr. Bei Personen mit geringer Bindung oder innerer Kündigung sind es 7,9 Tage.

Lea Feder von der JETZT Performance GmbH erklärt: Krankheit beginne oft mit ignorierten Symptomen wie Schlafproblemen, Konzentrationsschwäche oder Erschöpfung. Unternehmen reagierten jedoch erst auf eine vorliegende Krankmeldung, statt bei den Ursachen anzusetzen. Eine resiliente Organisation sei das Ergebnis einer Führungskultur, die Belastungen frühzeitig erkenne.

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Kritik an geplanten Gesetzesverschärfungen

Die von der Bundesregierung erwogenen Änderungen im Arbeitsrecht stoßen bei Fachleuten auf Skepsis. Geplant sind unter anderem die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung und die Verpflichtung zur AU-Bescheinigung ab dem ersten Tag.

Ein Forscher der Universität Bamberg kritisiert diese Pläne als kontraproduktiv. Die Maßnahmen senkten den Krankenstand nicht, sondern führten zu mehr Präsentismus – dem Erscheinen am Arbeitsplatz trotz Krankheit. Kurze Fehlzeiten machten nur einen kleinen Teil der Gesamtkosten aus. Das eigentliche Problem seien die langen, psychisch bedingten Ausfälle. Zusätzliche Belastungen entstünden für Hausarzt praxisxen.

Auch die geplante Ausweitung sachgrundloser Befristungen auf bis zu vier Jahre könnte die psychische Belastung weiter erhöhen.

Die DGB-Vorsitzende Yasmin Fahimi warnt: Viele Beschäftigte rechneten nicht damit, ihren Beruf bis zur Rente ausüben zu können. Besonders in belasteten Branchen ist die Skepsis groß – in der Krankenpflege (71 Prozent), der Altenpflege (67 Prozent) und im Hochbau (66 Prozent). Sie fordert gesündere Arbeitsbedingungen und würdige Übergänge in den Ruhestand.

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Betriebliche Angebote als Ausweg

Immer mehr Unternehmen setzen auf betriebliche Krankenversicherungen (bKV), um den langen Wartezeiten auf Therapieplätze entgegenzuwirken. Gesetzlich Versicherte warten oft sechs bis zwölf Monate auf einen Behandlungsbeginn. bKV-Modelle mit Mental-Health-Leistungen ermöglichen den Zugang zu professioneller Beratung oder Coaching innerhalb weniger Wochen. Solche Angebote sind bereits für kleinere Betriebe ab drei Mitarbeitern ohne Gesundheitsprüfung umsetzbar.

Spezifische Schulungsprogramme gewinnen ebenfalls an Bedeutung. Die Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe (BGN) bietet im Herbst 2026 Seminare zum Thema „Healthy Leadership“ an. Vom 7. September bis 30. Oktober werden Führungskräfte in Stressbewältigung, Mobbingprävention und der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen geschult. Ein Onlineseminar zur gesundheitsverträglichen Arbeitszeitgestaltung ist für den 19. Oktober bis 27. November angesetzt.

Executive Coach Ragnhild Struss betont die Bedeutung von Empathie in der Führung. Dabei gehe es nicht um reine Gefälligkeit, sondern um die präzise Wahrnehmung emotionaler Dynamiken. Nur so bleibe das Team auch in Belastungsphasen handlungsfähig.

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