Krankengeld: Gericht kippt Wochenendfalle für Arbeitnehmer
20.06.2026 - 16:12:13 | boerse-global.de
Steigende Leistungsausgaben treffen auf Rekord-Fehlzeiten – und die Ursachen verschieben sich.
Koalition vertagt Entscheidung über Sparpaket
Die schwarz-rote Koalition hat die Abstimmung über das GKV-Sparpaket auf die letzte Sitzungswoche vor der Sommerpause verschoben. Die Frist läuft bis zum 10. Juli. Gesundheitsministerin Warken (CDU) beziffert das Sparziel für 2027 auf 18,8 Milliarden Euro. Grund: Die Finanzierungslücke fällt größer aus als gedacht.
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Die Zahlen des ersten Quartals 2026 sprechen eine klare Sprache: Die Ausgaben der Kassen stiegen um 7,6 Prozent, die Einnahmen nur um 4,1 Prozent. Haupttreiber sind die Klinikausgaben mit einem Plus von 9,3 Prozent. Zwar steht unterm Strich ein Überschuss von 1,3 Milliarden Euro – der fließt aber direkt in die Reserven. Der durchschnittliche Zusatzbeitrag liegt mit 3,1 Prozent bereits über der Prognose von 2,9 Prozent.
Um die Finanzen zu stabilisieren, fordern Politiker von Union und SPD sowie Kassenmanager höhere Steuern auf Tabak und Alkohol.
Psychische Erkrankungen überholen Rückenschmerzen
Die Krankenkassen-Daten für 2025 zeigen einen stabil hohen Krankenstand. Versicherte der DAK-Gesundheit waren im Schnitt 19,5 Kalendertage krankgeschrieben – das entspricht 5,4 Prozent. Besonders auffällig: Psychische Erkrankungen legten um 6,9 Prozent zu, auf 366 Fehltage je 100 Versicherte. Damit verdrängen sie Probleme des Muskel-Skelett-Systems auf Platz drei – hinter Atemwegserkrankungen.
Regionale Daten der Barmer für Rheinland-Pfalz bestätigen den Trend. Dort erreichten psychische Diagnosen mit 4,7 Fehltagen pro Erwerbsperson einen Höchstwert. In Zweibrücken lag der Wert mit 8,0 Tagen sogar noch deutlich höher.
Experten führen die Entwicklung auf Überlastung und eine mangelhafte Führungskultur zurück. Der McKinsey HR Monitor 2026 zeigt eine Diskrepanz: Fast alle Beschäftigten schätzen ihre Leistung als mindestens durchschnittlich ein. Personalmanager bewerten dagegen knapp ein Fünftel der Belegschaft als unterdurchschnittlich.
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Streit um Teilkrankschreibung und Attestpflicht
Angesichts der hohen Fehlzeiten werden Forderungen nach strukturellen Änderungen laut. DAK-Vorstandschef Andreas Storm spricht sich für eine Teilkrankschreibung aus – sie soll den Wiedereinstieg erleichtern. Aus der Politik und von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) kommen Vorschläge, die telefonische Krankschreibung zu prüfen oder die Attestpflicht für die ersten drei Tage abzuschaffen.
Gleichzeitig wächst der Druck auf Krankengeld-Bezieher. Der Sozialverband (SoVD) berichtet von Fällen, in denen Kassen Versicherte auffordern, selbstständig auf frühere Reha-Termine hinzuwirken – sonst drohe der Verlust des Krankengeldes. Patientenvertreter kritisieren das als unverhältnismäßig.
Gericht kippt „Wochenendfalle“ beim Krankengeld
Eine wichtige Entscheidung für Arbeitnehmer traf das Sozialgericht Darmstadt (Az. S 8 AL 348/21). Die Richter kippten die sogenannte Wochenendfalle. In dem Fall hatte eine Kasse die Zahlung verweigert, weil zwischen zwei Krankschreibungen mit unterschiedlichen Diagnosen ein Wochenende lag.
Das Urteil: Die Kasse muss nachzahlen, wenn die Arbeitsunfähigkeit nahtlos fortbesteht und nur durch arbeitsfreie Tage unterbrochen wird. Das Gericht schließt damit eine Lücke im Sozialgesetzbuch und betont das soziale Schutzbedürfnis der Versicherten.
