Krankschreibung: Koalition beschließt Attest ab dem ersten Tag
Veröffentlicht: 07.07.2026 um 22:19 Uhr, Redaktion boerse-global.de
Künftig soll für jeden Krankheitstag ein ärztliches Attest nötig sein. Das beschloss der Koalitionsausschuss am 2. Juli.
Bundeskanzler Merz begründet den Schritt mit dem hohen Krankenstand in Deutschland. Zudem sollen strengere Strafen für missbräuchlich ausgestellte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ins Strafgesetzbuch.
Bisher gilt: Arbeitnehmer müssen spätestens am vierten Tag ein Attest vorlegen. Arbeitgeber können es aber schon früher verlangen – das bestätigte das Bundesarbeitsgericht 2012.
Was die Reform für Beschäftigte bedeutet
Ein Fachanwalt für Arbeitsrecht warnt: Bei einer gesetzlichen Verschärfung greift das Günstigkeitsprinzip. Bestehende Tarifverträge oder Arbeitsverträge mit längeren Fristen könnten weiter gelten.
Die Rückdatierung der Krankschreibung um bis zu drei Tage soll möglich bleiben. Ein Punkt, den Mediziner als notwendig erachten.
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Ärzte schlagen Alarm
Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet mit 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen pro Jahr. Das entspricht rund 208.000 Arbeitstagen Mehrbelastung.
Der Hausärzteverband nennt die Reform Symbolpolitik. Die telefonische Krankschreibung mache nur 0,8 bis 1,2 Prozent aller AU-Bescheinigungen aus. Das Missbrauchspotenzial sei nicht höher als bei einem Praxisbesuch.
Experten weisen auf einen weiteren Punkt hin: Der Anstieg der Krankentage von 18 (2016) auf 22 (2025) liege vor allem an der elektronischen AU. Seit 2022 werden Fehlzeiten lückenloser erfasst.
Videosprechstunden bleiben erlaubt
Trotz der Abschaffung der Telefon-Krankschreibung setzt die Koalition auf digitale Alternativen. SPD-Chef Klingbeil betonte am 6. Juli: Ein Attest ab dem ersten Tag verlange keinen physischen Termin.
Die Regeln für Videosprechstunden: Neupatienten können per Video für bis zu drei Tage krankgeschrieben werden, bekannte Patienten für bis zu sieben Tage.
Die Telemedizin-Branche verzeichnet bereits steigende Nutzerzahlen. Im ersten Halbjahr 2025 wurden rund 1,5 Millionen Videosprechstunden über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet – ein Plus von 14 Prozent.
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Krankenkassen zweifeln an der Wirksamkeit
Der BKK Dachverband äußerte am 7. Juli Skepsis. Nicht kurze Erkrankungen, sondern langwierige Fälle treiben die Kosten. Das Krankengeld ab dem 43. Tag macht mit über 21 Milliarden Euro eine der größten Ausgabepositionen aus.
Eine IGES-Studie zeigt: Deutschland liegt mit 6,8 Prozent verlorener Arbeitszeit durch Krankheit auf Rang sieben in Europa.
Innerhalb der Koalition warnen Arbeitnehmervertreter vor Misstrauen gegenüber Beschäftigten. Ein Arztbesuch bei Bagatellinfekten könne dazu führen, dass Ärzte Patienten sicherheitshalber länger krankschreiben. Das würde die Fehlzeiten eher erhöhen.
SPD-Generalsekretär Klüssendorf fordert flexible Lösungen: Betriebe und Betriebsräte sollen per Vereinbarung über Meldefristen entscheiden können. Die Unionsführung pocht dagegen auf einen verbindlichen gesetzlichen Rahmen.
