Atemtechnik, HerzratenvariabilitÀt

Atemtechnik: 2:8-VerhÀltnis steigert HerzratenvariabilitÀt messbar

Veröffentlicht am: 13.09.2026 um 01:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine Untersuchung von DIfE und Charité verbindet verlÀngertes Ausatmen mit niedrigerem Puls, höherer HRV und stÀrkerer Belohnungsreaktion.

DIfE-Studie: Langes Ausatmen verÀndert Herz und Risikoverhalten
Eine ruhige Berglandschaft mit einem stillen See im sanften Licht der MorgendÀmmerung, die eine meditative AtmosphÀre ausstrahlt. Illustration mit AI erstellt.

Wissenschaftliche Untersuchungen liefern neue Erkenntnisse darĂŒber, wie gezielte Atemtechniken nicht nur die physiologische Entspannung fördern, sondern auch kognitive Prozesse und das menschliche Belohnungssystem beeinflussen.

Insbesondere eine Studie des Deutschen Instituts fĂŒr ErnĂ€hrungsforschung Potsdam-RehbrĂŒcke (DIfE) und der CharitĂ© Berlin legt nahe, dass das VerhĂ€ltnis zwischen Ein- und Ausatmung eine zentrale Rolle bei der neuronalen AktivitĂ€t und der individuellen Risikobereitschaft spielt.

Auswirkungen verlÀngerter Ausatmenphasen auf das Herz-Kreislauf-System

In der gemeinsamen Untersuchung des DIfE Potsdam-RehbrĂŒcke und der CharitĂ© Berlin befassten sich Forscher mit den Auswirkungen eines spezifischen Atemmusters auf den Organismus. An der Studie nahmen 41 gesunde Probanden teil. Dabei wurde ein AtemverhĂ€ltnis von 2:8 (Einatmen zu Ausatmen) angewendet.

Die Ergebnisse der Untersuchung verdeutlichen den körperlichen Effekt dieser bewussten Atemkontrolle. Durch die verlĂ€ngerte Ausatmenphase sank die Herzfrequenz der Teilnehmer, wĂ€hrend die HerzratenvariabilitĂ€t (HRV) zunahm. Letztere gilt in der Medizin als Indikator fĂŒr eine verbesserte AnpassungsfĂ€higkeit des Herz-Kreislauf-Systems und einen höheren Entspannungsgrad durch die Aktivierung des Parasympathikus.

VerÀnderungen der Risikobereitschaft und BelohnungssensitivitÀt

Über die rein körperlichen Effekte hinaus beobachteten die Wissenschaftler signifikante VerĂ€nderungen in der psychologischen Entscheidungsfindung. Die Probanden zeigten unter Anwendung des 2:8-AtemverhĂ€ltnisses eine gesteigerte Risikobereitschaft.

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Laut den Analysen der Forscher lag die Ursache hierfĂŒr jedoch nicht in einer verminderten Angst vor möglichen Verlusten. Stattdessen reagierten die Teilnehmer unter dem Einfluss der Atemtechnik stĂ€rker auf potenzielle Belohnungen.

Diese VerhaltensĂ€nderung ließ sich mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRI) auch auf neuronaler Ebene nachweisen. Die Untersuchungen zeigten eine erhöhte AktivitĂ€t im ventromedialen PrĂ€frontalkortex sowie im Precuneus – Regionen des Gehirns, die maßgeblich an der Bewertung von Belohnungen und der Entscheidungsfindung beteiligt sind.

Der Hauptautor der in der Fachzeitschrift Neuron veröffentlichten Studie, Wenhao Huang, sieht darin ein Potenzial fĂŒr praktische Anwendungen. Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, impulsives Verhalten oder spezifische ErnĂ€hrungsentscheidungen besser zu kontrollieren.

Vergleichbare AnsÀtze und klinische Evidenz der 4-7-8-Methode

Neben den spezifischen Mustern der DIfE-Studie existieren weitere etablierte Techniken wie die 4-7-8-Atmung. Bei dieser Methode, die durch Andrew Weil bekannt wurde, handelt es sich um ein festes VerhÀltnis der Atemphasen: vier Einheiten Einatmen, sieben Einheiten Halten und acht Einheiten Ausatmen.

Die Datenlage zu dieser speziellen Technik zeigt differenzierte Ergebnisse:

  • In einer randomisierten kontrollierten Studie (RCT) mit 90 Patienten nach einer bariatrischen Operation war die Zustandsangst nach Anwendung der 4-7-8-Atmung geringer als in der Vergleichsgruppe mit tiefer Atmung oder Standardversorgung.
  • Eine Untersuchung mit 48 Tinnitus-Patienten ergab, dass nach einem Zeitraum von sechs Wochen, in denen zweimal tĂ€glich vier Zyklen der Technik praktiziert wurden, Stresswerte und die allgemeine Ängstlichkeit sanken.
  • In einer Akutstudie mit 43 jungen Erwachsenen fĂŒhrte die Anwendung von 18 Zyklen der 4-7-8-Atmung zu einer niedrigeren Herzfrequenz und einem sinkenden systolischen Blutdruck. Die Auswirkungen auf die HerzratenvariabilitĂ€t waren in diesem Fall jedoch uneinheitlich.
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Wissenschaftliche Einordnung der Wirksamkeit

Trotz der beobachteten Effekte gibt es Hinweise darauf, dass die 4-7-8-Methode nicht in jedem Fall die effektivste Form der Atemkontrolle darstellt. Ein Laborvergleich mit 84 Studierenden zeigte beispielsweise, dass eine Atemfrequenz von konstant sechs AtemzĂŒgen pro Minute die HerzratenvariabilitĂ€t stĂ€rker steigerte als die 4-7-8-Technik.

Zudem existiert bislang keine direkte Studie zur Anwendung der 4-7-8-Atmung bei diagnostizierten Panikstörungen oder akuten Panikattacken. Eine Meta-Analyse ĂŒber verschiedene Atemtechniken hinweg ermittelte einen gepoolten Effekt auf das Stressempfinden mit einem Wert von Hedges g = -0,35, was auf eine moderate Wirksamkeit hindeutet.

Die aktuelle Forschung des DIfE und der Charité Berlin unterstreicht jedoch, dass die gezielte Beeinflussung der Ausatmung ein wirkungsvolles Instrument sein kann, um direkt in die neurobiologischen Prozesse der Entscheidungsfindung einzugreifen.

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de | wissenschaft | 70095066 |