Bewegung und Demenz: 74 Studien zeigen 20 Prozent niedrigeres Risiko
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 16:16 Uhr | Redaktion boerse-global.deEine systematische Übersichtsarbeit im Fachjournal The Lancet Public Health liefert umfassende Daten zum Zusammenhang zwischen Bewegung und kognitiver Gesundheit. Das Forschungsteam um Natan Feter wertete dafür 74 Studien mit mehr als 4,2 Millionen Teilnehmern aus 30 Ländern aus, die über einen durchschnittlichen Zeitraum von 10 Jahren beobachtet wurden.
Die Ergebnisse verdeutlichen, dass ein hohes Maß an körperlicher Aktivität mit einem um 20 Prozent niedrigeren Risiko für Demenzerkrankungen jeglicher Ursache einhergeht.
Differenzierte Effekte je nach Demenzform und Aktivitätsart
Die Auswertung der internationalen Datenbasis zeigt deutliche Unterschiede zwischen verschiedenen Formen der Demenz sowie den jeweiligen Lebensbereichen, in denen Bewegung stattfindet. Bei der Alzheimer-Demenz war ein hohes Aktivitätsniveau mit einer Risikoreduktion von 21 Prozent verbunden, während das Risiko für vaskuläre Demenz um 29 Prozent niedriger lag.
Besonders ausgeprägt zeigte sich dieser Zusammenhang bei sportlicher Betätigung in der Freizeit. Personen, die regelmäßig Freizeitsport trieben, wiesen im Vergleich zur wenig aktiven Gruppe ein um 24 Prozent geringeres Gesamtdemenzrisiko auf. Alltägliche Aktivitäten wie Haus- und Gartenarbeit erwiesen sich der Untersuchung zufolge ebenfalls als protektiv, zeigten jedoch einen schwächeren Schutzeffekt.
Demgegenüber standen andere Formen körperlicher Belastung: Körperliche Aktivität im Beruf war mit einem um 20 Prozent höheren Demenzrisiko verbunden, während das Pendeln mit einem um 10 Prozent erhöhten Risiko einherging.
Methodische Einordnung und Datenlage
Die Autoren der Übersichtsarbeit, an der unter anderem Institutionen wie die University of Southern California, die Universität Helsinki, die University of Arizona und die Universität Porto Alegre beteiligt waren, betonen die Grenzen der Aussagekraft.
Da es sich um Beobachtungsstudien handelt, lässt sich kein ursächlicher Zusammenhang nachweisen. Die Evidenzsicherheit wird insgesamt als niedrig bis sehr niedrig eingestuft. Zwar sei über die Hälfte der erfassten Arbeiten von mittlerer oder hoher Qualität gewesen, fast alle Untersuchungen stammten jedoch aus Ländern mit höheren Einkommen.
Lebensstil und kognitiver Abbau
Die Ergebnisse reihen sich in den breiteren wissenschaftlichen Kontext zur Demenzprävention ein. Laut Prof. Dr. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), kann ein aktiver und gesunder Lebensstil den kognitiven Abbau um Jahre verzögern. Bezug nehmend auf eine Veröffentlichung der Lancet-Kommission aus dem Jahr 2020 sei das Demenzrisiko durch Lebensstilfaktoren um gut 40 Prozent senkbar.
Die Bedeutung präventiver Ansätze unterstreichen auch die Diagnosezahlen in Deutschland. Jährlich werden bundesweit fast 450.000 Demenzdiagnosen gestellt, wovon rund zwei Drittel auf Alzheimer entfallen. Bis zum Jahr 2050 prognostizieren Fachleute einen Anstieg von derzeit 1,8 auf bis zu 2,7 Millionen Betroffene.
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Gleichzeitig bleiben medikamentöse Therapien mit Hürden verbunden. Zwar verlangsamen Antikörper wie Lecanemab (seit September 2025) und Donanemab (seit November 2025) das Fortschreiten der Erkrankung laut Fachleuten um etwa 30 Prozent, die Mehrheit der Betroffenen kommt für diese Präparate jedoch nicht infrage. Zudem stellte der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Februar 2026 keinen Zusatznutzen fest.
Erkenntnisse aus Schrittzähl- und Bildgebungsstudien
Ergänzende Analysen untersuchen die genaue Dosis und die biologischen Spuren von Bewegung im Gehirn. Eine im November 2025 in Nature Medicine veröffentlichte Auswertung der Harvard Aging Brain Study (HABS) begleitete 296 kognitiv unbeeinträchtigte Personen über bis zu 14 Jahre. Dabei zeigte sich bei einem Pensum von 5.000 bis 7.500 Schritten pro Tag ein starker Zusammenhang mit einem verlangsamten kognitiven und funktionellen Abbau.
Dr. Wai-Ying Yau von der Harvard Medical School wies darauf hin, dass bei älteren Menschen mit ersten Anzeichen bereits 3.000 Schritte täglich mit einer Verlangsamung des Abbaus assoziiert waren; jenseits von 7.500 Schritten stagnierte dieser Effekt.
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Strukturelle Veränderungen im Gehirn untersuchte eine Meta-Analyse von Sara Oliveira Dias de Lucena und Lucas Melo Neves im Journal of Aging and Physical Activity. Bei 2.684 untersuchten Personen im Durchschnittsalter von 70 Jahren wiesen aktivere Ältere ein größeres Gesamthirnvolumen sowie mehr Volumen in kognitionsrelevanten Regionen wie dem Hippocampus auf.
Wer das Bewegungspensum der Weltgesundheitsorganisation erreichte, wies in einigen Studien ein um 7 bis 10 Prozent größeres Hippocampusvolumen auf. Auch hier gilt jedoch die Einschränkung, dass die zugrundeliegenden Beobachtungsstudien keine Kausalität belegen.
