Bewegung, Gehirn

Bewegung und Gehirn: 150 Minuten pro Woche können das Depressionsrisiko senken

Veröffentlicht am: 27.10.2026 um 17:52 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Studien verbinden körperliche und geistige Aktivität mit Veränderungen im Gehirn, besserer Balance und psychischer Widerstandskraft.
Ein von Sonnenlicht durchfluteter Waldpfad, der sich durch einen alten Baumbestand schlängelt. Illustration mit AI erstellt.

Fachleute sowie spezialisierte Kursanbieter weisen verstärkt darauf hin, wie bedeutsam körperliche Aktivität und gezielte Sinnesreize für die neuronale Plastizität und die psychische Widerstandskraft sind. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass das menschliche Gehirn bis ins hohe Alter anpassungsfähig bleibt, wenn es durch motorische und kognitive Impulse gefordert wird.

Strukturelle Veränderungen im Gehirn durch Training

Dass das Gehirn auf neue Herausforderungen mit strukturellen Umbauten reagiert, belegen neurowissenschaftliche Arbeiten seit Jahren. Bereits eine im Fachjournal Nature veröffentlichte Studie aus dem Jahr 2004 zeigte, dass das Erlernen des Jonglierens bei Erwachsenen die graue Substanz in den Arealen verändert, die für die visuelle Bewegungsverarbeitung zuständig sind.

Ebenso wirkt sich Ausdauertraining nachweislich auf das Gehirnvolumen aus. Laut einer 2011 im Fachblatt PNAS publizierten Untersuchung an 120 älteren Erwachsenen führte ein einjähriges aerobes Gehtraining dazu, dass das Volumen des vorderen Hippocampus im Durchschnitt um rund 2 Prozent anstieg. Neben diesem Volumenzuwachs verbesserte sich bei den Teilnehmenden ohne Demenz auch das räumliche Gedächtnis.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam eine Magdeburger Studie über einen Zeitraum von 18 Monaten mit gesunden Probanden um das 68. Lebensjahr: Sowohl klassisches Fitnesstraining als auch Tanzen führten zu einem Wachstum des Hippocampus. Allerdings verbesserten ausschließlich die Tanzenden zusätzlich ihr Gleichgewicht deutlich.

Eine im New England Journal of Medicine veröffentlichte US-Langzeitbeobachtungsstudie an Personen über 75 Jahren stellte zudem fest, dass regelmäßiges Tanzen mit einem deutlich geringeren Demenzrisiko einherging, wobei dieser statistische Zusammenhang keinen kausalen Beweis darstellt.

Kognitive Reserve und Grenzen der Prävention

Die Bedeutung mentaler und physischer Reserven wird auch im Kontext von Erkrankungen diskutiert. Eine im International Journal of Stroke veröffentlichte Metaanalyse aus dem Jahr 2026 ergab, dass eine höhere kognitive Reserve – gemessen an Faktoren wie Bildungsniveau und Berufsverlauf – mit besseren Behandlungsergebnissen nach einem Schlaganfall assoziiert ist. Allerdings wiesen die analysierten Studien eine hohe Variabilität auf.

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Zugleich warnen Fachmediziner vor falschen Erwartungen. Dr. Enrique Noé, Forschungsdirektor bei Irenea am Instituto de Neurociencias Vithas, betonte anlässlich des Nationaltags des erworbenen Hirnschadens, dass Lesen und körperliche Bewegung zwar die Hirngesundheit fördern, jedoch nicht garantieren könnten, dass eine Hirnschädigung im Ernstfall weniger schwer ausfällt. Dieser Themenkomplex ist auch Gegenstand der XXIV. Jornada de la Sociedad Española de Neurorrehabilitación am 19. November.

Biochemische Mechanismen und mentale Stabilität

Körperliche Aktivität entfaltet zudem direkte Effekte auf die Psyche. Der Psychiater Fernando Mora legte im Podcast Tengo un plan dar, dass Sport nach ausreichendem Schlaf der wirksamste Lebensstilfaktor für die psychische Gesundheit sei.

Bewegung helfe beim Abbau von überschüssigem Cortisol und setze Endorphine frei. Zudem aktivierten Serotonin und Dopamin das Belohnungssystem, während der Wachstumsfaktor BDNF als natürlicher Dünger für die Nervenzellen ausgeschüttet werde.

Experten unterteilen die mentale Gesundheit oft in drei Einflussbereiche:
- Körper: Rund 150 Minuten Bewegung pro Woche können das Depressionsrisiko um bis zu 25 Prozent senken. Hinzu kommen zwei Stunden Aufenthalt in der Natur pro Woche sowie gesunder Schlaf; bei Schlafmangel reagiert die Amygdala bis zu 60 Prozent schneller mit Stress.
- Soziales: Ausgeprägte soziale Beziehungen erhöhen die Überlebenswahrscheinlichkeit statistisch um 50 Prozent, während chronische Einsamkeit gesundheitlich mit dem Konsum von 15 Zigaretten pro Tag verglichen wird.
- Kopf: Das menschliche Bewusstsein schweift fast die Hälfte des Tages ab, wobei rund 50 Prozent dieser Phasen von Sorgen oder Grübeln geprägt sind. Bereits sechs Minuten Meditation können hier gegensteuern. Ein systematischer Review in Biomedicines aus dem Jahr 2024 brachte Achtsamkeitspraxis mit Veränderungen in den neuronalen Netzwerken für Aufmerksamkeit und Emotionsregulation in Verbindung, wenngleich die Ergebnisse uneinheitlich bleiben.

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Für die motorische Festigung spielt zudem die Erholung eine Rolle: Eine Studie in Neuron aus dem Jahr 2002 wies nach, dass Probanden eine zuvor erlernte motorische Aufgabe nach dem Nachtschlaf um rund 20 Prozent schneller und ohne Präzisionsverlust ausführten.

Methoden aus der Praxis: Dual-Tasking und Achtsamkeit

In der Praxis setzen moderne Trainingsansätze auf die gleichzeitige Beanspruchung von Motorik und Kognition. Systematische Übersichten belegen, dass sogenanntes Dual-Task-Training bei älteren Personen die Balance sowie Mobilität verbessert und das Sturzrisiko verringert.

Die Fitness-Unternehmerin Anna Milani führte 2022 in Singapur bei JLL ein entsprechendes Pilotprojekt mit rund 30 Mitarbeitenden über acht Wochen durch.

Bei zwei wöchentlichen Einheiten von je 45 Minuten zeigten sich Steigerungen von 5 Prozent bei der Planung, 7 Prozent beim verbalen Denken, 7 Prozent bei der allgemeinen Gesundheitsbewertung und 11 Prozent bei der Selbstwirksamkeit; Verbesserungen wurden bei 9 von 12 kognitiven Werten gemessen. Da die Untersuchung ohne Kontrollgruppe stattfand, dienen die Werte zur Orientierung.

Auf Alltagstauglichkeit zielte auch der Bewegungskongress „Move it!“ der Sebastian-Kneipp-Akademie in Bad Wörishofen mit seinen 24 Workshops ab. Dr. Petra Mommert-Jauch empfahl dort einen Einstieg mit zehn Minuten Gehen täglich, idealerweise gesteigert auf viermal pro Woche 30 bis 60 Minuten im Unterhaltungstempo sowie zweimal 30 Minuten zügig bis zum Schwitzen.

Ergänzend wurden Methoden wie das Über-Kreuz-Gehen gegen Nackenverspannungen, Handtuch-Training von Heike Kirschnek, Neuroathletik-Übungen von Sabrina Fitsch sowie kognitive Aufgaben wie Gedächtnistraining vermittelt.

Lokale Angebote greifen diese Impulse ebenfalls auf: Der TV Friedrichstal 1899 e.V. in Stutensee setzt sein Projekt „Mortens Licht“ mit kostenfreien Terminen am 31. Oktober und 7. November 2026 fort. Unter der Leitung von Enrico Palumbo werden dabei Sitz- und Gehmeditation sowie Einheiten zur Stresswahrnehmung angeboten.

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