Bewegungsmangel bei Jugendlichen: WHO warnt vor 81 Prozent Inaktiven
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 22:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deKörperliche InaktivitĂ€t im Jugend- und jungen Erwachsenenalter entwickelt sich zunehmend zu einer ernsten Herausforderung fĂŒr das Gesundheitssystem. Mediziner und internationale Gesundheitsorganisationen warnen vor den weitreichenden Konsequenzen eines sedentĂ€ren Lebensstils: Neben einem deutlich gesteigerten Risiko fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Typ-2-Diabetes drohen jungen Menschen ein vorzeitiger Abbau von Knochensubstanz sowie ein frĂŒher Verlust an Muskelmasse.
Zunehmende Risiken fĂŒr Stoffwechsel und GefĂ€Ăe
Laut Angaben der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation und der Weltgesundheitsorganisation (OPAS/OMS) gilt Bewegungsmangel als wesentlicher Risikofaktor fĂŒr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Hypertonie, Adipositas und Diabetes. Das Sterberisiko liegt bei sedentĂ€ren Personen um 20 bis 30 Prozent höher als bei Menschen mit ausreichender körperlicher AktivitĂ€t.
Die Kardiologin Fernanda Douradinho weist darauf hin, dass fehlende Bewegung in der Kindheit und Jugend metabolische Störungen nach sich ziehen kann. Dazu zĂ€hlen neben einer frĂŒhzeitigen Gewichtszunahme und Blutdruckanstiegen auch ungĂŒnstige CholesterinverĂ€nderungen sowie eine Insulinresistenz, die letztlich in Typ-2-Diabetes mĂŒnden kann.
ErgĂ€nzend warnen Fachleute davor, dass auch Sarkopenie â der Verlust von Muskelmasse â zunehmend Jugendliche und junge Erwachsene betrifft. Eine geringe Muskelmasse kann die Insulinresistenz weiter verstĂ€rken und die Wahrscheinlichkeit fĂŒr spĂ€tere Stoffwechselstörungen im Erwachsenenalter signifikant erhöhen.
Knochengesundheit und frĂŒhe Osteoporose
Ein weiteres wachsendes Problem stellt die vorzeitige KnochenschwĂ€chung dar. WĂ€hrend Osteoporose traditionell als Erkrankung des höheren Lebensalters galt, werden entsprechende Diagnosen heute vereinzelt bereits bei jĂŒngeren Patienten gestellt. So erlitt etwa eine 35-jĂ€hrige BĂŒroangestellte nach einer leichten Kollision eine Handgelenksfraktur, woraufhin eine weit unter dem Normalwert liegende Knochendichte festgestellt wurde.
Experten erklĂ€ren, dass die menschliche Knochenmasse ihren Höchstwert um das 30. Lebensjahr erreicht. Bewegungsmangel, langes Sitzen, hoher Konsum von Koffein und ColagetrĂ€nken, extreme DiĂ€ten sowie ein ĂŒbertriebenes Sonnenschutzverhalten hemmen den optimalen Knochenaufbau.
Zur Vorbeugung empfehlen Fachleute fĂŒr Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren tĂ€glich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung sowie Krafttraining an mindestens drei Tagen pro Woche. FĂŒr Erwachsene im Alter von 18 bis 64 Jahren gelten 150 bis 300 Minuten moderate AusdaueraktivitĂ€t pro Woche plus Krafttraining an mindestens zwei Tagen als ZielgröĂe.
Ab einem Alter von 50 Jahren wird eine tĂ€gliche Aufnahme von 1000 mg Kalzium angeraten. Knochendichtemessungen werden zudem jĂ€hrlich fĂŒr Risikogruppen unter Frauen in der Perimenopause und MĂ€nnern zwischen 55 und 60 Jahren empfohlen.
Internationales AusmaĂ des Bewegungsmangels
Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation verfehlen weltweit ĂŒber 80 Prozent der Jugendlichen das empfohlene AktivitĂ€tsmaĂ von mindestens 60 Minuten tĂ€glich. Spezifisch fĂŒr die Altersgruppe der 11- bis 17-JĂ€hrigen liegt der globale Anteil der unzureichend Aktiven laut WHO bei 81 Prozent.
FĂŒr 5- bis 17-JĂ€hrige lautet die Leitlinie der Organisation: tĂ€glich mindestens 60 Minuten moderate bis intensive Bewegung sowie muskel- und knochenstĂ€rkende Ăbungen an mindestens drei Wochentagen.
Nationale Erhebungen verdeutlichen das weltweite Defizit:
* Deutschland: Die Motorik-Modul-LÀngsschnittstudie zeigt, dass rund 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen nicht auf eine volle Stunde tÀglicher AktivitÀt kommen.
Laut der Erhebung Move for Health 2.0 der Deutschen Sportjugend sank zudem die Vereinsmitgliedschaft Jugendlicher von 41 Prozent im Jahr 2023 auf 35,1 Prozent im Jahr 2024. Nach Angaben des Deutschen Schwimm-Verbands verlĂ€sst mehr als jedes zweite Kind die Grundschule ohne sichere Schwimmkenntnisse; jedes fĂŒnfte Kind kann gar nicht schwimmen.
* Vietnam: Im Rahmen des Forums der Kooperationsinitiative Sport fĂŒr die öffentliche Gesundheit Mitte Mai zĂ€hlte die WHO das Land zur Gruppe mit hohen InaktivitĂ€tsraten bei der Jugend.
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Dort verfehlen 91 Prozent der MÀdchen und 82 Prozent der Jungen die Bewegungsvorgaben. Als Ursachen gelten unter anderem Lern- und Arbeitsdruck, Digitalisierung, fehlende SportplÀtze und hohe Kosten.
* Spanien: Eine Studie der UniversitÀt Zaragoza unter mehr als 10.000 Jugendlichen zwischen 11 und 19 Jahren zeigte, dass inaktive Jugendliche eine schlechtere gesundheitsbezogene LebensqualitÀt aufweisen.
Zwar war Sport allgemein mit besserem Schlaf und weniger Symptomen von Angst und Depression assoziiert, doch wiesen MĂ€dchen tendenziell ungĂŒnstigere Werte auf â insbesondere in der spĂ€ten Adoleszenz. Bei international wettkampfaktiven MĂ€dchen zeigte sich zudem ein erhöhtes Risiko fĂŒr Essstörungen; Experten warnten in diesem Kontext vor Trainingssucht und Leistungsdruck.
Wachsende Belastungen junger Erwachsener
Der Mangel an AktivitĂ€t setzt sich in den ersten Berufsjahren oft ungebremst fort. Eine ASICS-Studie verdeutlichte, dass Menschen im Schnitt 86 Prozent ihrer Wachzeit in Bewegungslosigkeit verbringen. In der Altersgruppe der 18- bis 24-JĂ€hrigen schaffen 57 Prozent das empfohlene MaĂ nicht; 92 Prozent dieser Gruppe berichten ĂŒber negative Konsequenzen, wĂ€hrend 64 Prozent angaben, dass Bequemlichkeit einen Tag ohne Bewegung erleichtere.
Auf dem ASICS-State-of-Mind-Index erreichten gefÀhrdete Personen einen Wert von 60 von 100 Punkten, verglichen mit 71 von 100 Punkten bei aktiven Menschen. Bereits 15 Minuten moderate Bewegung pro Tag könnten laut dieser Erhebung messbare Verbesserungen der mentalen Verfassung bewirken.
Die körperlichen SpĂ€tfolgen statischen Sitzens zeigen sich teils frĂŒh: So entwickelte ein 19-jĂ€hriger Computerarbeiter aus Hanoi bei tĂ€glichen Bildschirmzeiten von 10 bis 12 Stunden und fehlendem Ausgleich ein Hals-Schulter-Arm-Syndrom sowie Myofaszialschmerzen, wie eine FachĂ€rztin diagnostizierte.
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Initiativen und prÀventive AnsÀtze
Angesichts dieser Entwicklungen ergreifen verschiedene Stellen MaĂnahmen. In Deutschland stellt der Bund eine Milliarde Euro zur Förderung der Sportinfrastruktur bereit; das Programm âDeutschland lernt Schwimmenâ ist fĂŒr den Zeitraum 2026 bis 2029 mit bis zu 20 Millionen Euro dotiert. Auf LĂ€nderebene fĂŒhrt Bayern ab dem Schuljahr 2027/2028 eine dritte Sportstunde in der ersten Jahrgangsstufe ein.
Wissenschaftler der Staatlichen UniversitĂ€t Pensa entwickelten unterdessen ein Computerprogramm zur RisikoabschĂ€tzung bei 11- bis 17-JĂ€hrigen. Das auf Basis einer Umfrage unter mehr als 1.600 SchĂŒlern erstellte System bewertet acht Faktoren, darunter eine GerĂ€tenutzung von ĂŒber sechs Stunden pro Tag, statisches Sitzen, Sportunterricht und elterliche Vorbilder.
Auf kommunaler Ebene veröffentlichte das Institut fĂŒr öffentliche Gesundheit âDr. Andrija Ć tamparâ in Zagreb zwei BroschĂŒren fĂŒr Jugendliche und PĂ€dagogen. Die im Rahmen eines stĂ€dtisch finanzierten PrĂ€ventionsprogramms herausgegebenen LeitfĂ€den behandeln neben ErnĂ€hrung und Alltagsbewegung auch Themen wie den Umgang mit Stress, Körperbild und die Risiken des Konsums von Tabak und E-Zigaretten.
