CED und Psyche: Risiko für psychische Störungen steigt auf Hazard Ratio 1,50
Veröffentlicht am: 18.10.2026 um 20:39 Uhr | Redaktion boerse-global.deAktuelle wissenschaftliche Berichte beleuchten die biologische Verknüpfung zwischen Entzündungssignalen des Immunsystems und der Entstehung von depressiven Verstimmungen sowie neurologischen Erkrankungen.
Eine zentrale Rolle spielen dabei Botenstoffe wie Zytokine, die über komplexe Signalwege neuronale Prozesse modulieren können. Fachleute betonen jedoch, dass diese Immunmechanismen nicht für alle Betroffenen gleichermaßen gelten, sondern vor allem bei einer spezifischen Untergruppe vorliegen.
Entzündungsmarker und neuronale Schaltkreise
Meta-Analysen belegen, dass Menschen mit einer Depression im Mittel höhere Werte für das C-reaktive Protein (CRP) sowie für Interleukin-6 (IL-6) aufweisen als Personen ohne depressive Erkrankung. Bei rund einem Viertel der Patienten lässt sich eine niedriggradige Entzündung im Blut nachweisen. Nach Angaben der Johns Hopkins University haben Personen mit einer Major Depression ein 1,64-fach erhöhtes Risiko für erhöhte CRP-Werte.
Bestimmte Zytokine wie IL-6, TNF-? und IL-1? sind in der Lage, neuronale Schaltkreise zu beeinflussen, die für Motivation, Belohnung, Schlaf und die Stressantwort zuständig sind. Professor Daniel M Davis verweist darauf, dass über 100 verschiedene Zytokintypen existieren, von denen manche unmittelbar auf das Gehirn einwirken.
Eine Untersuchung an fast 5.000 Kindern zeigte zudem, dass erhöhte IL-6-Werte im Alter von neun Jahren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für das Auftreten einer Depression bis zum 18. Lebensjahr einhergingen.
Weitere Arbeiten dokumentieren generelle Zusammenhänge zwischen immunbezogenen Erkrankungen und vorangegangenen Diagnosen wie Depressionen und Angststörungen. Bei Rheumapatienten führten Zytokin-blockierende Entzündungshemmer zu einer Aufhellung der Stimmung, was bildgebende Verfahren anhand veränderter Hirnaktivitäten bestätigten.
Historische Beobachtungen und Forschungsstand
Die Erkenntnis, dass Infektionen und Immunreaktionen das Gemüt beeinflussen können, reicht weit zurück. Bereits während der Grippepandemie von 1889 bis 1892 sowie nach dem Ausbruch im Jahr 1918 wurden Phänomene wie eine postgrippale Melancholie oder psychiatrische Folgeerkrankungen beschrieben, unter anderem 1919 durch Karl Menninger.
Im Jahr 1911 formulierte R.S. Smith die Makrophagen-Theorie der Depression, während Michael Maes erste systematische Messungen von Immunmarkern bei Patienten mit Major Depression vorlegte. Zudem zeigte sich in therapeutischen Kontexten, dass die Verabreichung von Interferon-alpha bei einem Teil der Behandelten depressive Symptome hervorrief.
Trotz dieser Belege warnen Berichte vor voreiligen Schlüssen. Entzündungen seien ein relevanter Mechanismus für eine Subgruppe, jedoch keine universelle Krankheitsursache. Davis hob hervor, es sei derzeit noch unklar, welche Patienten von gezielten Immuninterventionen profitieren könnten. Daher bestehe kein Anlass für eigenmächtige Selbstbehandlungen mit Antiphlogistika.
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Wechselwirkungen mit Lebensstil und chronischen Leiden
Die Beziehung zwischen Entzündungen und psychischer Verfassung ist nachweislich bidirektional angelegt. Yu Huiqing von der Chongqing-Universität merkt an, dass chronische niedriggradige Entzündungen langfristig die Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebs und Depressionen steigern.
Als Auslöser gelten unter anderem ein hoher Verzehr von Zucker, Fetten und raffinierten Kohlenhydraten, eine Dysbiose des Darms, Umweltbelastungen durch Feinstaub sowie chronische Infektionen wie Helicobacter pylori oder Hepatitis B. Anhaltende Müdigkeit, Gelenkbeschwerden oder Hautveränderungen gelten als mögliche Warnsignale.
Dass gezielte Verhaltensweisen Entzündungsmarker senken können, zeigen mehrere Studien. Eine Untersuchung aus Kopenhagen ergab, dass 150 Minuten moderate oder 75 Minuten intensive körperliche Bewegung pro Woche über ein Jahr hinweg chronische Entzündungswerte deutlich verringerten. Zudem verband die MOLI-SANI-Kohortenstudie mit 24.325 Erwachsenen die traditionelle Mittelmeerdiät mit geringeren Entzündungswerten.
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Einen weiteren Beleg für die systemische Koppelung liefert eine schwedische Kohortenstudie aus dem Zeitraum 2007 bis 2023 mit 43.862 Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED) und 178.821 Kontrollpersonen.
Das Risiko für psychische Störungen war bereits zwei Jahre vor der CED-Diagnose mit einer Hazard Ratio von 1,15 messbar erhöht. Ein halbes Jahr nach Diagnosestellung lag der Spitzenwert bei 1,50 und verblieb nach zehn Jahren bei 1,19. Diese Risikoerhöhung speiste sich primär aus Diagnosen von Major Depression, Angst- und Substanzstörungen.
