Biber - Landplage oder Motor ökologischer Vielfalt?
11.08.2023 - 07:53:30Mit seiner Stupsnase, den langen NagezĂ€hnen und den GreifhĂ€nden Ă€hnelnden VorderfĂŒĂen ist der Biber ein drolliges Tier. Doch auf den fleiĂigen Baumeister sind nicht alle gut zu sprechen. So gesellt sich mittlerweile zum ProblembĂ€ren und Problemwolf mitunter der Problembiber, der in Siedlungen vordringt und dort SchĂ€den anrichtet. Auch KlĂ€ranlagen, WasserrĂŒckhaltebecken und Fischteiche sind nicht immer sicher vor ihm.
Biber bauen DĂ€mme. Oft viele. Ihr Ziel ist eine ganzjĂ€hrig ausreichende Wassertiefe, um ungehindert schwimmen zu können, sowie ein stets von Wasser bedeckter Eingang zum Bau, der kunstfertig angelegten Biberburg. Doch mit ihrem Trieb, zahlreiche DĂ€mme zu errichten, können sie Ăberschwemmungen und unterhöhlte StraĂen verursachen. Hinzu kommen forstwirtschaftliche SchĂ€den: StrĂ€ucher und LaubbĂ€ume stehen auf dem Speiseplan der Vegetarier und dienen zum Damm- und Burg-Bau.
Bis zur ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts wurden die Biber in Europa nahezu ausgerottet, wegen ihres Felles und wohlschmeckenden Fleisches waren sie eine beliebte Jagdbeute. Zeitweise waren nur noch eine Kolonie von Elbebibern im Raum Sachsen-Anhalt und einige weitere zerstreute Vorkommen ĂŒbrig. Ab den 1970er Jahren breitete sich der EuropĂ€ische Biber (Castor fiber) unter anderem im Zuge von Wiederansiedlungs-Projekten wieder aus.
Kreative Gestalter
Oft werden die Tiere als «Baumeister fĂŒr die Artenvielfalt» bezeichnet. Sie helfen, stark vom Menschen verĂ€nderte, begradigte FlieĂgewĂ€sser wieder in naturnahe Bach- und Auenlandschaften mit einem Mosaik verschiedenster LebensrĂ€ume umzugestalten. Artenvielfalt und -zahl nimmt Studien zufolge an BibergewĂ€ssern deutlich zu. Zu den Profiteuren gehören unter anderem Amphibien, Jungfische sowie viele Insekten- und Pflanzenspezies.
Derzeit leben nach SchĂ€tzungen allein in Deutschland wieder etwa 40 000 der Tiere. Selbst mitten in Berlin fĂŒhlt das mit 1,30 Metern LĂ€nge gröĂte Nagetier Deutschlands sich wohl: Laut Naturschutzbund gibt es dort mehr als 50 Reviere, etwa im Schlosspark Charlottenburg und im Tiergarten.
«Der Biber ist inzwischen im Osten, SĂŒden und Westen Deutschlands zunehmend verbreitet, in mehreren BundeslĂ€ndern nehmen die Probleme mit dem Biber zu», sagt Steffen Pingen, der im Deutschen Bauernverband den Fachbereich Umwelt und lĂ€ndlicher Raum leitet. Er hĂ€lt ein Biber-Management fĂŒr nötig. Neben VergrĂ€mung mĂŒsse auch eine «Entnahme» - gemeint ist das Töten der Tiere - möglich sein. DafĂŒr geben Naturschutzbehörden unter bestimmten Bedingungen schon jetzt grĂŒnes Licht. Im Biberland Bayern zum Beispiel wurden allein im Jahr 2022 mehr als 2300 der Tiere gezielt getötet, bei einem Bestand von gut 20.000 Tieren.
Biberpopulationen regulieren sich selbst
«Ein Wegfangen und Verfrachten in andere Regionen ist nicht mehr möglich, keiner will mehr Biber haben», sagt Andreas Lindeiner, Beauftragter fĂŒr Naturschutz im Landesbund fĂŒr Vogel- und Naturschutz in Bayern (LBV). Sein Verband segne den Abschuss ab, wenn es keine Alternative zur Tötung gebe. Selbstregulation werde ihr Ăbriges tun, glaubt Lindeiner: Biber wĂŒrden mit zwei Jahren aus dem «Hotel Mama» geworfen und mĂŒssten sich nach einem eigenen Revier umschauen. Da es zumindest in Bayern keine geeigneten PlĂ€tze mehr gebe, komme es in den bestehenden Revieren immer hĂ€ufiger zu tödlich endenden KĂ€mpfen mit Rivalen.
Ob auch Baden-WĂŒrttemberg seine MaĂnahmen gegen Biber verschĂ€rft, soll im Zuge eines von Umwelt- und Agrarministerium angestoĂenen Modellprojektes nach bayrischem Vorbild geklĂ€rt werden. Ziel ist ein möglichst konfliktfreies Zusammenleben von Menschen und den rund 7500 Bibern im SĂŒdwesten. Bisher sind im Projektgebiet an der jungen Donau 30 ProblemfĂ€lle registriert worden. Meist geht es um Biber-Familien, die ihr Territorium ausbauen.
FĂŒr Projektleiter Konrad Frosdorfer wĂ€re ein Töten von Tieren nur der letztmögliche Schritt. Er betont: «Wir setzen auf AufklĂ€rung und PrĂ€vention.» Dazu gehören Biberberater, die vor Ort mit den Betroffenen nach Lösungen suchen. Hilfreich seien Matten, die Biber vom Graben abhalten, DrahthĂŒllen fĂŒr BĂ€ume zum Schutz vor FraĂschĂ€den, ZĂ€une und Drainage-Rohre. Zudem können betroffene Bauern ihre FlĂ€chen mit denen der Kommune tauschen oder an sie verkaufen. Frosdorfer sucht vor allem JĂ€ger, die sich ehrenamtlich um die Sorgen der Menschen kĂŒmmern, ohne dabei das Tierwohl aus den Augen zulassen.
Der EuropĂ€ische Biber ist durch die FFH-Richtlinie der EU streng geschĂŒtzt. Manche Landwirtschafts- und Jagd-Vertreter halten die Art aber fĂŒr nicht mehr gefĂ€hrdet und setzen sich fĂŒr eine Neueinstufung und eine Aufnahme ins Jagdrecht ein, was AbschĂŒsse deutlich erleichtern wĂŒrde.
Forstwirt Frosdorfer sieht solche Vorhaben kritisch: «Wir können ja nicht sagen, kommt wieder her, und wenn die Tiere dann bei uns auftauchen, sagen, jetzt sind es doch zu viele.» FĂŒr Flora und Fauna sei der Biber ein Segen, betont er. Durch die VergröĂerung der WasserflĂ€che und die Verringerung der FlieĂgeschwindigkeit schafften Biber Lebensraum fĂŒr viele andere gewĂ€ssergebundene Arten. «Biber sind ein Motor biologischer Vielfalt.»


