Warum scheitern unsere guten VorsÀtze so oft?
28.01.2025 - 04:00:36«Mehr Sport treiben» - das ist ein Klassiker unter den guten VorsĂ€tzen fĂŒrs neue Jahr. Fitnessstudios spĂŒren das deutlich. Der Jahresanfang sei extrem wichtig fĂŒr die Branche, sagt Alexander Wulf, Sprecher des Arbeitgeberverbands deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV): «Wir gehen davon aus, dass viele Studios in den ersten sechs Wochen etwa ein Drittel ihrer Neumitglieder gewinnen». Doch eine dauerhafte Bindung gelingt oft nicht.Â
Aus motivierten Sportlern werden KarteileichenÂ
Schon nach wenigen Monaten wird aus so manch höchst motiviertem Hobbysportler eine Karteileiche. Die Fitnessstudios leeren sich wieder. Bikinifigur und Sixpack - sie bleiben oft weiterhin nur ein Traum. «Das Trainingsverhalten bleibt meist bis MĂ€rz, April oder bis in den Mai relativ konstant. Bei besserem Wetter ist oft ein TrainingsrĂŒckgang in den Studios zu verzeichnen», so Wulff. Im Herbst nehme die TrainingshĂ€ufigkeit wieder zu. Das sei aber ganz individuell und regional unterschiedlich.Â
Eine reprĂ€sentative Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag des Online-Portals Kleinanzeigen zu guten VorsĂ€tzen zeigt: FĂŒr den GroĂteil der Befragten, die sich im alten Jahr etwas vorgenommen haben, ist bereits im Januar wieder Schluss damit. In der Summe scheitern demnach mehr als die HĂ€lfte aller Vorhaben schon im Januar (60 Prozent).Â
2023 hatten die Fitness- und Gesundheits-Anlagen in Deutschland rund 11,3 Millionen Mitglieder. Eine dauerhafte Bindung scheint aber schwierig zu sein: Die Fluktuation ist laut einer Erhebung des Verbands spĂŒrbar: Im Jahr 2023 kĂŒndigten rund 25 Prozent der Mitglieder ihren Vertrag. Laut den Autoren flossen Daten von rund 2.800 der etwa 9.100 kommerziellen Fitnessstudios in Deutschland in die Erhebung ein. Zahlen fĂŒr 2024 werden im MĂ€rz erwartet.Â
Ehrgeizige Ziele oft schon nach wenigen Wochen passĂ©Â
Doch woran liegt es, dass der anfĂ€ngliche Ehrgeiz oft schon nach wenigen Wochen oder Monaten im Sande verlĂ€uft? «Oft kommen die VorsĂ€tze nicht wirklich von Innen heraus, sondern werden eher von auĂen vorgegeben. Vielleicht hat der Arzt gesagt, man mĂŒsse sich mehr bewegen, oder auch die Partnerin», sagt der Sportpsychologe Jens Kleinert von der Deutschen Sporthochschule Köln. Wenn es nicht der eigene innerste Wunsch sei, mehr Sport zu machen, mache man es oft einfach nicht und schiebe es nur vor sich her.Â
Selbst wenn man hinter dem Vorsatz stehe und die Notwendigkeit einsehe, diesen auch umzusetzen, sei ein weiterer Faktor wichtig: SpaĂ. «Dinge, die keine Freude machen, die setze ich hĂ€ufig auch nicht um. Es klingt banal, aber wenn etwas keinen SpaĂ macht, dann ist es schwer, da braucht man viel Disziplin und Willenskraft», so Kleinert. Dieser Wille mĂŒsse erst aktiviert werden. Das sei mit verschiedenen Techniken möglich, zum Beispiel durch SelbstgesprĂ€che oder durch positive Gedanken hinsichtlich der Auswirkungen.Â
Wenn ich mir Dinge vornehme, die eigentlich keinen SpaĂ machen, dann muss ich sie noch disziplinierter planen und in meinen Alltag integrieren oder auch andere Menschen einbinden und es gemeinsam machen. «VorsĂ€tze scheitern auch oft, weil man damit allein ist», ergĂ€nzt der Experte.Â
Psychologin: FĂŒnf Kilo abnehmen - ein zu unkonkretes ZielÂ
Auch die Psychologin Sonia Lippke von der Hochschule fĂŒr Angewandte Wissenschaften Hamburg beschĂ€ftigt sich mit der Frage, warum Menschen an ihren VorsĂ€tzen scheitern. «Das ist ein ganz ĂŒbliches Problem. Oft nehmen sich Menschen Ziele vor, haben aber zu wenige und unkonkrete Vorstellungen davon, wie sie diese umsetzen können.» Ein Ziel sollte laut Lippke möglichst sehr genau formuliert sein: «FĂŒnf Kilo abnehmen zu wollen, das ist zu unkonkret. Viel besser ist es, sich vorzunehmen, dreimal pro Woche 30 Minuten lang so intensiv Sport zu treiben, dass man ins Schwitzen kommt.» Lippke empfiehlt auch, diese Termine fest einzuplanen und sich auch zu ĂŒberlegen, was passiert, wenn etwas dazwischenkommt.Â
Aus Sicht des DSSV-Sprechers Alexander Wulff hĂ€ngt die Messlatte bei den Erwartungen oft viel zu hoch: «Viele erwarten oft zu schnell zu viel - und wenn der erwartete Erfolg ausbleibt, ist das der hĂ€ufigste Grund, warum bei vielen die Motivation nachlĂ€sst. Ein kompletter Wandel ist nicht in vier Wochen, möglich, man muss ĂŒber Monate, Jahre oder einfach dauerhaft trainieren.»Â
In der YouGov-Umfrage war ein Mangel an Disziplin und Motivation der Hauptgrund fĂŒr das Scheitern von NeujahrsvorsĂ€tzen. Ein Drittel der Befragten gab an, dass es bei ihnen daran hapern wĂŒrde. Knapp ein Viertel (24 Prozent) sieht sinkendes Interesse oder andere PrioritĂ€ten als Hindernis. 21 Prozent gaben fehlende Zeit und 15 Prozent zu ambitionierte Ziele als möglichen Grund an.
«Man muss sein eigener Freund sein»
Wenn das Training mal in einer Woche nicht klappe, solle man sich nicht selbst fertig machen, betont Kleinert auch. «Diese Selbstbeschuldigung, also dass Menschen sich selbst abwerten, kommt wirklich oft vor. Man muss mit den eigenen Fehlern, den eigenen Misserfolgen behutsam umgehen, wie es ein Freund auch tun wĂŒrde. Man muss sein eigener Freund sein.»Â
Trotz der Schwierigkeiten, die viele Menschen mit den guten VorsĂ€tzen haben, hĂ€lt Jens Kleinert sie fĂŒr sinnvoll und ĂŒberaus menschlich. «Es ist eine schöne Sache, wenn man etwas Ă€ndern will und neue Ziele fasst. Der Versuch, Ziele zu erreichen, ist das, was Menschen auch sehr zufrieden macht. Das AnnĂ€hern an Ziele macht glĂŒcklicher als das eigentliche Erreichen von Zielen», so der Experte.Â
Der Jahresanfang sei ein klassischer Zeitpunkt, ĂŒber sein Leben nachzudenken und sich neue VorsĂ€tze zu stecken. «Man sollte aber möglichst hĂ€ufiger ĂŒber das eigene Leben reflektieren als nur einmal im Jahr, zum Beispiel zu Festen wie Ostern oder Geburtstag», sagt Kleinert. Wichtig sei dabei, dass man dies mit einer gewissen Gelassenheit und ohne Zwanghaftigkeit tue.





