Drei Humanstudien: Fermentierte Milch zeigt nur begrenzte Effekte auf Muskeln
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 00:23 Uhr | Redaktion boerse-global.deFermentierte proteinreiche Nahrungsmittel wie Joghurt, Kefir, Käse oder Tempeh stehen zunehmend im Fokus der biomedizinischen Forschung. Eine Übersichtsarbeit in der Fachzeitschrift Communications Biology geht der Frage nach, ob solche Produkte die Muskelgesundheit über die sogenannte Darm-Muskel-Achse positiv beeinflussen können.
Die Autoren betonen, dass es sich um ein noch junges Forschungsfeld handele: Zwar gebe es interessante biologische Mechanismen und erste günstige Hinweise beim Menschen, ausreichende Belege für eine direkte Steigerung von Muskelmasse oder Muskelkraft durch fermentierte Lebensmittel fehlen bislang jedoch.
Komplexe Mechanismen der Darm-Muskel-Achse
Die Darm-Muskel-Achse umfasst metabolische, immunologische, hormonelle sowie neuronale Signalwege. Ein zentrales Bindeglied stellen kurzkettige Fettsäuren wie Butyrat, Propionat und Acetat dar. Diese mikrobiellen Stoffwechselprodukte regulieren unter anderem Entzündungsprozesse, den Blutzuckerspiegel und den Energieverbrauch; zudem stimulieren sie die mitochondriale Biogenese im Muskelgewebe.
Zwar verbessert die Fermentation generell die Verdaulichkeit von Proteinen, doch ist nicht jedes fermentierte Produkt automatisch probiotisch wirksam. Eine 2024 veröffentlichte Metaanalyse mit mehr als 4.000 Teilnehmenden verdeutlicht den Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Muskelschwund: Menschen mit altersbedingter Sarkopenie weisen eine geringere mikrobielle Vielfalt im Darm auf.
Bei ihnen finden sich weniger Bakterien der Gattungen Faecalibacterium und Prevotella, die kurzkettige Fettsäuren produzieren, dafür aber vermehrt entzündungsassoziierte Bacteroides-Bakterien.
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Bereits eine Studie aus dem Jahr 2019 in Nature Medicine hatte gezeigt, dass bei Marathonläufern vermehrt das Bakterium Veillonella atypica vorkommt, welches Laktat in Propionat umwandelt.
Eine Untersuchung der Universität Granada aus dem Jahr 2026 brachte zudem das Vorkommen von Roseburia inulinivorans mit einer höheren Beinkraft und Bankdrückleistung bei jungen Menschen in Verbindung; bei älteren Personen mit diesem Bakterium wurde eine um 29 Prozent höhere Griffkraft festgestellt.
Gemischte Befunde aus bisherigen Humanstudien
Während experimentelle Labor- und Tiermodelle vielversprechende Resultate liefern, bleibt die Datenlage am Menschen begrenzt. Eine am 25. September 2026 vom Teagasc Food Research Centre und APC Microbiome Ireland publizierte Übersichtsarbeit analysierte drei kontrollierte Humanstudien mit bescheidenen Effekten:
- In einer Untersuchung mit 48 koreanischen Probanden mittleren Alters verbesserte sich nach acht Wochen kombiniertem Training und zweimal täglicher Zufuhr von fermentiertem Molkenprotein das Gleichgewicht deutlicher als in der Kontrollgruppe. Messbare Vorteile bei der Hand- oder Rückenkraft blieben jedoch aus.
- Eine weitere Studie an 53 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 55 Jahren untersuchte ein proteinhaltiges Getränk aus Kefir-Bakterien-Nebenprodukten über zwölf Wochen. Die verbesserte Griffkraft fiel im Vergleich zu Placebo jedoch zu gering aus, um Zufallseffekte auszuschließen.
- Eine Untersuchung an 18 jungen Männern mit einem Durchschnittsalter von 21 Jahren zeigte, dass fermentierte Milch Muskelkater nach intensivem Training lindern konnte, wobei sich der Vergleich mit normaler Milch nur auf eine einzelne Trainingseinheit bezog.
Der Großteil der Daten stützt sich bisher auf Milchprodukte; pflanzliche Alternativen wie Tempeh sind kaum erforscht. Laut den Autoren seien größere Studien notwendig, um den isolierten Effekt des Fermentationsprozesses von der reinen Proteinzufuhr abzugrenzen.
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Ernährungsempfehlungen für den Muskelerhalt
Laut einer Erhebung im British Journal of Nutrition unter 12.646 Erwachsenen in 53 europäischen Ländern verzeichnen fermentierte Milchprodukte eine hohe Prävalenz von 94,1 bis 95,6 Prozent bei einem täglichen Verzehr von 66,7 bis 80,1 Gramm.
Eine randomisierte Untersuchung über zehn Wochen mit 36 gesunden Erwachsenen belegte zudem, dass eine an fermentierten Produkten reiche Kost die mikrobielle Vielfalt erhöhte und Entzündungsproteine senkte – eine Hypertrophiewirkung war hierbei nicht das Ziel.
Fachleute weisen darauf hin, dass die Zusammenhänge multifaktoriell sind und sich nicht auf einzelne Bakterienstämme reduzieren lassen. Für den Erhalt der Muskulatur bei Sarkopenie empfehlen nationale und internationale Leitlinien eine Zufuhr von 1,0 bis 1,2 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht täglich – für eine 60 Kilogramm schwere Person entspricht dies 60 bis 72 Gramm.
Regelmäßiges Krafttraining mit zwei bis drei Einheiten pro Woche und eine über den Tag verteilte Eiweißaufnahme bleiben das entscheidende Fundament. Fermentierte Lebensmittel können eine abwechslungsreiche Ernährung ergänzen, bieten jedoch keine Abkürzung für gezielten Muskelaufbau.
