Kettenverschreibungen bei Senioren: 250.000 Klinikaufenthalte pro Jahr
Veröffentlicht am: 26.10.2026 um 00:02 Uhr | Redaktion boerse-global.deUnkontrollierte Medikamentenkombinationen und sogenannte Kettenverschreibungen stellen eine wachsende Gefahr für ältere Patienten dar. Fachleute und internationale Studien weisen darauf hin, dass fehlerhafte Medikationsfolgen das Risiko für Krankenhausaufenthalte bei Senioren signifikant erhöhen.
Bei einer solchen Kaskade werden unerwünschte Nebenwirkungen bereits eingenommener Präparate als Symptome einer neuen Erkrankung missverstanden, woraufhin zusätzliche Arzneien verordnet werden.
Mechanismen und Häufigkeit problematischer Kaskaden
Eine im Fachjournal BMJ veröffentlichte Untersuchung unter Leitung von Prof. Paula Rochon analysierte Abrechnungsdaten von knapp 2,3 Millionen Kanadiern im Alter ab 66 Jahren aus der Provinz Ontario. Das Forschungsteam identifizierte 24 häufige Arzneimittelkombinationen, bei denen eine Nebenwirkung mutmaßlich fehlgedeutet und durch ein Folgepräparat behandelt wurde.
Die häufigste beobachtete Sequenz betraf Eisenpräparate: Bei 11,9 Prozent der Personen, die neu mit der Einnahme begannen, wurde innerhalb eines Jahres ein Abführmittel verschrieben. Zudem erhielten 10,9 Prozent der Patienten nach Beginn einer Statin-Therapie Schmerzmittel gegen aufgetretene Muskelschmerzen. Weitere dokumentierte Kaskaden umfassen:
- Diuretika infolge von Kalziumkanalblockern,
- Antimykotika nach der Einnahme von SGLT2-Hemmern,
- Alzheimer-Medikamente in Kombination mit Schlafmitteln,
- Kortikosteroide zusammen mit Antipsychotika,
- Abführmittel gepaart mit Antidiarrhoika sowie
- Cholinesterasehemmer kombiniert mit Antiemetika.
Zusätzlich beschreibt die Untersuchung Fälle, in denen Schwindelgefühle durch Blutdruckmittel zur Verordnung von Medikamenten gegen Gleichgewichtsstörungen führten. Laut weiteren Fachberichten führt auch ein durch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) ausgelöster Blutdruckanstieg häufig zur zusätzlichen Verordnung von Blutdrucksenkern, was die Komplexität der Therapien weiter steigert.
Rochon betonte, dass derartige Abfolgen oft unerkannt bleiben, und empfahl standardisierte Medikationsprüfungen, automatisierte Warnsysteme sowie eine stärkere Einbindung von Apothekern.
Internationale Dimensionen und finanzielle Belastung
Die Problematik zeigt sich weltweit. Das südkoreanische Gesundheitsministerium beobachtete ebenfalls eine Häufung von Kettenverschreibungen. Berichtet wird unter anderem von einer 80-jährigen Patientin, die ein Eisenpräparat aufgrund von Verstopfung eigenmächtig absetzte und stattdessen Magen- und Schmerzmittel einnahm, während die zugrundeliegende Anämie unbehandelt blieb.
Ein 70-Jähriger mit zehn verschiedenen Präparaten aus drei Fachrichtungen erhielt infolge paralleler Behandlungen in zwei Kliniken versehentlich die doppelte Dosis identischer Wirkstoffe.
In Australien untersuchten Forscher der Adelaide University im International Journal of Clinical Pharmacy Abrechnungsdaten des Pharmaceutical Benefits Scheme. Basierend auf einer zehnprozentigen Stichprobe von über 323.500 älteren Bürgern errechneten sie, dass rund 2,4 Millionen ältere Australier Mehrfachmedikationen mit überlappenden Nebenwirkungen erhalten. Darunter fielen:
- rund 2,3 Millionen Kombinationen mit erhöhtem Risiko für Stürze und Knochenbrüche,
- 1,7 Millionen Kombinationen mit Verstopfungsrisiko sowie
- über 1,2 Millionen Regime mit Risiken für Nierenkomplikationen.
Demnach resultieren daraus jährlich schätzungsweise 250.000 medikamentenbedingte Krankenhauseinweisungen, die Kosten in Höhe von etwa 1,4 Milliarden australischen Dollar verursachen. Zwei Drittel dieser Fälle gelten als vermeidbar.
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Ergänzend warnte der Pharmakologe Joan-Ramon Laporte davor, dass bei Menschen über 65 Jahren mehr als 80 Prozent mindestens ein nicht benötigtes Medikament einnähmen. Jedes Arzneimittel berge Risiken, weshalb Nutzen und Risiken jeder Behandlung kontinuierlich abgewogen werden müssten.
Besondere Gefährdungslagen und Handlungsansätze
Polypharmazie bezeichnet im Regelfall die gleichzeitige Einnahme von fünf oder mehr Medikamenten. Besondere Gefahren birgt der Bereich der Psychopharmaka, da diese in Neurotransmittersysteme wie Serotonin, Dopamin, Adrenalin und Acetylcholin eingreifen. Unkontrollierte Kombinationen können Schwindel, Übelkeit, Schwitzen, Fieber oder Krampferscheinungen auslösen.
Bei bis zu 50 Prozent der Patienten mit Lewy-Körperchen-Demenz können Antipsychotika laut der Lewy Body Dementia Association schwere Benommenheit und irreversible Parkinson-Symptome hervorrufen; Quetiapin und Clozapin erfordern hier niedrige Dosierungen und engmaschige Begleitung.
Zudem können NSAR, Betablocker und ACE-Hemmer bei Senioren mit allergischer Rhinitis medikamenteninduzierte Beschwerden verstärken, während Antihistaminika der ersten Generation wegen ihrer sedierenden Wirkung das Sturzrisiko erhöhen.
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Eine Blutdrucksenker-Verabreichung am Abend kann dieses Sturzrisiko laut Auswertungen der TIME-Studie aus dem Jahr 2022 ebenfalls steigern, ohne dass sich hinsichtlich kardiovaskulärer Ereignisse ein signifikanter Vorteil gegenüber der Morgeneinnahme zeigte.
Um Risiken zu minimieren, empfehlen Fachleute strukturierte Medikationsprüfungen unter Einbezug rezeptfreier Mittel und Nahrungsergänzungsprodukte, ein ärztlich überwachtes Absetzen nicht mehr indizierter Präparate sowie die Nutzung von Wochendispensern.
Einnahmen sollten an feste Routinen gekoppelt und Änderungen keinesfalls eigenmächtig vorgenommen werden. Zudem sollten Patienten Medikamente nicht in feuchten oder warmen Räumen wie Bad oder Küche lagern und Tabletten mit Schutzüberzug oder Retardwirkung nicht eigenständig teilen.
