Kollagen für Gelenke: Studien belegen keinen Wiederaufbau von Knorpel
Veröffentlicht am: 21.10.2026 um 16:18 Uhr | Redaktion boerse-global.deKollagenpräparate erfreuen sich auf dem Markt für Nahrungsergänzungsmittel großer Beliebtheit. Sie werden häufig zur Unterstützung der Gelenkgesundheit und bei Verschleißerscheinungen beworben.
Wissenschaftliche Bewertungen zeichnen jedoch ein differenziertes Bild: Fachleute wie Antonio Zoido, Ernährungswissenschaftler, Pharmazeut und Professor an der Universidad Europea de Andalucía, betonen, dass entsprechende Supplemente bei manchen Personen zwar Gelenkbeschwerden lindern können, eine Regeneration von zerstörtem Knorpelgewebe dadurch jedoch nicht erfolgt.
Biologische Mechanismen und die Einschätzung von Behörden
Die Annahme, eingenommenes Kollagen wandere direkt in die Gelenke, widerspricht der menschlichen Verdauungsphysiologie. Oral zugeführtes Kollagen wird im Magen-Darm-Trakt in einzelne Aminosäuren wie Glycin, Prolin und Lysin zerlegt und nicht als intaktes Kollagen absorbiert.
Bislang fehlen Nachweise dafür, dass eine erhöhte Zufuhr dieser Aminosäuren die körpereigene Kollagensynthese gezielt steigert. Für die natürliche Kollagenbildung benötigt der Körper vor allem Vitamin C, zudem spielen Zink, Kupfer, Eisen und eine ausreichende Zufuhr von allgemeinem Protein eine Rolle.
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stellte bereits 2011 fest, dass keine Kausalbeziehung zwischen der Aufnahme von hydrolysiertem Kollagen und dem Erhalt der Gelenke nachgewiesen werden kann; spätere Bewertungen bestätigten das Fehlen von Belegen auch für die Haut.
Bei gesunden Personen erwies sich die Wirkung in hochwertigen Untersuchungen als äquivalent zu einem Placebo, sowohl im Hinblick auf den Gelenkschutz als auch auf Arthrose-Symptome.
Nahrungsergänzungsmittel gelten bei einer ausgewogenen Ernährung als weitgehend unnötig, auch wenn die Vermarktung oft weitreichende Versprechungen transportiert. Im spanischen Markt erzielte der Sektor im Jahr 2020 erstmals mehr als 1.000 Millionen Euro Umsatz.
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Widersprüchliche Daten und methodische Grenzen
Untersuchungen an Personen, die bereits unter Arthrose leiden, zeigen vereinzelt Effekte, doch auch hier ist die Beweislage begrenzt. Zoido verweist darauf, dass bei Arthrose zwar eine kleine Reduktion von Schmerz und Gelenksteifheit beobachtet werden kann, diese Effekte jedoch nicht bei allen Patienten auftreten. Die Mehrheit der Studien umfasste Laufzeiten von höchstens sechs Monaten und wies zudem häufig eine Finanzierung durch Hersteller auf.
Ähnliche Muster zeigen sich in Übersichtsarbeiten: Eine Metaanalyse in der Fachzeitschrift International Orthopaedics aus dem Jahr 2019, die randomisierte Placebo-Studien zu oralem Kollagen bei Osteoarthritis zusammenfasste, ermittelte zwar eine stärkere Senkung des Gesamtsymptom-Scores, der visuellen Schmerzskala und der Steifheit gegenüber Placebo.
Bei den separaten Subskalen für Schmerz und Funktion gab es jedoch keinen klaren Unterschied. Die untersuchten Arbeiten variierten stark bezüglich Darreichungsformen, Dosierungen und Dauer. Für beschwerdefreie Personen fällt die Evidenz noch deutlich dünner aus.
Da die Studienlage zu Nahrungsergänzungsmitteln oft uneinheitlich bleibt, setzen viele Betroffene auf gezielte Handgriffe zur akuten Entlastung. Ein bebilderter Ratgeber erklärt Schritt für Schritt, welche SOS-Punkte bei Schüben in Knie, Hüfte oder Fingern besonders wirksam sein sollen. Kostenlosen PDF-Ratgeber zu SOS-Anti-Schmerz-Punkten anfordern
Wie fragil manche Daten sind, illustriert eine Metaanalyse aus dem Jahr 2025 über 23 Studien mit rund 1.500 Teilnehmenden: Bei einer isolierten Betrachtung methodisch hochwertigerer oder nicht-industriefinanzierter Studien verschwanden etwaige Vorteile für das Hautbild vollständig.
Auch der populäre Konsum von Knochenbrühe entbehrt einer soliden Grundlage. Zu deren Einfluss auf Haut, Knochendichte oder Gelenkschmerz existieren keine qualitativ hochwertigen kontrollierten Humanstudien. Der Aminosäuregehalt schwankt je nach Zubereitung stark und bleibt meist unter den in Interventionsstudien verabreichten Dosen; zudem liefert eine Portion weniger als fünf Prozent des Tagesbedarfs an Calcium und Magnesium.
Medizinische Injektionen sind nicht übertragbar
Scharf abzugrenzen sind orale Supplemente von lokalen medizinischen Eingriffen. Intra- oder periartikulär injiziertes Kollagen stellt eine spezifische Anwendung dar, deren Daten nicht auf Nahrungsergänzungsmittel übertragbar sind.
Aber auch in diesem Bereich bleiben die Belege für einen strukturellen Knorpelaufbau aus: In der JOINT-Studie aus dem Jahr 2016 wurde das porcine Kollagenpräparat MD-Knee mit Natriumhyaluronat bei Gonarthrose verglichen. Schmerz und Gelenkfunktion verbesserten sich in beiden Gruppen ohne signifikante Unterschiede.
Die Studie wies eine kleine Teilnehmerzahl auf, arbeitete mit einem aktiven Vergleich statt Placebo und war herstellerfinanziert. Ein Nachweis für die Neubildung von Gelenkknorpel konnte auch hier nicht erbracht werden, weshalb therapeutische Übungen bei Arthrose unverändert den zentralen Pfeiler der Behandlung darstellen.
