Melatonin: Dauereinnahme erhöht Herzrisiko um 90 Prozent
26.05.2026 - 22:30:26 | boerse-global.deDoch Wissenschaftler und VerbraucherschĂŒtzer schlagen Alarm: Unkontrollierte Supplementierung und verunreinigte Lebensmittel bergen ernste Gesundheitsrisiken.
35 Kapseln tÀglich: Der Fall Kim Kardashian
Mitte Mai 2025 wurden Details zur tĂ€glichen Routine von Kim Kardashian bekannt. Die 45-jĂ€hrige US-Unternehmerin nimmt tĂ€glich 35 verschiedene NahrungsergĂ€nzungsmittel ein â verteilt auf drei Portionen. Trotz ihrer Abneigung gegen die hohe Anzahl an Kapseln setzte sie die Einnahme fort, nachdem sich ihre Blutwerte verschlechtert hatten. Zudem strebt sie regelmĂ€Ăige intravenöse Infusionen an.
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Fachleute bewerten solche Praktiken kritisch. âEs gibt kein medizinisches Szenario, in dem eine derart hohe Anzahl an PrĂ€paraten sinnvoll ist", sagt Dr. Georg Aichinger, Toxikologe an der ETH ZĂŒrich. Die Risiken liegen in unvorhersehbaren Wechselwirkungen und potenziellen Vergiftungserscheinungen. Besonders bioaktive Substanzen wie Ashwagandha oder hochdosierte GrĂŒntee-Extrakte stehen im Verdacht, bei Ăberdosierung LeberschĂ€den zu verursachen. Statistische Erhebungen aus den USA zeigen: Etwa 20 Prozent der medikamentenbedingten LeberschĂ€den gehen auf NahrungsergĂ€nzungsmittel zurĂŒck.
Das Bundesinstitut fĂŒr Risikobewertung (BfR) betont: FĂŒr gesunde Menschen mit ausgewogener ErnĂ€hrung ist eine zusĂ€tzliche Vitamin- und Mineralstoffzufuhr in der Regel unnötig. Dennoch florieren sogenannte âTropf-Spas", in denen intravenöse Vitamingaben ohne nachgewiesenen Nutzen verabreicht werden. Behörden in Deutschland, den USA und Australien warnten im Mai verstĂ€rkt vor diesen Behandlungen.
Melatonin: Langzeiteinnahme erhöht Herzrisiko um 90 Prozent
Neben der bewussten Ăberdosierung rĂŒcken auch die langfristigen Effekte moderater, aber dauerhafter Einnahmen in den Fokus. Eine Analyse der American Heart Association (AHA) mit Daten von ĂŒber 65.000 Patienten mit Insomnie liefert besorgniserregende Ergebnisse: Bei einer Anwendungsdauer von mehr als einem Jahr stieg das Risiko fĂŒr Herzinsuffizienz um etwa 90 Prozent im Vergleich zur Kontrollgruppe. Die Kurzzeiteinnahme, etwa gegen Jetlag, gilt weiterhin als sicher. Forscher mahnen jedoch bei Daueranwendung zur Vorsicht.
Parallel dazu liefert die französische NutriNet-SantĂ©-Studie neue Erkenntnisse ĂŒber Lebensmittelzusatzstoffe. Die seit 2009 laufende Studie mit rund 112.000 Teilnehmern zeigt einen Zusammenhang zwischen Konservierungsstoffen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nicht-antioxidative Stoffe wie Kaliumsorbat oder Natriumnitrit erhöhen das Risiko fĂŒr Bluthochdruck um 29 Prozent, fĂŒr Herzinfarkte oder SchlaganfĂ€lle um 16 Prozent.
Ăberraschend: Auch antioxidative Stoffe wie Vitamin C und ZitronensĂ€ure, die oft als unbedenklich gelten, erhöhen bei hoher Aufnahme das Bluthochdruckrisiko um 22 Prozent.
Pestizide im Supermarkt: Jedes zweite Produkt belastet
Ein Test der Organisation Foodwatch, veröffentlicht Ende Mai, untersuchte 64 Produkte aus Deutschland, den Niederlanden, Frankreich und Ăsterreich. In 67 Prozent der Proben fanden sich Pestizide, die in der EU keine Zulassung besitzen. Betroffen waren Eigenmarken von Lidl, Aldi, Edeka und Rewe sowie Produkte bekannter Tee- und GewĂŒrzhersteller.
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Ein besonders belasteter Chili-Mix eines groĂen EinzelhĂ€ndlers enthielt 22 verschiedene PestizidrĂŒckstĂ€nde. Das BfR sieht zwar keine akute Gesundheitsgefahr, betont aber: Diese Produkte sind rechtlich nicht verkehrsfĂ€hig. Die Diskrepanz zwischen Vorschriften und RealitĂ€t verunsichert Verbraucher.
Gleichzeitig boomt der Markt fĂŒr sogenannte Longevity-Peptide wie CJC-1295 oder BPC-157. In sozialen Medien als Anti-Aging-Mittel beworben, bewegen sie sich in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone. Sie werden hĂ€ufig als âResearch Chemicals" vertrieben, um Arzneimittelgesetze zu umgehen. Wissenschaftler warnen: Langzeitdaten zur Sicherheit dieser Peptide beim Menschen fehlen.
Lebensstil schlĂ€gt Genetik: Bewegung als SchlĂŒsselfaktor
Die aktuelle Datenlage zeigt eine wachsende Kluft zwischen dem Wunsch nach Optimierung durch PrĂ€parate und den tatsĂ€chlichen physiologischen Notwendigkeiten. Auf dem 60. Deutschen Diabetes-Kongress im Mai in Berlin stand die Bedeutung des Lebensstils im Fokus. Eine Langzeitstudie mit 332.000 Teilnehmern ĂŒber 14 Jahre belegte: Ein ungesunder Lebensstil erhöht das Diabetesrisiko um das Siebenfache, genetische Faktoren nur um das 2,6-Fache.
Ăber 55 Prozent der DiabetesfĂ€lle wĂ€ren durch VerhaltensĂ€nderungen vermeidbar. Besonders körperliche AktivitĂ€t wurde als SchlĂŒsselfaktor identifiziert: Zehn Stunden Bewegung pro Woche senken das Herzrisiko um mehr als 30 Prozent. Diese Erkenntnisse stehen im Kontrast zum Trend der âPillenmĂŒdigkeit", den selbst BefĂŒrworter exzessiver Supplementierung wie Kim Kardashian einrĂ€umen.
Ein Faktencheck zu populĂ€ren Internet-GerĂŒchten, etwa zur vermeintlichen Krebserregung durch Azofarbstoffe in Aperitif-GetrĂ€nken, relativierte zudem die öffentliche Wahrnehmung. Laut der EuropĂ€ischen Behörde fĂŒr Lebensmittelsicherheit sind zugelassene Mengen dieser Farbstoffe unbedenklich. Die Gefahr liegt weniger in einzelnen Inhaltsstoffen als in der unkontrollierten Akkumulation verschiedenster Substanzen.
Ausblick: Strengere Kontrollen erwartet
Angesichts der zunehmenden Berichte ĂŒber Risiken von NahrungsergĂ€nzungsmitteln und Lebensmittelbelastungen ist mit einer VerschĂ€rfung der Kontrollen zu rechnen. Die Forderung nach einer verbindlichen Registrierungspflicht fĂŒr Supplemente und strengeren Grenzwerten fĂŒr Zusatzstoffe gewinnt politisch an Gewicht.
In der zweiten JahreshĂ€lfte 2026 werden europĂ€ische Behörden voraussichtlich die Kennzeichnungspflichten fĂŒr potenziell leberschĂ€digende Extrakte prĂŒfen. Auch die Ăberwachung des Online-Handels mit nicht zugelassenen Peptiden könnte intensiviert werden.
FĂŒr Verbraucher bleibt die Empfehlung: Supplemente nur nach medizinischer Indikation einnehmen und die ProduktqualitĂ€t kritisch hinterfragen. Der Fokus der Gesundheitsberatung verschiebt sich weg von reiner Substitution hin zu ganzheitlicher Lebensstilintervention â mit langfristig stabileren Erfolgen bei geringeren Nebenwirkungen.
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