Muskelkraft ab 55: Polyphenole zeigen nur in zwei von fünf Studien Wirkung
Veröffentlicht am: 08.11.2026 um 00:00 Uhr | Redaktion boerse-global.dePflanzliche Sekundärstoffe wie Polyphenole stehen seit Längerem im Fokus der ernährungswissenschaftlichen Forschung. Dennoch liefert die wissenschaftliche Literatur bislang ein uneinheitliches Bild hinsichtlich ihres Nutzens für den Erhalt und Aufbau der Skelettmuskulatur im Alter.
Ein am 4. November 2026 in der Fachzeitschrift GeroScience veröffentlichter systematischer Review von Diaz-Vallejo, Gonzalez-Correa und Padilla (DOI: 10.1007/s11357-026-02628-7) verdeutlicht, dass die aktuelle Datenlage noch keine therapeutischen Empfehlungen erlaubt.
Widersprüchliche Befunde bei älteren Erwachsenen
Für die Übersichtsarbeit identifizierten Diaz-Vallejo und ihr Team sechs randomisierte kontrollierte Studien (RCTs), von denen eine lediglich ein Studienprotokoll ohne Ergebnisse darstellte. Die finale Auswertung stützte sich somit auf fünf Untersuchungen an Personen ab 55 Jahren mit Interventionsdauern von 4 bis 24 Wochen. Untersucht wurden Substanzen wie Quercetin, Tee-Catechine, Epicatechin-Extrakte, Kakao-Flavonoide sowie marine Polyphenole.
Hinsichtlich der Muskelkraft ergaben sich in zwei von fünf Studien signifikante Verbesserungen im Vergleich zur jeweiligen Kontrollgruppe. Dabei zeigte sich Quercetin in Kombination mit Krafttraining dem reinen Training überlegen, wobei sich Griffkraft und Beinmuskelkraft verbesserten. Bezüglich der Muskelmasse blieben die Effekte über die ausgewerteten Studien hinweg jedoch uneinheitlich.
Lediglich zwei der Arbeiten schlossen Teilnehmende mit diagnostizierter Sarkopenie ein; in keiner davon wurde ein eindeutiger Kraftzuwachs durch die Behandlung erzielt. Wegen der Heterogenität verzichteten die Autoren auf eine gepoolte statistische Schätzung und hielten fest, dass die Evidenz für eine gezielte Therapieempfehlung unzureichend sei.
Olivenextrakte und sportliche Leistungsfähigkeit
Zu einer vergleichbaren Zurückhaltung gelangte ein systematischer Review von Gil-Caselles in der Fachzeitschrift MDPI Nutrients. Auf Basis einer bis zum 30. September 2026 geführten Recherche in Datenbanken wie MEDLINE/PubMed, Scopus, Web of Science, SPORTDiscus, CENTRAL, ClinicalTrials.gov und WHO ICTRP analysierte die Arbeit elf Berichte aus zehn unabhängigen RCTs. Untersucht wurden natives Olivenöl, hydroxytyrosolreiches Olivenfruchtwasser, oleuropeinreicher Olivenblattextrakt sowie Maslinsäure.
Die Qualitätsbewertung nach RoB 2 ergab für zwei Studien ein niedriges Verzerrungsrisiko und für acht Studien gewisse Bedenken. Maslinsäure war mit einer geringeren wahrgenommenen Ermüdung und verringertem Muskelkater assoziiert; bei Älteren fielen einzelne muskelbezogene Parameter unterschiedlich aus.
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Konsistente Verbesserungen der objektiven sportlichen Leistung oder ein einheitlicher ergogener Effekt ließen sich nicht nachweisen. Ein potenzieller Nutzen hänge stark von Formulierung, Dosis, Population und Trainingskontext ab.
Korrelationen und zellbiologische Ansätze
Neben Interventionsstudien liefern Beobachtungsdaten Hinweise auf physiologische Zusammenhänge. Eine Querschnittsstudie der Universitat Rovira i Virgili und des Instituto de Ciencias de la Vid y del Vino in Food & Function untersuchte 50 Personen mit einem Durchschnittsalter von 69,1 Jahren, darunter 29 mit wahrscheinlicher Sarkopenie und 21 ohne.
Mittels HPLC ermittelte Urinmarker wie Catechin-Sulfat, Methyl-Catechin-Sulfat und Resveratrol-Derivate korrelierten positiv mit Handgriffkraft, Skelettmuskelmasse, appendikulärer Muskelmasse sowie Ultraschallmaßen der Quadrizeps- und Rectus-femoris-Dicke, vor allem bei Frauen.
Da es sich um keinen Kausalnachweis handelt, fordern die Forscher Folgestudien mit alkoholfreiem Wein, um Polyphenol- von Ethanoleffekten abzugrenzen.
Ebenfalls auf zellulärer Ebene zeigten Suzuki et al. in Food Bioscience 2026 (DOI: 10.1016/j.fbio.2026.109519), dass das in Beeren vorkommende Pterostilben in C2C12-Muskelzellkulturen die intrazelluläre Lipidakkumulation über eine Stabilisierung des PPAR?-Rezeptors verringerte. Rückschlüsse auf Konzentrationen, Bioverfügbarkeit oder Wirkungen beim Menschen lassen sich daraus jedoch nicht ableiten.
Belastung und spezifische Interventionen
Welche Rolle Polyphenole bei akuter Beanspruchung spielen, untersuchten McFarlin et al. in Genes & Nutrition (DOI: 10.1186/s12263-026-00825-9). Probanden nahmen 28 Tage vor einem Halbmarathon täglich 1000 mg einer Mischung aus Curcuminoiden und Granatapfel-Ellagitanninen (Restoridyn, Verdure Sciences; n=13) oder ein Placebo (n=14) ein.
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Nach dem Lauf zeigte die Genexpressionsanalyse nach zwei Stunden im Schnitt 25 Prozent weniger Suppression über 40 Immunpfade; nach vier Stunden fand sich eine um 232 Prozent stärkere Aktivierung mehrerer Erholungs- und Stoffwechselpfade.
Dass pflanzliche Nahrungsergänzungen keine automatischen Leistungssprünge garantieren, zeigten weitere Untersuchungen. Teodoro, Guimarães und Manoel testeten in Nutrition and Health 2026 an 16 freizeittrainierten Frauen (Alter 27 ± 4,7 Jahre) Rote-Bete-Saft mit 12,8 mmol Nitrat im Vergleich zu Placebo (0,92 mmol Nitrat) und einer Kontrollbedingung.
Bei Wiederholungen bis zum Muskelversagen an Bankdrücken und 45°-Beinpresse (60 % 1RM) gab es weder bei den Gesamtwiederholungen (Bankdrücken: Kontrolle 55,6 ± 9,7, Placebo 58,9 ± 13,0, Nitrat 56,0 ± 14,0; p = 0,785; Beinpresse: 82,6 ± 36,0, 80,4 ± 37,0, 79,3 ± 30,0; p = 0,945) noch bei Blutlaktat oder Herzfrequenz signifikante Unterschiede.
In einer Pilotstudie in Foods an 23 Profifußballern führte der tägliche Verzehr von 30 g gefriergetrockneter Kornelkirsche über sechs Wochen zwar zu leichten Veränderungen von Körperfett und Sprunghöhe in der Interventionsgruppe, der Gruppenunterschied gegenüber der Kontrolle blieb jedoch ohne statistische Signifikanz.
