Nahrungsergänzung für Senioren: Kalzium und Vitamin D nutzen kaum
30.06.2026 - 21:49:27 | boerse-global.de
Gleich mehrere Studien und politische Entscheidungen aus dem ersten Halbjahr 2026 zeigen: Sowohl der übermäßige Einsatz von Präparaten als auch Lücken in der Therapietreue bergen erhebliche Risiken.
Nahrungsergänzungsmittel: Nutzen für Senioren fraglich
Eine kanadische Studie im Fachmagazin BMJ kommt zu einem ernüchternden Ergebnis: Kalzium, Vitamin D oder Kombinationspräparate verhindern bei Menschen über 65 Jahren weder Stürze noch Knochenbrüche. Fast ein Drittel dieser Altersgruppe stürzt jährlich – doch die Supplemente zeigten in der Untersuchung kaum klinisch relevanten Nutzen.
Parallel dazu warnen Experten vor unkontrolliertem Medikamentenkonsum. Rund drei Millionen Fälle von schädlichem oder abhängigem Arzneimittelgebrauch sind in Deutschland registriert. Besonders betroffen: rezeptfreie Schmerzmittel. Etwa 13 Prozent der Erwachsenen nehmen sie zu lange ohne ärztliche Rücksprache ein.
Antibiotika: Langzeitschäden und neue Strategien
Die Wirkung von Antibiotika auf das Darmmikrobiom ist gravierender als lange angenommen. Eine schwedische Langzeitstudie mit 15.000 Probanden im Fachblatt Nature Medicine belegt: Bereits eine einmalige Gabe kann das Mikrobiom über Jahre schädigen.
Besonders kritisch sehen Forscher den Einsatz bei Kindern. Eine dänische Studie mit 1,1 Millionen Teilnehmern stellt einen Zusammenhang zwischen früher Antibiotika-Exposition und späteren Erkrankungen her – darunter Adipositas, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen und psychische Leiden.
Um den Verbrauch zu senken, setzen neue Versorgungsmodelle an. Das „Tele-Kasper-Netz“ konnte den Antibiotika-Einsatz bereits um bis zu 20 Prozent reduzieren. Fachleute empfehlen zudem eine verzögerte Verschreibung von 48 bis 72 Stunden. Und in der Grundlagenforschung entdeckten Wissenschaftler Ende Juni eine neue Überlebensstrategie von Bakterien: Sie tauschen unter Stress Proteine über Vesikel aus, um ruhende Zellen zu schützen. Die Studie erschien im Journal Science.
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Atemwegserkrankungen: Wechselwirkungen und neue Wirkstoffe
Ein besonderes Augenmerk gilt den Wechselwirkungen bei Begleiterkrankungen. Protonenpumpeninhibitoren (PPI) gegen Sodbrennen stehen im Verdacht, Lungenerkrankungen negativ zu beeinflussen. Aktuelle Daten zeigen: Bei Asthma- oder COPD-Patienten erhöht die Einnahme das Risiko für schwere Schübe um 18 Prozent.
Fortschritte gibt es dagegen bei der Behandlung schwerer Asthma-Verläufe. Eine Studie im Lancet Respiratory Medicine belegt: Der Wirkstoff Tezepelumab senkt die Abhängigkeit von oralen Kortikosteroiden signifikant. Rund 35 Prozent der Patienten konnten die Steroidbehandlung im Studienzeitraum vollständig beenden. Die GINA-Richtlinie 2026 empfiehlt zudem verstärkt eine Therapie auf Basis inhalativer Kortikosteroide statt alleiniger Notfallsprays.
Versorgung: Telemedizin in Apotheken und EU-Gesetz
Ab dem 1. Juli 2026 erweitern Apotheken ihr Angebot: Patienten erhalten vor Ort Zugang zu abgetrennten Räumen für Videosprechstunden mit Ärzten. Die Kosten übernehmen die Krankenkassen. Das Modell soll besonders die Ersteinschätzung in Notfällen und die direkte Einlösung von E-Rezepten erleichtern.
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Auf politischer Ebene wurde heute der EU-Rechtsakt für kritische Medikamente (Critical Medicines Act) durch die EU-Botschafter beschlossen. Ziel der Verordnung: Die Produktion essenzieller Arzneimittel innerhalb Europas durch steuerliche und regulatorische Anreize stärken und die Abhängigkeit von globalen Lieferketten verringern. Gesundheitsministerin Warken bezeichnete den Schritt als notwendig für die Versorgungssicherheit.
Das Universitätsklinikum Jena vermeldet zudem Fortschritte in der Diagnostik. Ein neues Verfahren zur Genom-Analyse aus Blutplasma identifiziert Erreger schwerer Infektionen innerhalb weniger Stunden – selbst wenn bereits eine antibiotische Therapie läuft. Das könnte künftig gezieltere und darmfreundlichere Behandlungen ermöglichen.
