Notfallreform: Bundesrat entscheidet am 20. November über Arzneiabgabe
Veröffentlicht am: 29.10.2026 um 18:00 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie gleichzeitige Behandlung mehrerer chronischer Erkrankungen stellt das Gesundheitssystem vor wachsende Herausforderungen. Apotheker und Mediziner warnen vor erheblichen Risiken bei der Arzneimitteltherapie multimorbider Patienten und mahnen präzisere Prüfmechanismen für Wechselwirkungen an.
Wenn Betroffene dauerhaft zahlreiche Präparate parallel einnehmen, steigen die Gefahren für unerwünschte Effekte, Fehlgriffe bei der Dosierung und unvorhersehbare gegenseitige Beeinflussungen der Wirkstoffe drastisch an.
Debatte um das Dispensierrecht in der Notfallreform
Besondere Brisanz erhält das Thema durch die gesetzliche Weichenstellung im Rahmen der Notfallreform. Der Bundestag beschloss am 15. Oktober 2026 eine Regelung, die ein beschränktes ärztliches Dispensierrecht in Integrierten Notfallzentren sowie im ambulanten Notdienst vorsieht. Mediziner sollen demnach verschreibungspflichtige Arzneimittel direkt an Patienten abgeben dürfen, insbesondere zu Randzeiten, an Wochenenden und Feiertagen.
Gegen diese Pläne regt sich deutlicher Widerstand aus dem pharmazeutischen Sektor. Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände warnt, dass durch diese Neuregelung das bewährte Vier-Augen-Prinzip aufgeweicht werde. ABDA-Präsident Thomas Preis betonte, dass der Schritt die Arzneimittelsicherheit gefährde und unnötige Parallelstrukturen schaffe.
Da Apotheken flächendeckend an 365 Tagen im Jahr Nacht- und Notdienste leisteten, bestehe für eine Durchbrechung der pharmazeutischen Abgabekette kein Anlass. Zudem befürchtet die Standesvertretung wirtschaftliche Einbußen für die Notdienste und eine Schwächung der wohnortnahen Versorgung, wenn den Betrieben Erlöse durch Parallelvertriebswege entzogen werden.
Der Bundesverband Deutscher Apothekenkooperationen fordert ebenfalls die Beibehaltung der uneingeschränkten Apothekenpflicht, um einen Systembruch abzuwenden, hält jedoch bei punktuellem Handlungsbedarf eine eng begrenzte Ausnahmelösung für prüfbar.
Das parlamentarische Verfahren ist noch nicht abgeschlossen: Am 4. November 2026 befasst sich der Gesundheitsausschuss des Bundesrates mit dem Vorhaben, bevor für den 20. November 2026 die abschließende Entscheidung im Plenum der Länderkammer angesetzt ist.
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Gefahren der Polypharmazie im Versorgungsalltag
Als Polypharmazie gilt in der Medizin üblicherweise die zeitgleiche Einnahme von fünf oder mehr Arzneimitteln. Fachleute unterscheiden dabei zwischen angemessenen und unangemessenen Verordnungen. Gerade bei älteren Menschen wachsen die Gefahren für Interaktionen, kognitive Störungen, Stürze, Knochenbrüche sowie Magen-Darm- und Nierenkomplikationen deutlich.
Wie entscheidend die kontrollierte und verlässliche Einnahme ist, belegt eine Untersuchung unter der Leitung von Qianqian Yang von der Universität Oxford, die auf dem Kongress der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie im Jahr 2026 vorgestellt wurde.
Die Analyse von über 91.000 Patientendaten aus neun randomisierten klinischen Studien zeigte, dass bei einer hohen Einnahmetreue von mindestens 80 Prozent unter Blutdruckbehandlung 11 Prozent weniger schwere Herz-Kreislauf-Ereignisse auftraten.
Der obere Blutdruckwert lag bei hoher Therapietreue im Schnitt um 5,2 mmHg niedriger, verglichen mit 3,0 mmHg bei geringerer Einhaltung des Plans. Gleichzeitig sank die Einnahmetreue im Studienverlauf von 88 Prozent im ersten Jahr auf 79 Prozent im fünften Jahr ab.
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Prüfstrategien und Tücken bei Nahrungsmitteln
Zur Vermeidung arzneimittelbezogener Probleme rücken strukturierte Überprüfungen in den Mittelpunkt. Die Medikationsanalyse in öffentlichen Apotheken steht vielen Versicherten als pharmazeutische Dienstleistung kostenfrei zur Verfügung, wird bislang jedoch wenig in Anspruch genommen.
Das Verfahren nimmt durchschnittlich eine Stunde inklusive zehn Minuten Vorbereitung in Anspruch. Dabei werden sämtliche verordneten Medikamente sowie freiverkäufliche Präparate, pflanzliche Mittel und Nahrungsergänzungsmittel erfasst. Nach einer KI-gestützten Prüfung übernimmt das pharmazeutische Fachpersonal die abschließende klinische Bewertung.
Fachleute raten zudem zu systematischen Strategien wie dem kontrollierten Absetzen nicht mehr notwendiger Präparate unter ärztlicher Aufsicht sowie einer intensiven Patientenschulung.
Zusätzliche Risiken entstehen häufig abseits des Beipackzettels durch Lebensmittel:
- Grapefruits hemmen den Abbau bestimmter Calciumkanalblocker wie Felodipin, Nisoldipin oder Nifedipin und können lebensgefährliche Blutdruckabfälle hervorrufen.
- Milchprodukte und calciumreiches Mineralwasser schwächen die Aufnahme von Antibiotika ab; hier ist ein Abstand von mindestens zwei Stunden einzuhalten.
- L-Thyroxin erfordert einen Einnahmeabstand von 30 bis 60 Minuten vor dem Frühstück sowie mindestens vier Stunden zu Präparaten mit Calcium oder Eisen.
- Tannine in Kaffee und Tee sowie Oxalsäure in Spinat behindern die Eisenaufnahme, während Vitamin-K-reiches Gemüse die Wirkung oraler Gerinnungshemmer dämpft.
Um für unerwünschte Wirkungen zu sensibilisieren, beteiligt sich die Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker vom 2. bis 8. November 2026 an der internationalen Aktionswoche zur Arzneimittelsicherheit, um Verdachtsfälle konsequenter im System der Pharmakovigilanz zu erfassen.
