Primärversorgung: Bundesregierung plant Hausarztmodell für ganz Deutschland
Veröffentlicht am: 01.10.2026 um 18:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Die Bundesregierung plant eine umfassende Neugestaltung der ambulanten Versorgung in Deutschland. Kern der Reform ist die bundesweite Einführung eines Primärversorgungssystems, das sich am Vorbild der hausarztzentrierten Versorgung (HZV) in Baden-Württemberg orientiert. Ziel dieser Umstrukturierung ist eine optimierte Patientensteuerung sowie ein effizienterer Zugang zu ärztlicher Beratung.
Strategische Neuausrichtung zur Kosteneindämmung
Gesundheitsminister Carsten Linnemann (CDU, 49) begründet den Umbau mit der mangelnden Effizienz der aktuellen Strukturen. Er bezeichnete das deutsche System laut Berichten als eines der teuersten weltweit, dem es jedoch an Effektivität fehle.
Mit jährlich rund 1,5 Mrd. Arztkontakten verzeichne Deutschland pro Kopf mehr Konsultationen als jedes andere Land. Die Reform soll den Kostenanstieg bremsen und eine Erhöhung der Krankenkassenbeiträge verhindern.
Ein wesentlicher Bestandteil der Pläne ist die Konsolidierung der Kassenlandschaft. Die Anzahl der derzeit 93 Krankenkassen soll auf höchstens 20 reduziert werden. Eine entsprechende Kommission werde dazu Ende des Jahres einen Abschlussbericht vorlegen.
Flankierend dazu soll der Pflegeversicherungsbeitrag bei 3,6% stabilisiert werden. Während Linnemann volle Rentenpunkte für pflegende Angehörige anstrebe, sieht ein vorliegender Gesetzentwurf vor, dass Rentenansprüche künftig nur noch zu 70% von den Pflegekassen getragen werden.
Wissenschaftliche Evaluation des baden-württembergischen Modells
Das als Vorbild dienende Modell aus Baden-Württemberg wurde bereits 2008 eingeführt. Nach Angaben des Hausärztinnen- und Hausärzteverbandes nehmen dort 3,4 Millionen Menschen an der hausarztzentrierten Versorgung teil, wobei die Tendenz zuletzt stark steigend war.
Wissenschaftliche Untersuchungen der Universitäten Frankfurt am Main und Heidelberg belegen Vorteile dieser Versorgungsform. Demnach suchen HZV-Patienten zwar häufiger ihre Hausarztpraxis auf, nehmen jedoch deutlich weniger unkoordinierte Facharztkontakte wahr. Die Evaluationen deuten auf eine verbesserte Behandlungsqualität hin, insbesondere bei chronisch Kranken, und zeigen, dass unnötige Doppeluntersuchungen vermieden werden.
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Kritische Stimmen wie die der Bildungsexpertin Silke Arnegger von der Hochschule RheinMain weisen jedoch darauf hin, dass es bisher keinen wissenschaftlichen Beleg dafür gebe, dass die HZV zu schnelleren Terminen bei Fachärzten führe.
Widerstand spezialisierter Fachgruppen und digitale Ergänzungen
Innerhalb der Ärzteschaft stößt die geplante Primärarztverpflichtung auf ein geteiltes Echo. Fachverbände wie der BVHNO und die DGHNO-KHC fordern in einem Positionspapier den Erhalt des direkten Zugangs zur HNO-Heilkunde. Jan Löhler, Präsident des BVHNO, betonte, dass bereits heute rund 88 Prozent der HNO-Patienten die Praxen ohne Überweisung erreichen.
Eine Auswertung des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) von 22,4 Millionen Fällen aus dem Jahr 2025 unterstreicht die Spezialisierung: Nur rund 5,9 Prozent der Behandlungen betrafen banale Infekte, während komplexe Leistungen wie Hörgeräteversorgungen oder Lupenlaryngoskopien dominierten.
Das Bundesministerium für Gesundheit plant zudem eine digitale Ergänzung der Primärversorgung. Thomas Renner, Leiter der Unterabteilung Digitalisierung und Innovation, stellte klar, dass ein freiwilliger digitaler Einstieg über Videosprechstunden oder die Rufnummer 116 117 vorgesehen sei. Das in Beratung befindliche Gesetz zur digitalen Gesundheitsversorgung (GeDIG) ziele nicht darauf ab, den Arztbesuch durch eine App zu ersetzen.
Gesetzliche Anpassungen und Ausblick auf den Referentenentwurf
Im politischen Raum zeichnen sich bereits erste Korrekturen ab. Union und SPD haben sich darauf verständigt, die umstrittene Fixkostendegression für Haus-, Kinder- und Jugendärzte zu streichen. Christos Pantazis (SPD) bezeichnete dies als notwendige Korrektur zur Stärkung der ambulanten Versorgung. Zudem sollen 550 Millionen Euro zusätzlich zur finanziellen Stabilisierung der Krankenhäuser bereitgestellt werden.
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Ein Referentenentwurf für das Primärarztsystem und die neue Ersteinschätzung wurde für November 2026 angekündigt. Gesundheitsminister Linnemann, der das Amt von Nina Warken übernahm, stellte den Entwurf noch für den Herbst 2026 in Aussicht. Parallel dazu findet im Oktober 2026 bundesweit ein Informationsmonat zur hausarztzentrierten Versorgung statt, um die Akzeptanz des Systems bei Versicherten und Praxen weiter zu erhöhen.
