Rotes, Fleisch

Rotes Fleisch und Diabetes: Neu5Gc-Aufnahme mit 63 Prozent höherem Risiko verbunden

Veröffentlicht am: 02.10.2026 um 14:05 Uhr | Redaktion boerse-global.de

Eine Langzeitstudie fand einen Zusammenhang zwischen Neu5Gc aus Fleisch und Diabetesrisiko; ein ursächlicher Effekt ist nicht belegt.

Rotes Fleisch und Typ-2-Diabetes: Studie untersucht Neu5Gc als möglichen Faktor
Ein leeres, rustikales Holzschneidebrett auf einer Arbeitsfläche vor einem sonnendurchfluteten Fenster mit Blick auf eine Landschaft. Illustration mit AI erstellt.

Der Zusammenhang zwischen dem Verzehr von rotem Fleisch und einem erhöhten Risiko für Typ-2-Diabetes beschäftigt die Forschung seit Jahren. Eine neue Untersuchung der französischen NutriNet-Santé-Langzeitstudie unter Leitung der Université Sorbonne Paris Nord liefert nun Hinweise auf einen möglichen biologischen Auslöser.

Die Ergebnisse wurden auf der Jahrestagung der European Association for the Study of Diabetes (EASD) vorgestellt, die vom 28. September bis zum 2. Oktober 2026 in Mailand stattfand. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein bestimmtes Zuckermolekül, das in tierischen Geweben vorkommt.

Daten und Risikounterschiede in der NutriNet-Santé-Kohorte

Die Auswertung der NutriNet-Santé-Kohorte stützt sich auf die Daten von 89.953 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von circa 42 Jahren, von denen 79% Frauen waren.

Alle Probanden waren zu Studienbeginn frei von Krebs sowie Typ-2-Diabetes. Während eines medianen Nachbeobachtungszeitraums von 7,2 Jahren traten 966 Neuerkrankungen an Typ-2-Diabetes auf.

Die Aufnahme des Moleküls Neu5Gc (N-Glycolylneuraminsäure) wurde über drei 24-Stunden-Ernährungsprotokolle erfasst. Dabei wurde der Gehalt aus Rind, Lamm, Schwein, Kaninchen, Ziege und Wild ermittelt, während Wurstwaren und Milchprodukte separat betrachtet wurden.

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Männer in der höchsten Konsumgruppe nahmen median 97 g rotes Fleisch pro Tag zu sich (136 g inklusive verarbeitetem Fleisch), Frauen 73 g (96 g). In der niedrigsten Gruppe lag der Verzehr bei Männern bei circa 5 g (21 g) und bei Frauen bei 0 g (9 g).

Bei Personen mit der höchsten Neu5Gc-Aufnahme durch Fleisch zeigte sich im Vergleich zur Gruppe mit dem niedrigsten Verzehr ein um 63% erhöhtes Diabetesrisiko (Hazard Ratio 1,63). In der zweithöchsten Gruppe lag das Plus bei 41%, während die gesamte Zufuhr von Neu5Gc über alle Quellen hinweg mit einem um 37% erhöhten Risiko verbunden war.

Neu5Gc aus Milchprodukten wies dagegen keinen Zusammenhang mit dem Auftreten von Typ-2-Diabetes auf. Die Assoziation blieb auch nach statistischer Bereinigung um Alter, Geschlecht, körperliche Aktivität, Ernährungsmuster, Rauchen, Vorerkrankungen und den Body-Mass-Index bestehen.

Adipositas erklärte dabei etwa 13% des beobachteten Zusammenhangs. Wurde das Modell jedoch zusätzlich für den gesamten Fleischkonsum adjustiert, war das Ergebnis statistisch nicht mehr signifikant.

Die Rolle von Neu5Gc und der Immunreaktion

Hauptautor Leopold Fezeu von der Université Sorbonne Paris Nord beschreibt den zugrunde liegenden Mechanismus als immunologische Reaktion: Neu5Gc kommt natürlicherweise in rotem Fleisch vor, fehlt jedoch in weißem Fleisch wie Geflügel. Beim Menschen verhindert eine Mutation im sogenannten CMAH-Gen die körpereigene Bildung dieses Moleküls.

Wird der Fremdzucker über die Nahrung aufgenommen, stuft das Immunsystem ihn als fremd ein und bildet Antikörper. Die daraus resultierenden chronischen Entzündungsprozesse könnten nach Einschätzung des Forschungsteams auf Dauer die insulinproduzierenden Betazellen der Bauchspeicheldrüse schädigen und so die Entstehung von Typ-2-Diabetes begünstigen.

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Methodische Einschränkungen und wissenschaftliche Einordnung

Die Studienautoren betonen den vorläufigen Charakter der Daten. Es handelt sich um eine reine Beobachtungsstudie, die bislang ausschließlich als Kongressbeitrag präsentiert wurde und noch kein reguläres Peer-Review-Verfahren durchlaufen hat.

Ein kausaler Nachweis lässt sich daraus nicht ableiten. Zudem seien methodische Messfehler bei den Selbstangaben nicht auszuschließen, und mögliche Änderungen der Ernährungsgewohnheiten über den Zeitraum von gut sieben Jahren wurden nicht erfasst.

Ernährungswissenschaftlerin Anne-Maria Pajari von der Universität Helsinki bezeichnete den postulierten Mechanismus zwar als biologisch plausibel, verwies jedoch ebenfalls auf das noch ausstehende Peer-Review.

Zudem habe die finnische Papumies-Studie, in der über sechs Wochen ein hoher Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch mit einer hülsenfrüchtebasierten Ernährung verglichen wurde, keine Unterschiede bei relevanten Entzündungsmarkern gezeigt.

Vor dem Hintergrund bestehender Gesundheitsrisiken empfiehlt die dänische Krebsgesellschaft Kræftens Bekæmpelse eine Obergrenze von maximal 350 g zubereitetem rotem Fleisch pro Woche.

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de | wissenschaft | 70215400 |