Schlaf im Alter: 73,5 Prozent der über 65-Jährigen schlafen laut Studie schlecht
Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 06:03 Uhr | Redaktion boerse-global.deSchlafprobleme im Alter sind weit verbreitet, werden jedoch im Praxisalltag häufig unterschätzt. Eine in der Fachzeitschrift BMC Primary Care veröffentlichte Querschnittsstudie aus einer Hausarztpraxis in der Türkei liefert neue Einblicke in das Ausmaß dieser Problematik: Von 388 untersuchten Erwachsenen ab 65 Jahren wiesen 73,5 Prozent (285 Personen) eine schlechte Schlafqualität auf.
Als Kriterium diente ein Schwellenwert von mindestens 5 im Pittsburgh Sleep Quality Index (PSQI). Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer lag bei 71,6 ± 5,0 Jahren.
Auffällig war dabei, dass Frauen im Rahmen der Untersuchung höhere PSQI-Werte erzielten als Männer. Zudem deckte die Untersuchung eine erhebliche Diskrepanz zwischen messbaren Werten und dem eigenen Empfinden auf.
WahrnehmungslĂĽcke und chronische Vorerkrankungen
Bei 17,2 Prozent beziehungsweise 49 der 285 Betroffenen mit schlechter Schlafqualität stimmte das Messergebnis nicht mit der subjektiven Wahrnehmung überein: Sie stuften ihren Schlaf selbst als gut oder sehr gut ein.
Gleichzeitig traten schlechte Schlafwerte gehäuft zusammen mit verschiedenen Vorerkrankungen auf. Die Erhebung zeigte signifikante Assoziationen (jeweils p < .05) mit Hypertonie sowie Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Atemwege, der Schilddrüse, des Magen-Darm-Trakts und mit psychiatrischen Diagnosen.
In der bereinigten Analyse blieben mehrere Faktoren unabhängig voneinander mit einer schlechten Schlafqualität assoziiert:
* Psychiatrische Störungen wiesen ein Odds Ratio (OR) von 4,54 auf (95%-Konfidenzintervall 1,05–19,64).
* Gastrointestinale Störungen zeigten ein OR von 3,76 (95%-Konfidenzintervall 1,82–7,79).
* Polypharmazie, definiert als die gleichzeitige Einnahme von mindestens fünf Medikamenten, ging mit einem OR von 2,48 einher (95%-Konfidenzintervall 1,45–4,23).
Die Tragweite solcher Belastungen spiegelt sich auch in anderen Erhebungen wider. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts leidet in Deutschland etwa jeder achte Erwachsene unter Schlafstörungen.
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Grenzen digitaler Messungen und das Phänomen Orthosomnie
Zur Erfassung des Schlafs greifen viele Menschen auf digitale Hilfsmittel zurück. Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) weist jedoch darauf hin, dass Schlaftracker, Wearables und Smartphone-Apps das Schlafverhalten nur eingeschränkt abbilden. Zur medizinischen Abklärung einer Schlafapnoe oder einer Insomnie eignen sie sich nicht.
Eine Vergleichsstudie mit sechs verbreiteten Wearables zeigte zwar, dass die Geräte verlässlich zwischen Schlaf- und Wachphasen unterscheiden können. Die Erfassung einzelner Schlafstadien wich jedoch deutlich stärker von der medizinischen Polysomnographie ab.
Eine Querschnittsstudie mit 523 Erwachsenen bezifferte zudem die Prävalenz der sogenannten Orthosomnie – des übermäßigen Strebens nach perfekten Schlafdaten – je nach verwendeter Definition auf 3,0 bis 14,0 Prozent.
Kognitive Mechanismen und therapeutische Ansätze
Veränderungen der Schlafarchitektur stehen überdies im Fokus der Demenzforschung. Während des Schlafs beseitigt das Gehirn Abfallstoffe; bestimmte Schlafrhythmen steuern diesen Vorgang möglicherweise, während Störungen das Demenzrisiko erhöhen könnten. Der Tiefschlaf (Slow-Wave-Schlaf) dient der Gedächtnisverarbeitung und dem potenziellen Ausschwemmen von Amyloid über das glymphatische System.
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Eine Beobachtungsstudie an 346 Erwachsenen mit einem Durchschnittsalter von 69 Jahren, zwei Schlafuntersuchungen im Abstand von rund fÜnf Jahren und einer Nachbeobachtung von bis zu 17 Jahren (52 Demenzfälle) beobachtete: Bei einem jährlichen Rückgang des Tiefschlafanteils um einen Prozentpunkt stieg das relative Demenzrisiko um rund 27 Prozent, während sich die Gesamtschlafdauer kaum änderte. Ein Kausalnachweis liegt damit nicht vor.
Zur Bewältigung chronischer Ein- und Durchschlafstörungen gilt die kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie als empfohlene Methode. Sie umfasst in der Regel acht Sitzungen zu je 45 Minuten, wenngleich Therapieplätze oft schwer verfügbar sind. Zu den genutzten Elementen zählt die Bettzeitreduktion, etwa auf sechs Stunden, beispielsweise im Zeitfenster von 1 bis 7 Uhr.
Der Schlafforscher Albrecht Vorster von der Universität Marburg verweist darauf, dass sieben Stunden Schlaf vollkommen ausreichen, manchen Menschen sogar sechs. Er rät dazu, erst dann zu Bett zu gehen, wenn die Augen zufallen, statt wach auf das Einschlafen zu warten.
Empfehlungen umfassen zudem eine feste Aufstehzeit, 15 bis 30 Minuten Tageslicht am Morgen, tagsĂĽber 20 bis 30 Minuten zĂĽgiges Gehen kombiniert mit Krafttraining sowie das Dimmen des Lichts ein bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen.
