Alle Jahre wieder: Seehunde werden aus der Luft gezÀhlt
09.06.2023 - 16:19:20Da unten liegt wieder eine Gruppe: «Ein bisschen weiter rechts», weist Ole Stejskal den Piloten an, und der steuert das kleine Flugzeug an einer der vielen SandbÀnke im Wattenmeer entlang. Unten im Sand 30 bis 40 graue, brÀunliche oder helle Flecken - Seehunde. Und einige Flecken ganz klein - neugeborene Welpen. Wie in jedem Sommer werden die Seehunde im Wattenmeer aus der Luft erfasst.
Möglichst zuverlĂ€ssig soll ermittelt werden, ob der Bestand der MeeressĂ€uger stabil ist. An der niedersĂ€chsischen KĂŒste begannen am Freitag die 15 KontrollflĂŒge. Bis 23. August wird jeweils fĂŒnf Mal von den FlugplĂ€tzen Emden, Mariensiel und Nordholz aus geflogen.
Vergangenes Jahr 23.650 Tiere erfasst
Auch Schleswig-Holstein und die Nordsee-Anrainer Niederlande und DĂ€nemark zĂ€hlen im Rahmen des internationalen Seehundschutzabkommens. 2022 wurden entlang der NordseekĂŒste 23.650 Seehunde erfasst, die bei Ebbe auf SandbĂ€nken lagen. In Niedersachsen waren es dem zustĂ€ndigen Landesamt fĂŒr Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) zufolge 8720 Tiere. Der tatsĂ€chliche Bestand liegt höher, weil immer etwa ein Drittel der Seehunde im Wasser schwimmt.
Die Seehundwelpen sind am weiĂlichen Fell zu erkennen. Noch sind es nicht viele. Die Wurfsaison hat erst begonnen und steuert auf den Höhepunkt Ende Juni zu. Die fĂŒnf FlĂŒge ĂŒber drei Monate dienten deshalb verschiedenen Zwecken, erlĂ€utert Stejskal: Erst werde vor allem die Zunahme der Jungtierpopulation ermittelt, spĂ€ter im August nach dem Fellwechsel dann die Gesamtzahl der Seehunde.
In Niedersachsen wird der Seehundbestand seit 1958 systematisch erfasst. «Das ist ein einzigartiger Datensatz», sagt die Wildtierspezialistin Ursula Siebert von der TierĂ€rztlichen Hochschule Hannover. Die Kurve zeigt den Tiefstand von nur noch etwas ĂŒber 1000 Seehunden Mitte der 1970er Jahre, die Einschnitte durch Krankheiten. «Eine Erfahrung ist, dass die SeehundbestĂ€nde sich nach den Virus-Epidemien immer schneller erholt haben, als wir gedacht haben.»
Man könne den Bestand der Seehunde als Gradmesser fĂŒr die QualitĂ€t des Lebensraums Wattenmeer sehen, sagen Stejskal wie Siebert. Wenn es also dem Fisch- und Muschelfresser gut geht, ist die Nahrungskette dann in Ordnung? Nur die Zunahme einer Population reiche als Anzeiger nicht aus, sagt die Professorin Siebert. «Wir mĂŒssen tiefer sehen.»
Juntiere verschwinden
Sie ist zum Beispiel besorgt wegen der Verluste an neugeborenen Tieren, die Gesamtzahl wĂ€chst nicht entsprechend. «Es verschwinden ĂŒberproportional Jungtiere.» Und es gebe wenig Informationen, was mit ihnen passiere. Im vergangenen Jahr ging der Gesamtbestand erstmals seit 2011 zurĂŒck - alles noch im Bereich natĂŒrlicher Schwankungen, wie es heiĂt. Doch die Experten machen sich Gedanken: Könnte im Wattenmeer eine natĂŒrliche Grenze fĂŒr den Seehundbestand erreicht sein? Doch das ist nur eine mögliche Antwort.
Seehunde wandern viel, die ganze Nordsee ist ihr Jagdrevier, und den Experten macht gerade der Ausbau der Windenergie Sorge. «Der Bau von Offshore-Parks bringt groĂes Gefahrenpotenzial fĂŒr MeeressĂ€uger mit sich», sagt Siebert. In vielen Meeresgebieten lagere alte Munition, die gesprengt werden mĂŒsse. Das Errichten der WindrĂ€der mache LĂ€rm unter Wasser, es gebe mehr Schiffsverkehr. «Im Vergleich dazu ist das Wattenmeer ein ruhiges RĂŒckzugsgebiet fĂŒr die Tiere.»


