Schrittzahl: Tempo schlÀgt 10.000er-Ziel um bis zu 43 Prozent
Veröffentlicht am: 23.09.2026 um 12:30 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Das tĂ€gliche Ziel von 10.000 Schritten gilt seit Jahrzehnten als MaĂstab fĂŒr einen gesunden Lebensstil. Neuere wissenschaftliche Untersuchungen relativieren diesen festen Richtwert jedoch deutlich. Wie aktuelle Analysen belegen, spielen neben der reinen Schrittzahl vor allem die IntensitĂ€t und das gewĂ€hlte Tempo eine entscheidende Rolle fĂŒr das MortalitĂ€ts- und Krankheitsrisiko.
Tempo kompensiert geringere Schrittzahlen
Eine im British Journal of Sports Medicine veröffentlichte Untersuchung von Forschern der Monash University und der University of Sydney wertete Daten der UK-Biobank von 64.743 Teilnehmern im Alter von 40 bis 69 Jahren aus.
Die Probanden trugen zwischen 2013 und 2015 ĂŒber sieben Tage hinweg AktivitĂ€tstracker; der Nachbeobachtungszeitraum betrug acht Jahre. Das Ergebnis: Sowohl weniger Schritte in schnellem Tempo als auch mehr Schritte in langsamem Tempo können das Risiko eines vorzeitigen Todes um bis zu 43 Prozent senken.
Bemerkenswert ist das VerhĂ€ltnis zwischen Kadenz und Gesamtvolumen. Ăhnliche gesundheitliche Vorteile zeigten sich bei weniger als 5000 Schritten pro Tag in schneller Kadenz wie bei 7500 bis 10.000 Schritten in langsamem Tempo. Das absolut niedrigste MortalitĂ€tsrisiko stellten die Forscher bei 7500 bis 10.000 Schritten pro Tag in schnellem Tempo fest.
Emmanuel Stamatakis von der University of Sydney erklĂ€rte hierzu, dass das Risiko bei einem höheren Schritttempo bereits bei unter 5000 Schritten pro Tag deutlich sinke, ebenso wie bei 5000 bis 7500 Schritten in geringerem Tempo. Dies reduziere die Einstiegsbarriere fĂŒr UngeĂŒbte erheblich.
Nicholas Koemel von der Monash University betonte, Ziel der Untersuchung sei es gewesen, alternative Wege zu gleichen Gesundheitsvorteilen aufzuzeigen. Entscheidend sei die Art der Schritte; bereits 4000 bewusste Schritte seien sinnvoll.
Marketing-Ursprung statt medizinischer Notwendigkeit
Der Mythos der 10.000 Schritte basiert nicht auf klinischer Forschung. Koemel verwies darauf, dass die Zahl auf eine Vermarktungskampagne fĂŒr japanische SchrittzĂ€hler aus dem Jahr 1965 zurĂŒckgeht. Ein starres, hohes Ziel wirke oft demotivierend, beispielsweise fĂŒr einen 65-JĂ€hrigen mit Kniebeschwerden.
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Auch der Kardiologe JosĂ© AbellĂĄn merkte an, dass fĂŒr die Gesundheit weniger Schritte nötig seien und das Wie im Vordergrund stehe. Da die Daten ĂŒberwiegend aus Beobachtungsstudien stammen, handele es sich um statistische Assoziationen und keine individuelle Garantie.
Eine im Journal of the American College of Cardiology erschienene systematische Ăbersichtsarbeit und Metaanalyse ĂŒber 12 Studien mit mehr als 111.000 Personen stĂŒtzt diesen Ansatz.
Demnach liegt der statistische Optimalwert zur Verringerung der GesamtmortalitĂ€t bei etwa 8763 Schritten pro Tag, wĂ€hrend das kardiovaskulĂ€re Risiko, etwa fĂŒr einen Herzinfarkt, bei rund 7126 Schritten am stĂ€rksten sinkt. Ein Mindestnutzen fĂŒr das MortalitĂ€tsrisiko beginnt bereits ab rund 2500 Schritten tĂ€glich, beim kardiovaskulĂ€ren Risiko ab etwa 2700 Schritten.
Höhere Schrittzahlen brachten einen abnehmenden Zusatznutzen. Langsam Gehende mit einer Frequenz von 25 bis 59 Schritten pro Minute schnitten im Vergleich zu Personen mit mittlerer oder hoher Kadenz auch nach BerĂŒcksichtigung des Gesamtschrittvolumens schlechter ab.
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Weitere Daten untermauern die Abstufungen: Bei Àlteren Frauen sind bereits rund 4400 Schritte tÀglich mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden als ein Durchschnittswert von 2700 Schritten. Eine separate Erhebung bei Erwachsenen zwischen 38 und 50 Jahren verbindet rund 7000 Schritte am Tag mit einer reduzierten MortalitÀt.
Orientierungshilfen fĂŒr den Alltag
Zur Bestimmung des geeigneten Tempos empfehlen die Forscher der UniversitĂ€ten Monash und Sydney einen einfachen Test: Wenn eine zĂŒgige Gehgeschwindigkeit fĂŒr mindestens eine Minute gehalten wird, die Atmung schwerer fĂ€llt, kurze SĂ€tze möglich bleiben, aber kein bequemes Singen mehr gelingt, ist das Tempo optimal. Hiroaki Tanaka beschrieb das Konzept des Slow Joggings im LĂ€cheln-Tempo bei 3 bis 6 km/h, das funktionell dem schnellen Gehen sehr nahekommt.
Hunter Bennett von der Adelaide University wies darauf hin, dass die Vorteile niedrig-intensiver Bewegung stark vom aktuellen Fitnesslevel abhĂ€ngen. Weniger als ein Viertel der Australier erfĂŒlle die offiziellen Bewegungsrichtlinien, und fast die HĂ€lfte der BerufstĂ€tigen verbringe den Tag weitgehend sitzend.
Reines Gehen deckt jedoch nicht den gesamten Bedarf ab. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt fĂŒr Erwachsene von 18 bis 64 Jahren wöchentlich 150 bis 300 Minuten moderate oder 75 bis 150 Minuten intensive AktivitĂ€t, ergĂ€nzt durch mindestens zwei Tage Krafttraining. FĂŒr Personen ab 65 Jahren gelten dieselben UmfĂ€nge, erweitert um drei Tage zur Schulung von Gleichgewicht, Kraft und Beweglichkeit.
Die Physiotherapeutin Milica McDowell hob hervor, dass BestĂ€ndigkeit bedeutender sei als eine fixe Schrittvorgabe. Fachleute wie Lawrence Cheskin raten dazu, eigene Alltagsgewohnheiten zu beobachten und kleine VerĂ€nderungen vorzunehmen: das Treppensteigen, Erledigungen zu FuĂ, Telefonate im Gehen, Umwege, weiter entferntes Parken sowie die Integration von Walkingstöcken oder gezielten KraftĂŒbungen.
