SpÀtes Essen: Vier Stunden Verzögerung steigerten den Appetit in einer Studie
Veröffentlicht am: 23.10.2026 um 13:27 Uhr | Redaktion boerse-global.deFeste Essenszeiten am Abend oder der Verzicht auf Gluten gelten in vielen Ratgebern als SchlĂŒssel zur Gewichtsreduktion. Fachleute aus der ErnĂ€hrungswissenschaft und DiĂ€tologie weisen jedoch darauf hin, dass zahlreiche dieser weitverbreiteten Annahmen einer wissenschaftlichen ĂberprĂŒfung nicht standhalten. Eine sachliche Betrachtung biochemischer Grundlagen und klinischer Studien zeigt, welche Mechanismen beim Abnehmen tatsĂ€chlich eine Rolle spielen.
Der Mythos um den glutenfreien Gewichtsverlust
Eine glutenfreie ErnĂ€hrung erfreut sich auch auĂerhalb medizinischer Notwendigkeiten wachsender Beliebtheit. Laut Gluten Free Insights stieg der Umsatz mit glutenfreien Produkten in groĂen italienischen Einzelhandelsketten im letzten Jahr um 7,4 % auf rund 386,6 Mio. Euro.
Die ErnĂ€hrungswissenschaftlerin Renata Bracale stellt jedoch klar, dass es keine wissenschaftlichen Belege dafĂŒr gebe, dass ein Verzicht auf Gluten ohne das Vorliegen einer Zöliakie, Weizenallergie oder GlutenunvertrĂ€glichkeit die Gesundheit verbessere oder beim Abnehmen helfe.
Zudem bedeute glutenfrei keineswegs kohlenhydratfrei. Bracale betont, dass eine unbegrĂŒndete Meidung von Gluten zu einem Mangel an Ballaststoffen, Eisen und Kalzium fĂŒhren könne. Zudem seien industriell gefertigte glutenfreie Ersatzprodukte hĂ€ufig fettreicher und zuckerreicher als herkömmliche Lebensmittel.
Feste Essenszeiten und die Rolle des Abendessens
Auch die Annahme, Mahlzeiten nach 20 Uhr wĂŒrden unweigerlich zu einer Gewichtszunahme fĂŒhren, wird von Fachleuten relativiert. Die ErnĂ€hrungswissenschaftlerin Yarden Ovadia ordnet diese feste Uhrzeit als Mythos ein. Entscheidend sei vielmehr der zeitliche Abstand zwischen der Nahrungsaufnahme und dem Schlafengehen.
Ovadia verweist auf Leitlinien bei Refluxbeschwerden und empfiehlt, etwa zwei bis drei Stunden vor dem Hinlegen nichts mehr zu essen. FrĂŒhere Beobachtungsstudien zeigten zwar eine Korrelation zwischen spĂ€tem Essen, Ăbergewicht und Diabetes, belegten aber keine direkte KausalitĂ€t.
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Wissenschaftliche Untersuchungen liefern differenzierte Einblicke in das Timing der Kalorienzufuhr:
- Eine im Jahr 2022 im Fachjournal Cell Metabolism veröffentlichte Studie mit 30 ĂŒbergewichtigen oder adipösen Erwachsenen verglich zwei kalorienreduzierte PlĂ€ne ĂŒber jeweils vier Wochen mit morgendlichem beziehungsweise abendlichem Schwerpunkt.
Beide Gruppen erzielten einen Ă€hnlichen Gewichtsverlust, wobei eine frĂŒhere Energiezufuhr mit einem geringeren HungergefĂŒhl einherging.
- Eine weitere Studie aus dem Jahr 2022 in derselben Fachzeitschrift mit 16 Teilnehmern ergab, dass ein um rund vier Stunden verzögerter Mahlzeitenplan den Appetit steigerte und den Energieverbrauch senkte.
- Eine PNAS-Untersuchung aus dem Jahr 2009 mit einem kĂŒnstlichen 28-Stunden-Tag dokumentierte, dass bei drei von acht Teilnehmern mit ausreichenden Messdaten der Blutzuckerspiegel nach den Mahlzeiten im Bereich eines PrĂ€diabetes lag.
Bereits 1996 zeigte eine Studie an sieben Kindern mit Kleinwuchs, dass ein kohlenhydratreicher Snack das Wachstumshormon in den ersten drei Schlafstunden senkte, der AusschĂŒttungshöhepunkt jedoch vorhanden blieb.
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Die DiĂ€tologin Marissa Karp sieht eine Zeitspanne zwischen 5 und 7 Uhr abends als idealen Zeitpunkt fĂŒr das Abendessen oder rĂ€t alternativ zu etwa drei Stunden Abstand zur Nachtruhe. Dies begĂŒnstige laut Elizabeth Brown eine bessere Verdauung und verringere das Risiko fĂŒr Reflux.
WĂ€hrend ein zu frĂŒhes Essen am Nachmittag das Einschlafen durch Hunger erschweren könne, störe ein zu spĂ€tes Essen die Nachtruhe. Sehr fettreiche Speisen wie Doppelburger mit Pommes benötigten zudem sechs Stunden oder lĂ€nger fĂŒr die Verdauung.
Nach Angaben in Frontiers in Nutrition fungiert Nahrung als Taktgeber fĂŒr den circadianen Rhythmus; Störungen dieses Systems erhöhen das Risiko fĂŒr Stoffwechsel- und Herzkrankheiten.
Kalorienbilanz und verbreitete ErnĂ€hrungsirrtĂŒmer
Die DiĂ€tologin Enrica Cristillo hebt hervor, dass Kohlenhydrate am Abend nicht per se dick machen, da der Körper Kalorien unabhĂ€ngig von der Uhrzeit verarbeite. Komplexe Kohlenhydrate zur Abendmahlzeit könnten ĂŒberdies die Bildung von Serotonin und Melatonin fördern.
Wichtig sei bei einem spĂ€ten Essen vor allem eine leichte Kost. Cristillo stellt klar, dass Light- oder fettfreie Produkte nicht automatisch gesĂŒnder seien, da ihnen oft Zucker, Zusatzstoffe oder Salz beigemischt wĂŒrden.
Zudem seien HĂŒlsenfrĂŒchte als Proteinquellen und nicht als reines BeilagengemĂŒse zu betrachten. Das Auslassen von Mahlzeiten helfe nicht beim Abnehmen; entscheidend sei RegelmĂ€Ăigkeit. Auch der Verzehr von Obst nach dem Essen fĂŒhrt nicht zu einer Gewichtszunahme.
ErnĂ€hrungsfachleute verweisen zudem auf weitere FehleinschĂ€tzungen: So entgiften Saftkuren den Körper nicht, und Sport allein reicht fĂŒr eine Gewichtsabnahme meist nicht aus. Ob drei oder sechs Mahlzeiten am Tag verzehrt werden, ist fĂŒr die Energiebilanz gleichwertig.
Sellerie besitzt keine sogenannten negativen Kalorien, und ein Löffel Kokosöl kurbelt die Gewichtsabnahme nicht an. Ebenso machen Light-GetrĂ€nke nicht automatisch dick. Bei akutem Hunger raten Experten zur Nahrungsaufnahme statt zu Kaugummi oder Wasser, und auch ein kompletter Verzicht auf Kohlenhydrate ist wissenschaftlich nicht begrĂŒndet.
