Sprachverarbeitung, Hirnregionen

Sprachverarbeitung: MIT entdeckt 17 neue Hirnregionen

Veröffentlicht: 14.07.2026 um 03:50 Uhr, Redaktion boerse-global.de

Neue Forschungsergebnisse widerlegen alte Annahmen zur Sprachverarbeitung und zeigen die enorme Anpassungsfähigkeit des Gehirns.

MIT-Studie entdeckt 17 neue Sprachregionen im Gehirn
Ein stilisiertes menschliches Gehirn mit leuchtenden neuronalen Pfaden, die neue Sprachregionen im Kleinhirn, Hippocampus und der Amygdala hervorheben. Illustration mit AI erstellt übermittelt durch boerse-global.de

Eine neue Studie des MIT identifizierte 17 bisher unbekannte sprachaktive Regionen – und stellt damit jahrzehntealte Annahmen infrage.

Bisheriges Modell widerlegt: Sprache ist weit verteilt

Lange gingen Forscher davon aus, dass Sprache auf wenige spezialisierte Areale in der Großhirnrinde konzentriert ist. Doch die am 13. Juli im Journal of Neuroscience veröffentlichte Untersuchung unter Professorin Evelina Fedorenko zeigt ein ganz anderes Bild.

Die Hauptautorin Agata Wolna analysierte fMRT-Daten von 772 Teilnehmern. Das Ergebnis: Die neu entdeckten Areale verteilen sich über Kleinhirn, Hippocampus, Amygdala und weite Teile der Großhirnrinde. Zusammengenommen machen sie etwa fünf Prozent des gesamten Hirnvolumens aus.

Besonders überraschend: Fünf der neuen Areale liegen im Kleinhirn. Drei davon reagieren ausschließlich auf Sprache, zwei weitere auch bei nicht-sprachlichen Aufgaben. Die Sprachverarbeitung ist also deutlich enger mit anderen Hirnfunktionen verwoben als angenommen.

Wenn das Gehirn umbaut: Erstaunliche Anpassungsfähigkeit

Wie flexibel das Gehirn tatsächlich ist, zeigt eine zweite Studie. Ein Team um Anna-Lena Stroh vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften verglich 24 von Geburt an blinde Menschen mit einer sehenden Kontrollgruppe.

Die Ergebnisse, veröffentlicht am 13. Juli in Science Advances, sind beeindruckend: Der visuelle Kortex blinder Menschen reorganisiert sich grundlegend. Statt visuelle Reize zu verarbeiten, übernimmt er Funktionen der Sprachverarbeitung, des Arbeitsgedächisses und der kognitiven Kontrolle.

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Die Studie korrigiert zudem eine frühere Annahme. Der dickere, aber weniger myelinisierte visuelle Kortex bei Blinden entsteht nicht durch gestörten Zellabbau, sondern durch verminderte Myelinisierung.

Sternförmige Zellen als heimliche Netzwerker

Doch nicht nur Neuronen spielen eine Rolle. Wissenschaftler der NYU Grossman School of Medicine entdeckten am 12. Juli in Nature eigenständige Netzwerke aus Astrozyten. Diese sternförmigen Zellen verbinden über Gap Junctions verschiedene Hirnregionen wie den präfrontalen Kortex und sensorische Areale.

In Tierversuchen passten sich diese Netzwerke plastisch an veränderte Sinnesreize an. Ein Hinweis darauf, dass die klassische Vorstellung von fest verdrahteten Hirnregionen zu kurz greift.

Schlafmangel verändert die Synapsen

Auch der Alltag hinterlässt Spuren im Gehirn. Eine Studie des Forschungszentrums Jülich unter David Elmenhorst untersuchte die Auswirkungen von Schlafmangel. 40 Probanden blieben 28 Stunden wach – mit messbaren Folgen.

Der Synapsenmarker SV2A stieg im Thalamus und Hippocampus um zwei bis sechs Prozent. Das stützt die Theorie: Synapsen werden im Wachzustand verstärkt und während des Schlafs zur Effizienzsteigerung reduziert.

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Neue Werkzeuge für die Forschung

Die Identifizierung dieser Netzwerke wird durch technologische Fortschritte möglich. Indische Wissenschaftler erstellten in 18-monatiger Arbeit einen digitalen Atlas des Hirnstamms. Er kombiniert MRT-Daten mit Mikroanatomie und soll die Erforschung von Parkinson oder Alzheimer erleichtern.

Parallel dazu verbessern KI-gestützte Verfahren die Analyse von Kommunikation. Forscher der Vetmeduni Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften entwickelten Methoden zur automatischen Erkennung von Ultraschallvokalisationen bei Mäusen.

Und in der klinischen Forschung zeichnen sich neue Wege ab: Vorläufige Ergebnisse der Universität Amsterdam deuten bei schwer an ME/CFS erkrankten Patienten auf einen Zusammenbruch der zentralen Stress- und Energieregulation im Hypothalamus hin. Solche Erkenntnisse könnten künftig helfen, kognitive Beeinträchtigungen bei chronischen Erkrankungen besser zu verstehen.

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