Sturzrisiko ab 80: Deutsche Studie zeigt Zusammenhang mit Medikamenten
Veröffentlicht am: 05.10.2026 um 18:18 Uhr | Redaktion boerse-global.de
In Deutschland stĂŒrzt fast jeder zweite Mensch ab 80 Jahren mindestens einmal im Jahr. Dies geht aus der 2026 im Bundesgesundheitsblatt veröffentlichten LĂ€ngsschnittstudie âGesundheit 65+â hervor.
FĂŒr die Untersuchung wurden zwischen Juni 2021 und April 2023 insgesamt 3.694 Ă€ltere Menschen mehrfach ĂŒber den Zeitraum eines Jahres befragt, darunter 1.742 Personen, die mindestens 80 Jahre alt waren.
Die Ergebnisse verdeutlichen einen engen Zusammenhang zwischen dem Konsum bestimmter Arzneimittel und der Sturzgefahr: Eine hÀufige Verordnung von sturzrisikosteigernden Medikamenten (FRID) war laut der Erhebung sowohl mit einem erhöhten Sturzrisiko als auch mit einer ausgeprÀgteren krankheitsbedingten Gebrechlichkeit assoziiert.
Risikofaktor Arzneimitteltherapie
Die Problematik sturzfördernder Medikamente reiht sich in internationale Erkenntnisse zur sogenannten Polypharmazie bei Àlteren Menschen ein. Nach Angaben der John A. Hartford Foundation nehmen Àltere Erwachsene im Schnitt vier Medikamente pro Tag ein, wÀhrend mehr als 15 Prozent tÀglich mindestens acht PrÀparate anwenden.
Zudem greifen fast 12 Prozent der Personen ab 65 Jahren regelmĂ€Ăig zu rezeptfreien oder verschreibungspflichtigen Schlafmitteln. Eine im Jahr 2025 in der Fachzeitschrift The Lancet Regional HealthâAmericas veröffentlichte Modellrechnung schĂ€tzte, dass ein Absetzen dieser Schlafmittel das lebenslange Sturzrisiko um 8,5 Prozent und kognitive BeeintrĂ€chtigungen um etwa 2 Prozent verringern könnte.
Gleichzeitig steigt die Gefahr unerwĂŒnschter Wechselwirkungen mit der Anzahl der PrĂ€parate rasant an. Der Geriater K. Eric De Jonge wies gegenĂŒber KFF Health News darauf hin, dass bei der gleichzeitigen Verordnung von sechs oder sieben verschreibungspflichtigen Medikamenten eine nahezu 100-prozentige Wahrscheinlichkeit fĂŒr das Auftreten einer Nebenwirkung oder UnvertrĂ€glichkeit bestehe.
UnerwĂŒnschte Arzneimittelereignisse fĂŒhren nach Angaben der John A. Hartford Foundation jĂ€hrlich zu mehr als 600.000 Notaufnahmebesuchen von Menschen ab 65 Jahren. Zudem zeigte eine 2026 in JAMA Internal Medicine veröffentlichte Untersuchung, dass einer von 15 Ă€lteren Patienten nach der Entlassung aus der Notaufnahme ein unangemessenes Medikament erhĂ€lt.
Anticholinerge Belastung und internationale Verbreitung
Eine im Fachjournal Scientific Reports publizierte Studie untersuchte 6.550 Menschen ab 65 Jahren, die tÀglich mindestens zehn Arzneimittel einnahmen. Davon verwendeten 83,3 Prozent mindestens ein PrÀparat mit anticholinerger Wirkung.
Je nach eingesetztem Messinstrument wiesen 50,2 Prozent (nach dem DBI-Score), 24,8 Prozent (nach ACB) oder 27,2 Prozent (nach Duran) eine hohe anticholinerge Belastung auf. Die Untersuchung verglich die methodischen Erfassungsinstrumente, erfasste jedoch keine spĂ€teren Ereignisse wie Demenz, StĂŒrze oder Krankenhausaufenthalte.
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International stellt die Mehrfachmedikation eine erhebliche Belastung fĂŒr die Gesundheitssysteme dar. Nach Erhebungen des Mediziners EgĂdio Dorea nehmen weltweit rund 39 bis 45 Prozent der Ă€lteren Menschen mindestens fĂŒnf Medikamente ein. In Brasilien schwankt dieser Anteil je nach untersuchter Gruppe zwischen 18 und 57 Prozent, mit höheren Raten bei Frauen, Personen ĂŒber 75 Jahren sowie Menschen mit mehreren Vorerkrankungen.
Laut einem Bericht der Sunday Times werden in England tĂ€glich schĂ€tzungsweise rund 1.000 Ă€ltere Menschen wegen unerwĂŒnschter Reaktionen stationĂ€r aufgenommen; fast acht Millionen BĂŒrger nehmen dort mindestens fĂŒnf, mehr als zwei Millionen mindestens zehn Medikamente ein.
Nach Richtlinien des National Health Service (NHS) gelten rund 10 Prozent der Verschreibungen in der PrimĂ€rversorgung als unangemessen. In einer Studie mit ĂŒber 1.000 Krankenhausaufnahmen entfielen 16,5 Prozent auf unerwĂŒnschte Arzneimittelwirkungen, von denen rund 40 Prozent als vermeidbar oder potenziell vermeidbar eingestuft wurden.
Handlungsbedarf und strukturierte Reduktion
ZusĂ€tzliche Risiken entstehen durch Langzeittherapien und Schmerzmittel. So stieg die Zahl der Verschreibungen von Protonenpumpenhemmern (PPI) gegen Refluxerkrankungen in den USA laut der John A. Hartford Foundation zwischen 1999 und 2018 um mehr als das Doppelte, insbesondere bei Menschen ab 55 Jahren â obwohl Fachgesellschaften Ă€lteren Erwachsenen eine Anwendungsdauer von maximal acht Wochen empfehlen.
Zudem belegte eine Untersuchung aus dem Jahr 2024, dass fast 30 Prozent der Ă€lteren Menschen mit Arthritis tĂ€glich Schmerzmittel konsumieren. Auch ĂŒbermĂ€Ăige Anwendungen von Mitteln wie Aspirin und Benzodiazepinen wurden Ende September 2026 von der Journalistin Paula Span thematisiert.
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Vor diesem Hintergrund gewinnen Strategien zum kontrollierten Absetzen (Deprescribing) an Bedeutung. In Italien, wo laut Fachberichten ein erheblicher Teil hochbetagter Patienten mehr als zehn oder teils ĂŒber zwanzig PrĂ€parate einnimmt, regelt eine 2023 publizierte Leitlinie die Optimierung der Polypharmazie.
Auf internationaler Ebene förderte die International Society for Pharmacoepidemiology entsprechende LeitfÀden wie REMROSE-D, die auf gemeinsame Àrztlich-patientenseitige Entscheidungen sowie schrittweises Ausschleichen und Dosisreduktionen setzen.
Fachleute raten Ă€lteren Patienten dringend davon ab, Arzneimittel eigenmĂ€chtig abzusetzen. Stattdessen wird eine mindestens jĂ€hrliche ĂberprĂŒfung des gesamten Medikationsplans einschlieĂlich rezeptfreier PrĂ€parate und NahrungsergĂ€nzungsmittel durch medizinisches oder pharmazeutisches Fachpersonal empfohlen â insbesondere dann, wenn neue Symptome wie SchlĂ€frigkeit, Verwirrtheit oder Gangunsicherheiten auftreten.
