Wearables im Training: Warum das Körpergefühl wichtiger bleibt als Messwerte
Veröffentlicht am: 02.11.2026 um 08:09 Uhr | Redaktion boerse-global.deDie kontinuierliche Aufzeichnung von Trainingswerten, Herzraten und Schlafdaten über Wearables hat den Breitensport verändert. Doch die Annahme, automatisierte Signale könnten ein bewusstes Bewegungsverhalten ersetzen, greift zu kurz.
Wie Prof. Dr. Billy Sperlich vom Institut für Sportwissenschaften der Universität Würzburg in einem Interview mit dem TOUR-Magazin vom 1. November 2026 betonte, stellen digitale Hinweise keinen Ersatz für ein geschultes Körpergefühl dar.
Zwar liefere Künstliche Intelligenz brauchbare Standardantworten, ein echtes individualisiertes Training könne sie bislang jedoch nicht bieten. Gerade im Leistungssport tue sich die Technologie noch schwer.
Intransparente Metriken und algorithmische Grenzen
Zwar seien gezielte Datenanalysen, etwa zur Ermittlung des Erholungsbedarfs, durchaus möglich, hob Sperlich hervor. Die letzte Entscheidung müsse jedoch stets der mündige Sportler selbst treffen.
Der Sportwissenschaftler kritisierte zudem undurchsichtige Kennzahlen wie die von Garmin oder Polar genutzte „Body Battery“, hinter der vermutlich die Herzratenvariabilität stehe, als Fantasie-Metriken. Den zugrundeliegenden Modellen fehle die Nachvollziehbarkeit, da es sich um geschlossene Systeme handle und Ansätze erklärbarer Künstlicher Intelligenz ausblieben.
Darüber hinaus warnte Sperlich davor, wissenschaftliche Erkenntnisse unkritisch zu übertragen. Viele Trainingsstudien, insbesondere aus Norwegen im Skilanglauf, ließen sich nicht ohne Weiteres auf Sportarten wie Radsport oder Laufen anwenden. Chancen sieht der Forscher hingegen bei wissenschaftlichen KI-Metaanalysen. Für die Praxis laute seine Empfehlung: Regelmäßigkeit vor Zonendenken.
In einem weiteren Gespräch mit der Mainpost vom 2. November 2026 mahnte Sperlich davor, sich von den Signalen der Fitness-Uhren abhängig zu machen. Mit Blick auf den Longevity-Trend wies er darauf hin, dass die Muskelmasse bei Männern und Frauen um rund 0,5 bis 1 Prozent pro Lebensjahr abnehme. Gezieltes Krafttraining sei deshalb eine zentrale Säule für Sturzprävention und den Erhalt der Selbstständigkeit.
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Subjektives Empfinden versus gemessene Bereitschaft
Die Skepsis gegenüber einer rein datengesteuerten Trainingssteuerung teilen auch aktive Athletinnen. Marathonläuferin Laura Hottenrott, die eine Bestzeit von 2:24:32 Stunden hält und in der Spitze zwischen 180 und 200 Wochenkilometer absolviert, erklärte in einem Bericht der WELT vom 2. November 2026, dass Sportuhren zwar das Körpergefühl unterstützen können, das subjektive Empfinden jedoch stets über den Daten stehen müsse. Ein starres Befolgen von Plänen ohne Rücksicht auf die eigene Wahrnehmung erhöhe das Risiko von Verletzungen und Übertraining.
Die psychologischen Fallstricke automatisierter Auswertungen zeigen sich auch im Alltag: Triathletin Ankita Konwar berichtete Ende Oktober 2026 über ein Video, dass sie nach einjähriger Nutzung eines Erholungs- und Schlaftrackers begonnen habe, ihr eigenes Urteil anzuzweifeln.
Trotz eines energiereichen Gefühls am Morgen habe ein niedriger Erholungswert von beispielsweise 60 Prozent zu mentaler Entmutigung und verschobenen Trainingseinheiten geführt.
Medizinerinnen wie Dr. Sachi Pandya vom Narayana Health SRCC Children's Hospital und Dr. Manjusha Agarwal vom Gleneagles Hospital in Mumbai ordneten das Phänomen Ende Oktober 2026 ein: Zahlen wirkten objektiv und verdrängten mitunter das echte Körperempfinden.
Da Tracker lediglich Schätzungen und kein vollständiges Gesundheitsbild lieferten, raten Fachleute dazu, zunächst einen bewussten Selbstcheck vorzunehmen und Daten nur als Kontext heranzuziehen. Auch das Setzen von Kontrollgrenzen und das Absolvieren von Einheiten ohne Messung seien hilfreich, um Technik als Orientierung statt als starres Regelwerk zu nutzen.
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Technische Einschränkungen der Sensorik
Auch aus medizinisch-technischer Sicht mahnen Experten zur Vorsicht. José Ramón Eguibar Cuenca, Mediziner und Neurobiologe an der BUAP, verwies am 31. Oktober 2026 darauf, dass Smartwatches, Ringe und Armbänder Parameter wie Herzfrequenz, Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Glukose und Schlaf-Wach-Rhythmen per Photoplethysmografie erfassen. Die ausgegebenen Werte stellten lediglich Trends dar, keine klinischen Messungen.
Die Genauigkeit hänge stark von Faktoren wie Sensorbeschaffenheit, Messort, Hautkontakt, Bewegung und Algorithmen ab; insbesondere beim Radfahren oder Krafttraining sei die Messung erschwert. Wearables eigneten sich als Beobachtungsinstrument, ersetzten jedoch keine ärztliche Diagnostik.
Bei Symptomen wie Schwindel, Brustschmerzen, Ohnmacht oder anhaltendem Herzrasen sei professionelle Hilfe erforderlich, da unauffällige Werte einer Uhr zugrundeliegende Probleme keineswegs ausschließen. Zudem könne ein Schlaftracking keine Polysomnografie ersetzen.
Druck durch Schlafüberwachung
Eine übermäßige Fixierung auf Vitaldaten kann die Gesundheit sogar belasten. Beim Silbersalz-Festival in Halle erklärte die Basler Schlafforscherin Dr. Christine Blume am 31. Oktober 2026, dass ständige Kontrolle psychischen Druck erzeuge. Sobald der Schlaf zu viel Aufmerksamkeit erhalte, verschlechtere er sich tendenziell. Überdies seien Schlaf- und Altersmessungen von Smartwatches oft ungenau.
Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag des AOK-Bundesverbands leidet die Hälfte der Menschen in Deutschland unter Schlafproblemen, die meist auf Alltagsstress zurückzuführen sind. Blume riet dazu, anstelle einer starren Acht-Stunden-Regel den eigenen Chronotypen zu berücksichtigen, für den der bereits fast 50 Jahre alte „Morningness-Eveningness Questionnaire“ existiere.
Ein regelmäßiger Rhythmus mit einer Varianz von höchstens 30 Minuten und Bewegung bei Tageslicht seien ausreichend. Bei chronischer Schlaflosigkeit helfe eine kognitive Verhaltenstherapie, nicht aber Gadgets oder Medikamente.
In der Praxis führt die digitale Selbstvermessung, die im Trend des sogenannten „Sleepmaxxing“ sichtbar wird, mitunter zu neuer Verunsicherung. Fachleute beschreiben die übermäßige Fixierung auf Schlafdaten mit dem Begriff der Orthosomnie. Bereits die bloße Suggestion einer angeblich schlechten Nacht kann das spätere Müdigkeitsempfinden und die Stimmung messbar beeinträchtigen.
Trainerinnen wie Sarah Campus sprechen zudem von einer „Tracker-Paralyse“, wenn Bereitschaftswerte von Geräten wie dem Oura Ring oder Whoop eigene Entscheidungen verdrängen. Für Breitensportler bleibt damit die Erkenntnis, dass Wearables zwar Orientierung bieten, die eigene Körperwahrnehmung jedoch nicht ersetzen können.
