Studie: MÀnner erhalten hÀufiger Schmerzmittel als Frauen
06.08.2024 - 05:00:39Frauen erhalten nach dem Aufsuchen der Notaufnahme seltener ein Rezept fĂŒr Schmerzmittel als MĂ€nner - zumindest legt das eine Studie mit Daten aus den USA und Israel nahe. FĂŒr den geschlechtsspezifischen Unterschied spielt es demnach auch keine Rolle, ob die Behandlung durch einen Arzt oder eine Ărztin durchgefĂŒhrt wird. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin «PNAS» veröffentlicht.
«Diese Unterbehandlung der Schmerzen weiblicher Patienten könnte schwerwiegende Folgen fĂŒr die Gesundheit der Frauen haben und möglicherweise zu lĂ€ngeren Genesungszeiten, zu Komplikationen oder chronischen SchmerzzustĂ€nden fĂŒhren», erklĂ€rt Shoham Choshen-Hillel. Die Professorin der Hebrew University of Jerusalem (Israel) leitete die Studie, fĂŒr die mehr als 20.000 elektronische Patientenakten aus Israel und den USA ausgewertet wurden.Â
Ob man die Erkenntnisse auf Deutschland ĂŒbertragen könne, lasse sich wissenschaftlich nicht beantworten, sagt Felix Walcher, PrĂ€sident der Deutschen InterdisziplinĂ€ren Vereinigung fĂŒr Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). «Zur Medikamentengabe in Notaufnahmen - gar zu einer geschlechterspezifischen Medikation - erheben wir in Deutschland bislang keine Daten.»
Annahme: Frauen ĂŒbertreiben
Choshen-Hillel und Kollegen vermuten hinter den Ergebnissen ihrer Studie eine geschlechtsspezifische Verzerrung: «Es wird angenommen, dass Frauen ihre Schmerzen im Vergleich zu MĂ€nnern ĂŒbertrieben beschreiben», fĂŒhren sie aus. Dieses Vorurteil sei unter MĂ€nnern wie Frauen im medizinischen Dienst weit verbreitet.Â
Ein weiterer Grund könnte den Forschern zufolge sein, dass MĂ€nner öfter nach Schmerzmitteln fragen als Frauen. Die Forschergruppe fordert Schulungen fĂŒr Klinikpersonal, um einer Unterversorgung von Frauen mit Schmerzmitteln entgegenzuwirken.
Unterschiede - egal, wie stark die Schmerzen waren
Aus den israelischen Daten ergab sich, dass 38 Prozent der Frauen, die mit Schmerzen in die Notaufnahme kamen, eine Verschreibung fĂŒr ein schmerzstillendes Medikament erhielten. Bei MĂ€nnern waren es bedeutend mehr, nĂ€mlich 47 Prozent. Die geschlechtsspezifischen Unterschiede zeigten sich mit leichten Variationen bei leichten, mittelstarken und starken Schmerzen, die von den Patientinnen und Patienten angegeben wurden. Alle Altersklassen waren in Ă€hnlicher Weise von diesem Unterschied betroffen.Â
Auch mussten Frauen durchschnittlich 30 Minuten lĂ€nger in der Notaufnahme auf eine Behandlung warten als MĂ€nner. Hinzu kommt: «Wir haben festgestellt, dass Krankenschwestern Schmerzwerte fĂŒr Frauen seltener erfassen als fĂŒr MĂ€nner», schreiben die Studienautoren und -autorinnen. Die StĂ€rke von Schmerzen wird zum Beispiel auf einer Skala von 1 bis 10 angegeben.
Obwohl medizinische Richtlinien vorsehen, dass alle Patientinnen und Patienten mit starken Schmerzen ein Schmerzmittel erhalten sollen, war dies laut den Akten aus Israel nur bei 50 Prozent der Patientinnen und 59 Prozent der Patienten der Fall. Die Analyse der amerikanischen Daten bestÀtigte alle diese Trends, wenn auch mit leicht unterschiedlichen Prozentwerten.
Experiment bestÀtigt Krankenhaus-Daten
Die Forschenden luden Ărzteschaft und Pflegepersonal des University of Missouri Health Care Hospitals zu einem Experiment ein. Es beteiligten sich 109 Personen, davon 96 Prozent Pflegepersonal und 85 Prozent Frauen. Sie erhielten entweder die Beschreibung eines Patienten mit starken RĂŒckenschmerzen oder die einer Patientin mit starken RĂŒckenschmerzen - die sich bis auf das Geschlecht nicht unterschied.Â
Von dem teilnehmenden Gesundheitspersonal wurde die SchmerzintensitĂ€t von Patientinnen niedriger eingestuft als die von Patienten. «Die Ergebnisse der klinischen Szenariostudie legen nahe, dass Gesundheitsdienstleister die Schmerzberichte von Frauen im Vergleich zu denen von MĂ€nnern unterschĂ€tzen», heiĂt es im Fachartikel.
Infos aus Deutschland ĂŒber Notaufnahmeregister möglich
Walcher, der auch Direktor der Klinik fĂŒr Unfallchirurgie des UniversitĂ€tsklinikums Magdeburg ist, befĂŒrwortet Untersuchungen wie die zur Schmerzmittelgabe auch in Deutschland. Die medizinische Versorgung in verschiedenen LĂ€ndern unterscheide sich fundamental. «Entsprechend sollte man hier wirklich die Fakten sprechen lassen - und die Studie zum Anlass nehmen, in Deutschland genauer hinzuschauen.» Ăber das sogenannte AKTIN-Notaufnahmeregister wĂ€re es möglich, erste anonymisierte Informationen in einigen Monaten zu erhalten.





