Zirkadiane, Depression

Zirkadiane Depression: Sechs Kriterien sollen den Subtyp erkennbar machen

Veröffentlicht am: 28.10.2026 um 09:00 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Eine australische Untersuchung verknüpft Schlafrhythmus-Merkmale mit früherem Erkrankungsbeginn und stärkerer Symptomlast; die Eigenständigkeit bleibt umstritten.
Ein minimalistisch eingerichtetes Schlafzimmer in den frühen Morgenstunden mit sanftem, durch Vorhänge fallendem Licht. Illustration mit AI erstellt.

Depressive Erkrankungen treten in vielfältigen Ausprägungen auf, doch wiederkehrende Schlaf- und Rhythmusstörungen werfen in der Forschung neue Fragen auf.

Eine am 20. Oktober 2026 im British Journal of Psychiatry veröffentlichte Untersuchung schlägt nun die Definition eines spezifischen Subtyps vor: die sogenannte zirkadiane Depression. Ein Forscherteam um Emiliana Tonini und Ian B. Hickie vom Brain and Mind Centre der University of Sydney analysierte dafür Daten der Australian Genetics of Depression Study.

Von den 11.380 Teilnehmenden erfüllten 2.604 Personen – rund 23 Prozent – mindestens drei von sechs definierten Kriterien. Zu diesen Merkmalen zählen ein ausgeprägter Nachteulen-Chronotyp, ein späterer Einschlafzeitpunkt, stark ausgeprägte Morgenmüdigkeit, verlängerte Schlafzeiten in depressiven Phasen, saisonale Schwankungen sowie sozialer Jetlag.

Schwerere Verläufe und verändertes Ansprechen auf Medikamente

Nach Angaben des Studienteams zeigte die Gruppe mit zirkadianen Merkmalen im Durchschnitt deutlich schwerere Krankheitsverläufe. Die Betroffenen berichteten über häufigere Suizidgedanken sowie über hypomane und psychoseähnliche Erfahrungen.

Zudem setzte die Erkrankung bei ihnen früher ein: Das durchschnittliche Erkrankungsalter lag bei 18 Jahren, verglichen mit 23 Jahren bei Teilnehmern mit nicht-zirkadianer Depression. Zudem waren 80 Prozent der Gruppe mit dem zirkadianen Subtyp Frauen und 20 Prozent Männer. Rund 41 Prozent der Betroffenen gaben eine Gewichtszunahme während depressiver Episoden an.

Auffälligkeiten zeigten sich auch bei der bisherigen Medikation: Die Betroffenen berichteten häufiger von einer geringeren Wirksamkeit und mehr Nebenwirkungen bei Standardantidepressiva wie SSRI oder SNRI.

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Eine kontrollierte Prüfung alternativer Behandlungsansätze wie Lichttherapie, Melatonin oder Melatonin-Rezeptor-Antidepressiva fand im Rahmen der Erhebung allerdings nicht statt. Genetische Analysen deuteten auf Zusammenhänge mit einem späteren Schlafzeitpunkt, der Insulinempfindlichkeit und bestimmten Entzündungsproteinen hin.

Ebenso zeigte sich ein höheres genetisches Risiko für ADHS, Angststörungen, bipolare Störungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Das Studienteam betonte jedoch, dass es sich dabei lediglich um vererbte Tendenzen und nicht um klinische Krankheitsnachweise handele.

Emiliana Tonini von der University of Sydney erklärte, dass Betroffene bei der Suche nach einer passenden Behandlung häufig nicht direkt beim ersten Versuch erfolgreich seien. Ian B. Hickie ergänzte, dass Patienten mit dieser Symptomatik oft vorschnell als therapieresistent eingestuft würden.

Zudem könne die moderne Lebensweise mit allgegenwärtigem Kunstlicht die empfindliche innere Uhr destabilisieren. Der Forscher Jacob Crouse merkte an, dass Verfahren wie Lichttherapie und Melatoningaben künftig relevanter werden und früher im Behandlungsverlauf zum Einsatz kommen könnten.

Fachliche Einordnung und methodische Grenzen

In der Fachwelt stößt der Vorstoß auf geteilte Meinungen. Philip Mitchell von der University of New South Wales wies auf deutliche Überschneidungen mit dem bekannten Bild der atypischen Depression hin. Es bleibe unklar, ob es sich tatsächlich um eine eigenständige Krankheitsform handele.

Mitchell verwies zudem auf methodische Einschränkungen: Die Studie basiere auf Selbstauskünften, enthalte keine physiologischen Messungen der inneren Uhr und stütze sich überwiegend auf schwer erkrankte Teilnehmende europäischer Abstammung. Die ermittelte Quote von 23 Prozent lasse sich daher nicht verallgemeinern.

David Curtis vom University College London betonte, dass das bloße Zusammenstellen bestimmter Symptome noch keinen eigenständigen biologischen Subtyp belege. Ronan Lordan vom Royal College of Surgeons in Ireland stufte die Befunde als interessante Hinweise ein, forderte jedoch Replikationen in diverseren Bevölkerungsgruppen.

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Nina Kraguljac von der Ohio State University gab zu bedenken, dass die Diagnose keineswegs gesichert sei und Schlafprobleme auch eine bloße Begleiterscheinung darstellen könnten. Das australische Studienteam plant als nächste Schritte Untersuchungen in breiter gefächerten Populationen sowie eine klinische Studie zu synthetischem Melatonin. In einer früheren Arbeit hatte bereits der Wirkstoff Agomelatin Verbesserungen bei Schlaf und depressiven Beschwerden gezeigt.

Lichttherapie und Verhaltensmaßnahmen im klinischen Alltag

Die Rolle des Lichts bei der Regulierung depressiver Verstimmungen stützen auch frühere Untersuchungen: Ein systematischer Review zur Lichttherapie, der elf Studien mit insgesamt 858 Personen mit nicht-saisonaler Depression umfasste, ermittelte unter hellem Licht eine Remissionsquote von etwa 41 Prozent, während sie unter schwachem Licht oder ohne Intervention bei 24 Prozent lag.

Für den Umgang mit saisonalen Stimmungstiefs empfehlen Fachleute aus der klinischen Praxis, wie Elisabeth Rauh von der Schön Klinik Bad Staffelstein, die persönlichen Erwartungen an die dunklere Jahreszeit zu überprüfen und aktiv gegenzusteuern.

Vorbeugend seien eine feste Tagesstruktur, frühzeitiger Kontakt mit natürlichem Tageslicht, Bewegung im Freien, regelmäßige Mahlzeiten und Schlafzeiten sowie soziale Kontakte hilfreich.

Zur Intervention eignen sich Tageslichtlampen mit rund 10.000 Lux, die morgens etwa eine halbe Stunde genutzt werden sollten. Während der vorbeugende Nutzen solcher Lampen nur schwach belegt ist, gilt der therapeutische Effekt bei bestehenden Beschwerden als gut dokumentiert.

Halten Symptome wie anhaltend gedrückte Stimmung, Erschöpfung, Heißhunger und Konzentrationsprobleme länger als 14 Tage ohne Besserung an, raten Experten zu einer ärztlichen Abklärung. Bei einer manifesten saisonalen Depression gelte Psychotherapie weiterhin als Mittel der Wahl.

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