Zirkadiane, Depression

Zirkadiane Depression: Studie findet das Profil bei 23 Prozent der Patienten

Veröffentlicht am: 24.10.2026 um 17:48 Uhr | Redaktion boerse-global.de
Bei 23 Prozent der untersuchten Patienten fanden sich zirkadiane Merkmale; die klinische Einordnung bleibt jedoch umstritten.
Ein minimalistisch eingerichtetes Schlafzimmer im sanften Licht der Morgendämmerung mit Fokus auf Texturen und Lichtstimmung. Illustration mit AI erstellt.

In der Depressionsforschung zeichnet sich eine differenziertere Betrachtung des Krankheitsbildes ab. Eine im Oktober 2026 im British Journal of Psychiatry (DOI: 10.1192/bjp.2026.10798) veröffentlichte Untersuchung des Brain and Mind Centre der University of Sydney beschreibt mit der sogenannten zirkadianen Depression einen eigenständigen Subtyp.

Diese Form steht in engem Zusammenhang mit Störungen des biologischen Tag-Nacht-Rhythmus und könnte neue Wege für personalisierte Behandlungsstrategien eröffnen.

Merkmale und Kriterien des zirkadianen Profils

Für die Untersuchung analysierte das Forschungsteam der University of Sydney klinische und genetische Daten von 11.380 australischen Patienten im Alter von 18 bis 90 Jahren aus der Australian Genetics of Depression Study, die an schweren, wiederkehrenden oder anhaltenden Depressionen litten. Dabei erfüllten 2.604 Teilnehmende – dies entspricht einem Anteil von 23 Prozent beziehungsweise rund einem Viertel der Kohorte – mindestens drei von sechs definierten Kriterien für die zirkadiane Depression.

Zu diesen Kriterien zählen saisonale Symptomschwankungen, ein verzögerter Schlafmittelpunkt sowie ein ausgeprägter Social Jetlag, bei dem sich der Schlafmittelpunkt zwischen Arbeits- und freien Tagen um mehrere Stunden verschiebt. Hinzu kommen eine Zuordnung zum Abendchronotyp („Eule“), ein stark erhöhtes Schlafbedürfnis und ausgeprägte Morgenmüdigkeit.

Innerhalb dieses Subtyps schliefen 84 Prozent der Betroffenen während depressiver Phasen übermäßig viel, 83 Prozent litten unter morgendlicher Erschöpfung und 68 Prozent bevorzugten die Abendstunden.

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Den Ergebnissen zufolge sind überwiegend Frauen von dieser Verlaufsform betroffen. Zudem wiesen die Patienten ein früheres Ersterkrankungsalter auf, zeigten im Durchschnitt schwerere Symptome – darunter Manie, Psychosen und Suizidalität – und neigten zu einer Gewichtszunahme.

Therapeutische Optionen und genetische Korrelationen

Genetische Auswertungen der University of Sydney verdeutlichten statistische Zusammenhänge mit einem erhöhten Risiko für entzündliche und kardiovaskuläre Erkrankungen, das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) sowie Insulinresistenz, wenngleich damit kein kausaler Nachweis erbracht ist.

Hinsichtlich der Medikation wiesen die Betroffenen laut Selbstauskunft eine geringere Wirksamkeit gängiger Antidepressiva aus den Klassen der SSRI und SNRI auf und berichteten häufiger über Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Übelkeit, Angstzustände und Gewichtszunahme.

Vor diesem Hintergrund rücken spezifische zirkadiane Interventionen in den Fokus, darunter morgendliche Lichttherapie, Melatonin, melatonin-zielgerichtete Antidepressiva sowie gezielte Schlafregulierung und Verhaltensanpassungen.

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Ian Hickie von der University of Sydney wies darauf hin, dass mindestens einem Viertel der jungen Betroffenen wirksamere, zirkadian orientierte Optionen wie die kognitive Verhaltenstherapie zur Verfügung stünden, anstatt primär auf SSRI zu setzen.

Jacob Crouse, ebenfalls von der University of Sydney, betonte, dass Verfahren wie Lichttherapie oder Melatonin früher in Betracht gezogen werden sollten, dies jedoch ausschließlich unter ärztlicher Aufsicht geschehen dürfe.

Fachliche Einordnung und Limitationen

In der Fachwelt stößt die Arbeit auf geteilte Reaktionen. Emiliana Tonini von der University of Sydney hob hervor, dass Depression kein homogenes Störungsbild darstelle und die zirkadiane Form fast ein Viertel der Diagnosen ausmache. Auch Colleen Loo von der University of New South Wales in Sydney bewertete die Ergebnisse als wichtigen Fortschritt.

Gleichzeitig verweisen Experten auf Einschränkungen der Datenlage. Die Erhebung stützte sich auf Selbstauskünfte der Probanden und beinhaltete keine physiologischen Messungen des biologischen Rhythmus.

Philip Mitchell von der University of New South Wales gab zu bedenken, dass die Einstufung als eigenständiger Subtyp klinisch noch nicht ausreichend abgesichert sei und weitere internationale Studien erforderlich mache. David Curtis vom University College London äußerte grundsätzliche Zweifel an der Abgrenzung eines neuen Subtyps sowie an der Verwendung des Begriffs „zirkadian“.

Zudem betonten die Autoren der University of Sydney, dass die Quote von 23 Prozent ausschließlich für das untersuchte Kollektiv schwerer und wiederkehrender Verläufe gelte und nicht repräsentativ für alle Depressionspatienten sei. Eine klinische Studie zu Melatonin ist bereits in Vorbereitung, um die Grundlagen für eine mögliche offizielle Anerkennung weiter zu prüfen.

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