Sanktionen, Russland

EU-RatsprÀsident verÀrgert Merz mit Russland-Initiative

19.06.2026 - 04:26:04 | dpa.de

Alle reden darĂŒber, wie man Putin an den Verhandlungstisch bringen kann. Der EU-RatsprĂ€sident denkt sich: Einfach mal machen. Sein Alleingang wird aber hart ausgebremst.

  • EU-RatsprĂ€sident sorgt mit seiner Russland-Initiative fĂŒr das GesprĂ€chsthema Nummer eins beim Gipfel. - Bild: Michael Kappeler/dpa
    EU-RatsprĂ€sident sorgt mit seiner Russland-Initiative fĂŒr das GesprĂ€chsthema Nummer eins beim Gipfel. - Bild: Michael Kappeler/dpa
  • Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin (Mitte rechts) und sein Außenminister Sergej Lawrow haben bislang keine echte Verhandlungsbereitschaft erkennen lassen. Können neue Sanktionen etwas daran Ă€ndern? (Archivbild) - Bild: Pool/Sputnik/AP/Pool Sputnik Kremlin/dpa
    Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin (Mitte rechts) und sein Außenminister Sergej Lawrow haben bislang keine echte Verhandlungsbereitschaft erkennen lassen. Können neue Sanktionen etwas daran Ă€ndern? (Archivbild) - Bild: Pool/Sputnik/AP/Pool Sputnik Kremlin/dpa
  • Der Kanzler will bei den diplomatischen BemĂŒhungen der EuropĂ€er voranmarschieren. - Bild: Benoit Doppagne/belga/dpa
    Der Kanzler will bei den diplomatischen BemĂŒhungen der EuropĂ€er voranmarschieren. - Bild: Benoit Doppagne/belga/dpa
EU-RatsprĂ€sident sorgt mit seiner Russland-Initiative fĂŒr das GesprĂ€chsthema Nummer eins beim Gipfel. - Bild: Michael Kappeler/dpa Russlands PrĂ€sident Wladimir Putin (Mitte rechts) und sein Außenminister Sergej Lawrow haben bislang keine echte Verhandlungsbereitschaft erkennen lassen. Können neue Sanktionen etwas daran Ă€ndern? (Archivbild) - Bild: Pool/Sputnik/AP/Pool Sputnik Kremlin/dpa Der Kanzler will bei den diplomatischen BemĂŒhungen der EuropĂ€er voranmarschieren. - Bild: Benoit Doppagne/belga/dpa

EU-RatsprĂ€sident AntĂłnio Costa sorgt mit einer unabgesprochenen Kontaktaufnahme zu Russland fĂŒr VerĂ€rgerung. Beim EU-Gipfel in BrĂŒssel war nach den Beratungen zum Ukraine-Krieg in deutschen Regierungskreisen von einem «Affront» die Rede. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) habe in der Sitzung klargestellt, dass Costa der ReprĂ€sentant der EuropĂ€ischen Union sei, aber nicht der Vermittler, hieß es. Andere Staats- und Regierungschefs Ă€ußerten nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur ebenfalls Unmut, darunter auch Frankreichs PrĂ€sident Emmanuel Macron.

Russland-Sanktionen erstmals fĂŒr ganzes Jahr beschlossen

Der Ärger ĂŒberschattet einen Gipfel-Beschluss, der als Signal der Entschlossenheit an Moskau gedacht war. Die Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten verstĂ€ndigten sich erstmals darauf, die EU-Wirtschaftssanktionen gegen Russland nicht nur um sechs, sondern um zwölf Monate zu verlĂ€ngern. In den vergangenen Jahren hatte stets der damalige ungarische Regierungschef Viktor OrbĂĄn eine einjĂ€hrige VerlĂ€ngerung blockiert. 

Zwei Telefonate von Costas Kabinettschef mit Moskau

GesprĂ€chsthema Nummer eins beim Gipfel war aber die Russland-Initiative des EU-RatsprĂ€sidenten, die vor dem Gipfel durch einen «Politico»-Bericht bekannt wurde. Sein BĂŒro bestĂ€tigte anschließend, dass es Kontakte mit Russland gab, um diplomatische KanĂ€le zu öffnen - ohne inhaltlichen Austausch und ohne Verhandlungen. Nach dpa-Informationen ging es um zwei Telefonate von Costas Kabinettschef Pedro Lourtie. 

Der EU-RatsprĂ€sident verteidigte die Kontaktaufnahme beim Gipfel. «Das Ziel war es, bereit zu sein, wenn der richtige Moment gekommen ist, um die Interessen der EU zu verteidigen», argumentierte er nach Angaben einer EU-Beamtin. Sie ergĂ€nzte, eine Reihe von Staats- und Regierungschefs habe in der Diskussion darauf hingewiesen, dass der PrĂ€sident «gemĂ€ĂŸ den VertrĂ€gen der natĂŒrliche Vertreter der Interessen der EU ist».

«Unabgestimmt» und «unprofessionell»

In den deutschen Regierungskreisen wurde der Vorstoß dagegen als «unabgestimmt» und «unprofessionell» beschrieben. Die Staats- und Regierungschefs seien erst nachtrĂ€glich darĂŒber informiert worden. Die diplomatischen BemĂŒhungen um ein Ende des Krieges in der Ukraine sollten weiterhin von den Staaten vorangetrieben werden, die die Ukraine am stĂ€rksten unterstĂŒtzten. Gemeint ist die sogenannte E3, der Deutschland, Frankreich und Großbritannien angehören.

Merz, der französische PrĂ€sident Macron und der britische Premierminister Keir Starmer hatten vor knapp zwei Wochen eine neue Initiative gestartet, um die stockenden diplomatischen BemĂŒhungen um ein Ende des Ukraine-Kriegs wieder in Gang zu bringen. Ziel ist es, den russischen PrĂ€sidenten Wladimir Putin wieder an den Verhandlungstisch zu bewegen.

Gipfel-Harmonie vom Genfersee schon wieder verflogen

Beim G7-Gipfel in Évian holten die EuropĂ€er - in Anwesenheit Costas - auch US-PrĂ€sident Donald Trump mit ins Boot und vereinbarten, den Druck auf Russland mit Sanktionen zu erhöhen, und die UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine aufrechtzuerhalten. Merz sprach am Genfersee noch von «einer wirklich großen transatlantischen und europĂ€ischen Einigkeit». In BrĂŒssel schien es damit schon wieder vorbei zu sein.

Selenskyj hĂ€lt sich zurĂŒck - Lawrow winkt ab

An den Beratungen nahm auch Selenskyj teil, der sich zu Costas Russland-Initiative aber zurĂŒckhielt. «Ich kenne nicht allzu viele Details darĂŒber», sagte er beim Verlassen des Gipfels. 

Und was sagt Moskau? Der russische Außenminister Sergej Lawrow sieht in der EuropĂ€ischen Union keinen geeigneten Verhandlungspartner. Europa sei an einer Niederlage Moskaus in dem Krieg interessiert, könne nicht als unparteiischer Beobachter betrachtet werden und schreibe Russland «aggressive PlĂ€ne» zu, schrieb er in einem im Internet veröffentlichten Beitrag. Das sei keine Grundlage fĂŒr umfassende GesprĂ€che. 

De Wever scherzt: «So schnell wie möglich nach Moskau»

Mit Humor nahm die ganze Debatte der belgische Premierminister Bart De Wever. Als der Belgier beim Verlassen des Gipfels mit Journalisten ĂŒber das Thema sprach, kam Costa vorbei. «Ich habe gerade von dir gesprochen, AntĂłnio! Nur Gutes!», rief er ihm nach. «Ich sagte, du seist der Einzige, der uns vertreten kann, und wir werden dich so schnell wie möglich nach Moskau schicken.» Costa fragte lachend zurĂŒck: «Weil du mich in BrĂŒssel nicht magst?» Eine Interpretation, die De Wever sofort verneinte.

EU plant neue Sanktionen

Die gemeinsame GipfelerklĂ€rung der 27 Staats- und Regierungschefs knĂŒpfte ungeachtet der Diskussion ĂŒber Costa an das an, was beim G7-Treffen vereinbart worden war. Die EuropĂ€ische Union bleibe entschlossen, «den Druck auf Russland weiter zu erhöhen und die russische Kriegswirtschaft weiter zu schwĂ€chen, damit Russland seinen brutalen Angriffskrieg beendet und ernsthafte Friedensverhandlungen aufnimmt». Dazu soll es demnach etwa weitere Schritte zur Verringerung der russischen Energieeinnahmen, zur EindĂ€mmung der AktivitĂ€ten der russischen Schattenflotte und zur Isolierung des russischen Bankensystems geben.

Zugleich fordern die Staats- und Regierungschefs Russland erneut zu einem Stopp aller Angriffe auf. Das Land mĂŒsse echten Friedenswillen zeigen, einer vollstĂ€ndigen, bedingungslosen und sofortigen Waffenruhe zuzustimmen und ernsthafte Verhandlungen aufnehmen.

Bulgarien blockiert

Zum ersten Mal seit Dezember 2024 stimmten alle 27 Mitgliedstaaten den ErklĂ€rungen zur Ukraine zu. Möglich wurde auch das durch die Abwahl Orbans. FĂŒr einen Wermutstropfen sorgt bei UnterstĂŒtzern der Ukraine allerdings, dass Bulgariens neuer Regierungschef Rumen Radew Teile des geplanten nĂ€chsten EU-Sanktionspakets ablehnt. 

Radew bestĂ€tigte beim Gipfel, dass er Sanktionen gegen den russisch-orthodoxen Patriarchen Kirill und auch einzelne wirtschaftliche Strafmaßnahmen verhindern will. Als ein Beispiel nannte er Sanktionen gegen den russischen Energieriesen Lukoil.

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