Korruptionsskandal in Ukraine: Minister mĂŒssen Posten rĂ€umen
12.11.2025 - 17:23:51 | dpa.deDie Folgen des Korruptionsskandals im ukrainischen Energiesektor weiten sich mit MinisterrĂŒcktritten aus. Nach einer Aufforderung durch PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte Energieministerin Switlana Hryntschuk ihr handgeschriebenes RĂŒcktrittsgesuch bei Facebook. MinisterprĂ€sidentin Julia Swyrydenko zufolge ersuchte zudem Justizminister Herman Haluschtschenko seinen RĂŒcktritt.Â
Selenskyj hatte zuvor beide dazu aufgefordert und in einer Videobotschaft die Parlamentsabgeordneten gebeten, «diese Gesuche zu unterstĂŒtzen».
Der ehemalige Energieminister Haluschtschenko ist einer von mehreren VerdĂ€chtigen in einem bisher unter FĂŒhrung von PrĂ€sident Wolodymyr Selenskyj beispiellosen Korruptionsskandal in der Ukraine. Er wird auch im Westen aufmerksam verfolgt, der die Ukraine in ihrem Kampf gegen den russischen Angriffskrieg mit Milliardenhilfen unterstĂŒtzt.Â
In seiner Videobotschaft sicherte Selenskyj den Antikorruptionsorganen UnterstĂŒtzung zu und kĂŒndigte an: «Es wird eine SĂ€uberung und einen Neustart bei der Leitung von Energoatom geben.»
Am Vortag hatte es bei Haluschtschenko Durchsuchungen gegeben. Er war seit Juli Justizminister. Von den Ermittlungen sind mehrere ehemalige und amtierende Regierungsmitglieder betroffen, darunter auch der Ex-Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow, der als enger Vertrauter Selenskyjs gilt.
Verdacht der GeldwÀsche in Millionenhöhe
Das Nationale AntikorruptionsbĂŒro (NABU) und die Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) der Ukraine hatten zuvor Ermittlungen bei dem fĂŒr den Betrieb der Kernkraftwerke zustĂ€ndigen Staatskonzern Energoatom bekanntgemacht. Es geht um Bestechungsgeld, das beim Bau von Schutzvorrichtungen um Energieanlagen gegen russische Luftangriffe geflossen sein soll. Am Dienstag sprach das AntikorruptionsbĂŒro von fĂŒnf Festnahmen und sieben VerdachtsfĂ€llen. Die Gruppe soll etwa 100 Millionen US-Dollar (86,4 Millionen Euro) an Schmiergeld gewaschen haben. Die Ermittler veröffentlichten auch ein Foto mit einem Berg an noch eingeschweiĂten Dollarscheinen.
Im Zentrum der Ermittlungen gegen die «hochkarĂ€tige kriminelle Organisation» steht Selenskyjs langjĂ€hriger Wegbegleiter Tymur Minditsch. Der 46-JĂ€hrige habe nicht nur Einfluss auf Haluschtschenko ausgeĂŒbt, sondern auch auf Ex-Verteidigungsminister Rustem Umjerow, wie Staatsanwalt Serhij Sawyzkyj Medienberichten zufolge sagte. Umjerow, der heute SekretĂ€r des Rates fĂŒr Nationale Sicherheit und Verteidigung der Ukraine ist, rĂ€umte in einer Stellungnahme zwar Kontakte zu Minditsch ein, wies aber KorruptionsvorwĂŒrfe strikt zurĂŒck.Â
Laut ukrainischen Medien könnte Minditsch auch in dem fĂŒr die Ukraine wichtigen Bereich der RĂŒstungsindustrie illegale GeschĂ€fte gemacht und sich bereichert haben. Er soll sich nach einem Tipp zu einer bevorstehenden Hausdurchsuchung ins Ausland abgesetzt haben. Dem ukrainischen Grenzschutz zufolge verlieĂ er die Ukraine jedoch legal.Â
ZusĂ€tzlich gab Regierungschefin Julia Swyrydenko bekannt, dass die von Selenskyj angekĂŒndigten Sanktionen gegen Minditsch und den ebenso verdĂ€chtigten Olexander Zukerman verhĂ€ngt werden sollen. Beide sollen sich Medienberichten nach in Israel aufhalten.
Selenskyj-Vertrauter gilt als HauptverdÀchtiger
Minditsch ist ein Vertrauter und GeschĂ€ftspartner von PrĂ€sident Selenskyj aus dessen Zeiten als Schauspieler. Der GeschĂ€ftsmann gehörte vor Selenskyjs Wahl zum PrĂ€sidenten 2019 zu dessen wichtigsten Begleitern - er ist unter anderem MiteigentĂŒmer des von Selenskyj gegrĂŒndeten Studios «Kwartal-95».
Der HauptverdĂ€chtige habe Einfluss auf staatliche Entscheidungen «im Energie- und im RĂŒstungsbereich» genommen, teilten die Ermittler nach 15-monatiger Arbeit an ihrer Operation «Midas» mit. Sie haben demnach auch 1.000 Stunden abgehörte GesprĂ€che der nun Beschuldigten aufgezeichnet. Die Beschuldigten sollen sich Decknamen zugelegt haben - Minditsch wurde demnach «Karlsson» genannt. Im Raum steht auch der Vorwurf, dass Minditsch mit seiner NĂ€he zu Selenskyj Einfluss auf Personalentscheidungen in der Regierung genommen haben könnte.
Energoatom hat fĂŒr die Ukraine besondere Bedeutung
Energoatom sprach von einem «Vorfall», der keinen Einfluss auf die finanzielle StabilitĂ€t des Unternehmens, die Stromproduktion und die Sicherheit der ukrainischen Kernkraftwerke habe. Der Staatskonzern gilt als besonders bedeutend, weil in dem Land der Hauptteil der Energieerzeugung von Atomkraftwerken kommt.Â
Die Energiewirtschaft steht besonders jetzt in der kalten Jahreszeit im Fokus, weil viele Anlagen durch die russischen Drohnen- und Raketenangriffe beschĂ€digt oder zerstört sind. FĂŒr die ukrainische FĂŒhrung kommt der Skandal zur Unzeit, weil viele Menschen in KĂ€lte und Dunkelheit sitzen, wĂ€hrend sich Beamte bei illegalen GeschĂ€ften bereichert haben sollen.Â
Minditsch und ein mit ihm befreundeter GeschĂ€ftspartner sollen zwischen 10 und 15 Prozent kassiert haben bei AuftrĂ€gen von Energoatom und das Geld dann ĂŒber ein Netz von Firmen gewaschen haben. Geld soll laut NABU ins Ausland abgeflossen sein, darunter auch nach Russland.
Es scheint um den gröĂten Bestechungsskandal der Ukraine zu Zeiten des seit mehr als dreieinhalb Jahren dauernden Krieges gegen den Angreifer aus Russland zu gehen. Das in die EU strebende Land gilt trotz Reformen immer noch als einer der Staaten in Europa mit der höchsten KorruptionsanfĂ€lligkeit.
GröĂter Fall fĂŒr Ermittler der Behörde NABU
Der Fall gilt fĂŒr die NABU-Ermittler als der wichtigste und gröĂte bisher. Tausende Menschen hatten im Sommer fĂŒr die UnabhĂ€ngigkeit der Behörde demonstriert, nachdem Selenskyj das NABU und die SAP in einem Eilverfahren politischer Kontrolle unterstellen wollte. Schon da gab es BefĂŒrchtungen bei vielen in der Ukraine, dass Selenskyj womöglich eigene Interessen verfolgen könnte, um sein Umfeld zu schĂŒtzen. Auf Druck der EU korrigierte er seine Entscheidung und gab den Behörden die UnabhĂ€ngigkeit zurĂŒck.
Bundesregierung: keine deutschen Gelder betroffen
Moskau nutzte den Skandal fĂŒr einen Seitenhieb gegen die westlichen UnterstĂŒtzer der Ukraine. Man gehe davon aus, dass der Korruptionsskandal auch in den europĂ€ischen HauptstĂ€dten und in den USA beachtet werde, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow russischen Agenturen zufolge. Das seien schlieĂlich aktive Geldgeber Kiews. «NatĂŒrlich beginnen diese LĂ€nder tatsĂ€chlich besser und besser zu verstehen, dass ein bedeutender Teil des Geldes, das sie ihren Steuerzahlern abnehmen, vom Kiewer Regime geplĂŒndert wird», behauptete er.
Nach Angaben der Bundesregierung sind allerdings trotz umfangreicher UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine keine deutschen Gelder vom dortigen Korruptionsskandal betroffen. «Uns liegen keine Erkenntnisse vor, dass von den VorfĂ€llen UnterstĂŒtzungsmittel Deutschlands betroffen sind», sagte ein Sprecher des Entwicklungsministeriums in Berlin. Auch FĂ€lle von Korruptionsversuchen bei deutschen Unternehmen seien nicht bekannt.
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